Füße, die in Nike Sneakers stecken

Limitierte Sneaker sind teuer. Onlinehändler benutzen deshalb Programme, die automatisch solche Schuhe im großen Stil aufkaufen – andere Kunden gehen leer aus. Aus Protest hat ein Frankfurter Händler den Computern statt der Sneaker nur Fotos von Sneakern verkauft, ganz legal.

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zum Video Computer-Bots mit Schuhfotos reingelegt

hs
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Zwischen Campingstühlen und Kopfsteinpflaster hockt Simon Busch und wartet vor einem Skate-Shop in Frankfurt. Er und die meisten Jugendlichen um ihn herum sind schon im Morgengrauen aufgestanden. Für coole Schuhe sind sie bereit, Opfer zu bringen - vor allem für Sneaker. Denn das Bonkers wird um 12 Uhr aufmachen und eine limitierte Sneaker-Sonderausgabe verkaufen, nicht mal 50 Paar gibt es.

Also sitzen und stehen die Schuh-Fans draußen Schlange. Das ist eigentlich gut für einen Laden. Aber die Sneaker-Fans haben dem Bonkers-Mitgründer Martin Schreiber in den letzten Wochen nicht nur weltweite Aufmerksamkeit, sondern auch Probleme beschert.

"Wir wollten unsere Ruhe"

Denn Schreiber verkauft seine limitierten Sneaker nicht nur im Laden in Frankfurt-Sachsenhausen, sondern auch im Online-Shop. Der Andrang auf der Internetseite des Ladens, als er das letzte Mal begehrte Schuhe anbot, war riesig: "Wir hatten bis zu 700.000 Aufrufe in einer Minute", berichtet Schreiber.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So hat der Frankfurter Shop Onlinehändler ausgetrickst

Ein neuer Sneaker steht im Schuhladen auf einem Schukarton.
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Weltweit hatten Menschen Bots auf Schreibers Online-Shop angesetzt - diese Computerprogramme aktualisieren die Seite ständig automatisch, bis die Schuhe verfügbar sind und sie sie in Sekundenbruchteilen kaufen können. Die Website brach immer wieder zusammen, und Schreiber begann zu überlegen: "Wir wollten unsere Ruhe - und die Leute mit ihren Computer-Bots abschrecken."

Dass überhaupt so viele Bots auftauchen, liegt an sogenannten Resellern. Das sind Händler, häufig aus den USA, Kanada, Japan, die sich möglichst viele der begehrten Schuhe sichern und sie online für ein Vielfaches weiterverkaufen wollen. Sammler, die beim eigentlichen Verkauf leer ausgegangen sind, bezahlen hunderte, in Extremfällen tausende Euro. Aber Schreiber wünscht sich, dass sich die Liebhaber die Schuhe nicht erst nachträglich noch teurer online kaufen müssen. "Die Schuhe sollten an die Leute gehen, die sie wertschätzen, und nicht an die, die den meisten Profit daraus schlagen wollen."

Martin Schreiber in seinem Skate Shop "Bonkers" in Frankfurt

Zusammen mit dem zweiten Gründer Fabian Herkelmann hatte Schreiber eine Idee, um die Computerprogramme auszutricksen. Die Bots sollen statt der Schuhe nur noch Fotos der Schuhe bekommen, die echten Schuhe gehen nur an echte Menschen. Gemeinsam bauten sie im Online-Shop ein Angebot zusammen - sieben Bilder von den Schuhpaaren für je zehn Euro, im Paket also 70 Euro. Im Angebotsnamen steht "Bild von Schuh", in der Produktbeschreibung, dass es sich nur um Fotos handelt. Im Kleingedruckten war dann zu lesen, dass das Produkt digital verschickt wird und nicht zurückgegeben werden kann. Und seine Idee war erfolgreich: Die Bots schlugen bei den Schuhbildern zu.

Schuhfotos kaufen - für 7.000 Euro

Das konnte klappen, weil die Programme nur nach dem Produktnamen filtern. Sie können das Angebot "Bild vom Schuh" nicht vom Schuh selbst unterscheiden. Allein ein Bot aus China habe so 100 Bildpakete bestellt, für 7.000 Euro.

"Es gab auch ein paar Leute, die einzelne Paare für sich bestellt und uns dann geschrieben haben, denen haben wir einen Gutschein gegeben", erzählt Schreiber. Ein Rückgaberecht hatten die Käufer nicht, weil in der Produktbeschreibung eindeutig steht, dass es nur um Bilder geht. Die richtigen Schuhe verkaufte er währenddessen über ein altes weißes Handy. Oder die Schuhe gingen gleich nur an die Camper vor dem Laden.

Sneakers Online-Angebot, Fotos kaufen

Mittlerweile hat Martin Schreiber Interviewanfragen aus Japan und den USA - und ein neues Problem. Sein Trick ist bekannt geworden. "Wir stellen im Moment keine Fotos in den Online-Shop, weil das eh alle wissen", sagt er. Er setzt auf den Überraschungseffekt.

Demnächst will er mal wieder Sneaker-Bilder statt Sneaker verkaufen. Derzeit gehen die Schuhe aber nur im Laden über die Theke. Und während er dort die Sneaker-Fans nach und nach mit dem neuesten Modell versorgt, schreibt ihm ein bekannter Laden aus London: Das mit den Fotos, das machen sie jetzt auch.

Weitere Informationen

Was ist ein Bot, und wie funktioniert das?

Bots sind Computerprogramme, die bestimmte Aktionen im Internet automatisch ausführen, ohne dass der Nutzer selbst etwas tun muss - zum Beispiel ein bestimmtes Schuhmodell kaufen, sobald das verfügbar ist. Dafür gibt der Nutzer dem Bot zunächst vor, was genau er tun soll. Bei einem Online-Shop definiert er für den Bot also, was der automatisch kaufen soll: drei Mal das Schuhmodell "XY" in Größe 37.

Der Bot aktualisiert die Seite dann immer wieder von selbst, bis er die Aktion ausführen kann. So ist er schneller als ein Mensch, der Bot sichert sich das Produkt also vor allen anderen. Bots kommen oft dort zum Einsatz, wo das Angebot begrenzt ist. Nicht nur bei Schuhen, sondern zum Beispiel auch für beliebte Konzerttickets. Die passenden Bots für die verschiedenen Online-Shops gibt es oft im Internet zu kaufen.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.08.2019, 19.30 Uhr