Busmanufaktur Kassel

Was, wenn wegen Corona plötzlich nichts mehr geht? Unternehmen kämpfen mit kreativen Ideen ums Überleben, manche haben sogar profitiert. Drei Beispiele aus Nordhessen.

Eine Bar, die zur Lockdown-Bäckerei wird

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Besuch in der Lockdown-Bäckerei

Braumanufaktur Steckenpferd
Ende des Audiobeitrags

Pascal Mock hat seine Bar "Zu Dope" in Kassel eine Woche vor dem Teil-Lockdown eröffnet - und zwangsläufig gleich wieder dicht gemacht. Aber nur, um kurze Zeit später mit einer neuen Idee durchzustarten: Er verwandelt die Bar in eine Lockdown-Bäckerei. "Wir haben das gemacht, was wir in der Gastro schon lange machen: uns verrückte Sachen einfallen lassen", sagt er. Und so gibt es am Weinberg in der Südstadt Brötchen statt Bier und Croissants statt Cocktails, dazu entspannte Live-Beats von DJ Big L. Der freut sich, dass er trotz Clubschließung wieder die Teller drehen kann.

Mock will mit seiner Lockdown-Bäckerei Kunden eine Ablenkung von den täglich wiederkehrenden Corona-News bieten: "Ich höre beim Bäcker nebenan ein paar chillige Beats. Das macht gute Laune, und ich starte anders in den Tag", verspricht er. Neue Kunden wunderten sich kurz - und seien dann begeistert. Den Weg in die Lockdown-Bäckerei finden immerhin nicht nur klassische Bar-Besucher. "Vom Studenten bis zur Oma aus der Nachbarschaft sind alle dabei", erzählt Ersan Demirsoy vom Bar-Team.

Bis zum Ende des Lockdowns soll es im "Zu Dope" noch Brötchen, Brownies, Donuts und Croissants geben - zum Teil stammen diese von anderen regionalen Anbietern. Wenn der Corona-Spuk vorbei ist, will Mock da weitermachen, wo er aufgehört hat. Wer weiß, ob sich das Frühstück im "Zu Dope" nicht bis dahin etabliert hat - ganz sicher wird das Team daran anknüpfen. Eine Bar mit Frühstücksangebot am Wochenende und DJ am Pult könnte eine Idee sein, verrät Demirsoy. Eine erfolgsversprechende obendrein, ist sich Mock sicher: "Die, die am meisten getan haben, haben am Ende überlebt."

Eine Busmanufaktur tanzt auf drei Hochzeiten

Busmanufaktur Kassel

Mit den eigenen VW-Bussen und der vergeblichen Suche nach geeigneten Werkstätten für ihre Bullis fing alles an. Philipp und Lutz Mehlhorn aus Immenhausen (Kassel) betreiben seit 2017 eine Busmanufaktur - nebenberuflich und aus purer Leidenschaft. Bulli-Fans aus ganz Deutschland können ihre Schätze bei den Brüdern in die Werkstatt und in gute Hände geben. Gemeinsam mit einem Karosseriebauer und einem Mechaniker werden die alten Busse repariert und restauriert - im engen Austausch mit den Kunden.

Sechs bis zwölf Monate dauert es, bis ein Bus fertig ist. Alles wird nach Wunsch technisch auf den neuesten Stand gebracht und neu lackiert. Aktuell stehen fünf Busse auf dem Hof, die nächsten schon in der Warteschleife - und neue Anfragen kommen immer wieder rein. "Hinten raus wird es immer schwerer, konkrete Terminzusagen zu machen", erklärt Lutz Mehlhorn. Bulli-Fahrer suchten verzweifelt nach Spezialisten. Auf der Website der Brüder heißt es mittlerweile: "Wir sind für 2,5 Jahre ausgebucht!"

Neben der Werkstatt für alte Schätze vermieten und verkaufen die Mehlhorns gebrauchte und neue VW-Busse. Und dieses Geschäft boomt in der Corona-Zeit so richtig: Ursprünglich waren fürs laufende Jahr 16 neue Camper bestellt. "So viele wie noch nie", berichtet Lutz Mehlhorn. Dann kommt der erste Teil-Lockdown - und im Anschluss der Ansturm auf die Fahrzeuge. Insgesamt 20 restaurierte und neue Camper fahren letztlich in Espenau (Kassel) vom Hof - mit einem Geschenk des Hauses für Campingbus-Neulinge: einer tragbaren, chemischen Toilette, die Campingbusse sonst nicht an Bord haben.

"Eine unglaubliche Dynamik hatte das", erinnert sich Lutz Mehlhorn heute. Im September sind alle Fahrzeuge verkauft und der Hof leer. Für 2021 ist die Bestellung schon raus, zu ihren verbliebenen Vorführwagen haben die Mehlhorns weitere 15 Fahrzeuge geordert. Dazu werden die Brüder mit ihrem Team zwei Busse in Eigenregie ausbauen, als Test. Ihr Ziel: ein einfacher Bulli ohne Schlafdach und Schnickschnack, aber mit allem, was man für einen Campingurlaub braucht. Und so tanzen die Bus-Liebhaber aus Espenau auf gleich drei Hochzeiten: Werkstatt, Vermietung und Verkauf.

Ein Konterbier gegen die Krise

Braumanufaktur Steckenpferd

2016 haben Johannes Alt und Erik Schäfer ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie brauen neben ihrem Studium Bier in einer alten Metzgerei am Pferdemarkt, "im Bermudadreieck von Kassel", wie Schäfer erzählt. "Zwar irgendwie mittendrin, aber keiner findet es." Einige Leute finden es aber doch. Ihre Kundschaft ist gemischt: Ein paar Stammgäste, dazu immer wieder neue Gesichter, Studenten, Rentner - Menschen im Alter zwischen 20 und 80. Sie alle kommen zum Biertrinken, aber auch, weil Mahmoud El Kurdi dort kocht. Der Student hat Rezepte seiner Eltern und Großeltern aus Beirut mitgebracht, und so trifft im "Steckenpferd" nordhessische Braukunst auf Snackgerichte aus dem Orient.

Das war vor Corona. Aber wie kommt so eine kleine Braumanufaktur durch die Krise? Schäfer und sein Mitbegründer Alt haben im ersten Teil-Lockdown schnell umgeschaltet - und aus ihrer Brauerei mit Restaurant kurzerhand einen Lieferdienst mit Online-Shop gemacht, Werksverkauf inklusive. Ihre Produkte: handgemacht. Von der Rezeptur, über den Brauvorgang in einer Witzenhäuser Brauerei bis hin zu selbst gestalteten Etiketten und dem Vertrieb. Beide beliefern neben regionalen Getränkemärkten auch inhabergeführte Läden, die das Bier als nordhessisches Mitbringsel im Sortiment aufnehmen.

Eine für 2021 geplante, dritte Biersorte bringen die beiden zur Corona-Krise spontan auf den Markt. Ein Pils soll es sein, etwas günstiger als die beiden anderen Biere der Brauerei. Der Name ist schnell geboren: Krisen-Konter-Pils. Eine Hommage an das Konterbier - nur eben unter anderen Bedingungen: "Ein Konterbier hilft gegen den Kater vom Vortag, wir brauchten ein Bier gegen die Krise", erinnert sich Schäfer. Die Sorte hat die kleine Brauerei ein bisschen über die unsichere Zeit gerettet, dennoch ist der Umsatz um rund 60 Prozent eingebrochen. Ähnlich wie die großen Brauereien trifft es auch die "Steckenpferds". Sie haben ihr Bier zwar nicht im Fass in Gaststätten vermarktet, sondern vor allem auf Märkten und Festen direkt vertrieben. Diese Einnahmen fehlen jetzt.

Dank Corona-Soforthilfen und Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter sind die Bierbrauer noch einigermaßen flüssig, und sie planen bereits neue Projekte. Eine Kooperation mit einer Brauerei aus Witzenhausen und einer Kasseler Bäckerei ist schon angeschoben. Gemeinsam wollen sie etwas gegen die Lebensmittelverschwendung unternehmen und voneinander profitieren. Mit einem Bier aus altem Brot - und einem Brot, das mit vom Brauvorgang übrig gebliebenem, ausgewaschenen Malz gebacken wird. Und sie freuen sich auf die Zeit nach der Krise, wenn alle ihr Bier wieder draußen trinken können und man, wie Schäfer betont, wieder "Leute mit glücklichen Gesichtern sieht".

Sendung: hr4, 19.11.2020, 7:40 Uhr