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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wenn Großunternehmen Hamsterkäufe tätigen

Ein Mitarbeiter von Pharmaserv Logistics in Marburg mit dem "blauen Gold", also Desinfektionsmittel, auf dem Gabelstapler im Lager.

Ob Desinfektionsmittel oder Atemschutzmasken: Pharmaserv Logistics aus Marburg hat die Mangelware noch und beliefert Großkunden in aller Welt. In der Corona-Krise trifft so manches unmoralische Angebot ein.

Martin Egger steht in einer der fünf Lagerhallen von Pharmaserv Logistics. Die gigantischen Regale sind bis zur Decke vollgepackt mit Impfstoffen, Medikamenten und den momentan weltweit heißbegehrten Mangelwaren. Hier gibt es sie noch: Schutzanzüge, Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken.

Der Geschäftsführer spricht mit einem Mitarbeiter über einen Lastwagen, der in einer Stunde das Lager verlassen soll – in Richtung Italien. "Kriegen wir noch mehr Ware auf den Lkw drauf?", fragt Egger und erklärt: Noch dürften seine Lkw-Fahrer ins Land rein. Deshalb sollen Lieferungen vorgezogen werden, um möglichst viele Arzneimittel nach Italien zu bekommen. Vorschub leisten für den Fall, dass "die Situation in Italien weiter eskaliert und es irgendwann nicht mehr so einfach möglich ist, nach Italien zu liefern".

Eine halbe Million Atemschutzmasken pro Jahr

Das Marburger Logistikunternehmen sitzt gerade im Auge des Corona-Sturms. Pharmaserv stellt zwar selbst keine Produkte her, beliefert aber Großkunden auf der ganzen Welt: Krankenhäuser, Apotheken, vor allem aber die vielen Pharmabetriebe im Marburger Raum. Das Logistikunternehmen liefert zum Beispiel Arzneimittelrohstoffe, aber pro Jahr auch über 20 Tonnen Desinfektionsmittel und rund eine halbe Million Atemschutzmasken.

Und besonders diese pharmazeutischen Einmalprodukte würden tatsächlich immer knapper, sagt Egger: Das chinesische Wuhan sei ein wichtiges Produktionszentrum für diese Waren – und dort stehe seit Wochen die Produktion still. "Und China war auch clever, relativ schnell hier in Europa Bestände zu kaufen", sagt Egger. Zu der Zeit hätten hier in Deutschland viele noch gar nicht bemerkt, wie ernst die Lage ist.

Auch Großkunden versuchen zu hamstern

Mario Kajewski leitet bei Pharmaserv den Bereich "Supply Chain & Services". Er verantwortet eine Art Onlineshop für Großkunden. Seit Wochen suche sein Team händeringend Restbestände und Alternativprodukte auf der ganzen Welt und kaufe sie auf. "Wir haben noch Ware da, aber von den Lieferanten bekommen wir aktuell nichts mehr." Kajewski berichtet von hunderten Telefonaten, die sein Team derzeit führe, von gestiegenen Preisen im Einkauf und einem "Puffer", den es momentan noch gebe. Aber wie lange der noch reicht – darauf will er sich nicht festlegen.

Mario Kajewski (li.) und Martin Egger von Pharmaserv Logistics

Wenn Privatleute momentan die Hamster bei der Vorratshaltung sind, dann sind Großkunden wohl die Braunbären. Kajewski berichtet: Großkunden würden derzeit alles versuchen, um an möglichst viele Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken zu kommen. "Die wollen am liebsten alles, was da ist", sagt er.

Damit aber alle Stammkunden versorgt werden können, teile Pharamserv die gefragte Waren derzeit ganz bewusst ein. "Die Kunden bekommen das, was sie auch in den letzten Jahren in diesem Zeitraum gebraucht haben", erklärt Kajewski und sagt: Diese Hysterie verursache ihm und seinen Mitarbeitern momentan den meisten Stress.

Unmoralische Angebote

Neukunden nimmt das Unternehmen derzeit gar nicht mehr an, obwohl sich jeden Tag 20 bis 30 Interessierte melden. Mario Kajewski berichtet auch, dass so manches unmoralische Angebot hereinflattere: "Es passiert auch, dass Kunden sagen: Ich bezahle so und so viel mehr. Aber an diesen Dingen beteiligen wir uns nicht." Das Unternehmen fahre da eine klare Strategie und verkaufe die Produkte weiterhin zu einem fairen Preis. "Wir wollen uns auch nicht in irgendeiner Art und Weise an dieser Krise bereichern. Das ist unlauter aus unserer Sicht."

Geschäftsführer Martin Egger betont immer wieder: Möglicherweise an Corona zu erkranken, das sei das eine. Auch er wolle sich lieber nicht anstecken. Aber die wahre Krise sei für ihn eine andere. "Wir müssen die Produktion von lebensrettenden Medikamenten aufrecht erhalten", betont er immer wieder.

"Die wahre Krise ist für uns eine andere"

Egger zeigt auf einen großen Glaskasten, der mitten im Logistikzentrum steht. Es ist eine Art Raum im Raum, in dem zwei Laborantinnen in weißen Ganzkörperanzügen an einem Tisch hantieren. Der Geschäftsführer erklärt, dass dort die Rohstoffe beprobt werden müssten, mit denen Pharmaserv die Arzneimittelhersteller beliefert. Nach jeder Probe müsse der Raum dann komplett desinfiziert werden. "Solche Reinräume gibt es nicht nur hier, sondern unzählige in den Pharmaunternehmen hier in der Umgebung", sagt Egger.

Das zeige, welche Unmengen an Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung zur Arzneimittelproduktion benötigt werden. "Stehen die nicht mehr zur Verfügung, bleibt die Arzneimittelherstellung stehen. Und wir haben nachher keine Krebstherapeutika, Gerinnungspräparate, Impfstoffe und so weiter. Das ist die eigentliche Krise von dieser Knappheit, die wir versuchen zu verhindern."

Sendung: hr-iNFO, 10.3.2020, 17.30 Uhr