Blick von oben: Ehemaliges Ymos-Gelände in Obertshausen
Das größte zusammenhängende Grundstück in Offenbach ist das ehemalige Allessea Gelände. Hier will die Stadt ein Gewerbegebiet errichten. Bild © hr

Wenn die Industrie weniger wird, könnte auf den freien Flächen doch Wohnraum enstehen? Dass das oft wegen hoher Schadstoffbelastungen nicht möglich ist, zeigen drei Beispiele aus dem Rhein-Main-Gebiet.

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hs

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Gut 74 Hektar bestes Baugelände mitten im Frankfurter Stadtteil Griesheim und keine Chance, dass hier jemals Wohnungen entstehen: Rund 150 Jahre Chemieproduktion haben dort ihre Spuren hinterlassen. Der Boden unter dem heute von Infraserv betriebenen Industriepark ist mit Giftstoffen belastet, unter anderem mit dem Seveso-Gift Dioxin.

Die Ankündigung des Chefs von Infraserv, Jürgen Vormann, dass an dem Standort Griesheim in spätestens 15 Jahren keine Chemieproduktion mehr stattfindet, hat die Bürgerinitiative mainGriesheim hellhörig werden lassen. Sie sehen Handlungsbedarf, um jetzt die Weichen zu stellen, dass aus dem Industrieareal, das etwa 15 Prozent der Fläche ihres Stadtteils abdeckt, keine Industriebrache wird. Die Gefahr besteht, denn der Boden ist hoch belastet. "Es sind hier solche Konzentrationen an Altlasten, dass das Areal niemals wird saniert werden können", sagt Ursula Schmidt von der Bürgerinitiative.

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Chemieproduktion in Frankfurt Griesheim

Seit mehr als 150 Jahren werden in Frankfurt Griesheim chemische Produkte hergestellt. Doch der Niedergang zeichnet sich bereits seit Anfang der neunziger Jahre ab. Wo einst mehr als 3.000 Menschen beschäftigt waren, sind es jetzt nur noch etwa sechshundert.

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Gefahrgutdepot mit hoher Giftbelastung

Das Grundwasser unter dem Chemiegelände wird an rund 50 Stellen abgepumpt und in eine Kläranlage geleitet, damit es nicht in die Umwelt gelangt. "Das sind Lasten für die Ewigkeit, die dort zu tragen sind", so Schmidt.

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 Chemie-Gelände in Frankfurt Griesheim

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Chemie-Altlasten: Exit-Strategien für ehemalige Industriegebiete

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Das Gelände gilt offiziell als Gefahrgutdepot. Die hohe Giftbelastung verbietet es, die Erde abzugraben und gegen neue auszutauschen, weil sonst zu viel Dioxin freigesetzt würde. "Wir machen uns dafür stark, dass alle Beteiligten bald mit der Planung beginnen, was hier nach dem Ende der Chemieproduktion entstehen soll", sagt Schmidt. Für Wohnungen kommt das Areal zwar nicht in Frage, aber für andere Gewerbe könnte das Gelände weiter genutzt werden.

Obertshausen – Hoffnung nach 20 Jahren Stillstand

Beispiele für lange leer stehende Industriegelände mit Altlasten gibt es im Rhein-Main-Gebiet einige. In Obertshausen im Landkreis Offenbach etwa produzierte Ymos in einem großen Werk Teile für die Autoindustrie. Vor 20 Jahren kam das Aus, Ymos meldete später Insolvenz an. Zurück geblieben ist Boden, der durch Lösungsmittel verunreinigt ist. Die Sanierung des Bodens ist nach Angaben des zuständigen Regierungspräsidiums Darmstadt möglich, kostet aber sehr viel Geld. Stellenweise müsse der Boden mehrere Meter abgegraben werden. Der private Investor Cura GmbH will auf dem Yomos Gelände ein Wohn- und Gewerbegebiet erschließen. Allerdings ziehen sich Verhandlungen mit dem Land Hessen hin. Cura will, dass die öffentliche Hand die Bodensanierung bezahlt. Eine vertragliche Einigung über die Kostenaufteilung wird nun für diesen Sommer erwartet.

Stadt Offenbach macht Druck auf privaten Eigentümer

In der Stadt Offenbach hingegen ist man noch weit entfernt von einer Lösung für ein 35 Hektar großes Grundstück. Auf dem Gelände des ehemaligen Allessa Chemiewerks wurde vor neun Jahren die Produktion eingestellt. Die meisten Hallen und Gebäude wurden vom Eigentümer Clariant bereits abgerissen. Dort lauern nach Angaben der Stadt giftige Rückstände aus mehr als einem Jahrhundert Chemieproduktion im Boden.

Der Schweizer Chemiekonzern Clariant hat aus Sicht der Stadt keine Ambitionen gezeigt, dass Areal zu erschließen. Deshalb hat die Stadt den Druck erhöht und das Baurecht bis zum Äußersten ausgereizt. "Es geht uns nicht darum, zu enteignen. Uns ist es wichtig, zu einem Ergebnis zu kommen", erklärt Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD). Noch laufen Verhandlungen mit Clariant. Am Ende des baurechtlich erzwungenen Verkaufs an die Stadt könnte ein Gutachter den Preis festsetzen, zu dem Clariant dann verkaufen muss. Die Stadt will ein Gewerbegebiet errichten. Angepeilt wird jetzt das Jahr 2030.

SPD fordert Standortmanager für Griesheim

In Frankfurt-Griesheim hoffen die Bürger, dass es nach dem Aus mit Ansage für die Chemieproduktion nicht Jahrzehnte dauert, bis was Neues geschieht. Die Stadtverordnete Birgit Puttendörfer (SPD) fordert von der Stadt, einen Standortmanager einzusetzen. Dieser könnte alle Beteiligten an einen Tisch holen, um die Weichen in Richtung Zukunft schon bald zu stellen.