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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Berufsanfänger in der Corona-Krise

Eine Frau steht vor einer Zettelwand mit Stellenangeboten.

Die Arbeitslosigkeit nimmt in der Corona-Krise zu, die Zahl der Ausbildungsstellen sinkt. Das trübt die Aussichten für Berufsanfänger und Absolventen.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt verdüstert sich. Die Arbeitslosenquote stieg in Hessen im Mai auf 5,6 Prozent (1,2 Prozentpunkte mehr als im Vorjahresmonat). Die Corona-Krise schlägt voll durch, vor allem bei der Kurzarbeit: Betriebe in Hessen meldeten zwischen März und Mai für rund 840.000 Menschen Kurzarbeit an, wodurch die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter zu zwei Dritteln übernimmt.

Stellenangebote für Berufsanfänger oder Lehrlinge werden weniger. Der Ausbildungsmarkt verlangsamt sich, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur am Mittwoch berichtete. Bis Mai meldeten sich mit 32.859 jungen Menschen rund 3.000 Bewerber weniger als vor einem Jahr. Auch die Zahl der Ausbildungsstellen sank binnen Jahresfrist um rund 3.000 - auf gut 31.300.

Bewerbungsverfahren kurzfristig ausgesetzt

Felix Pflüger, Student der Umweltwissenschaften in Gießen

Die gesunkenen Chancen spürt zum Beispiel der Gießener Student Felix Pflüger. Er studiert Umweltwissenschaften und steht kurz vor seinem Abschluss. Auf die wenigen vorhandenen Stellen bewirbt er sich bereits - mitunter hat er frustrierende Erfahrungen gemacht: "Einen Job bekam ich nicht, weil die Ausschreibung während des Bewerbungsverfahrens zurückgenommen wurde. Die NGO, bei der ich anfangen wollte, hatte finanzielle Probleme bekommen."

Die Nichtregierungsorganisation litt unter den Folgen der Corona-Krise und schickte ihre Stammbelegschaft in Kurzarbeit, wie der Umwelt-Student berichtet. Für Berufsanfänger wie Pflüger war da plötzlich kein Platz mehr.

Eben noch alle Chancen, jetzt Fragezeichen

Mark Bienkowski, Student des Sozialrechts und der Sozialwirtschaft in Kassel

Die Krise infolge der Pandemie mache den Einstieg ins Berufsleben deutlich schwieriger, findet auch Mark Bienkowski. Er ist 31 Jahre alt, studiert in Kassel Sozialrecht und Sozialwirtschaft und will in einem Jahr seinen Abschluss machen.

Was er danach anfangen soll, bereitet ihm schon jetzt Kopfzerbrechen. "Vor der Krise konnte man sich sicher sein, nach dem Studium einen Job zu finden angesichts der günstigen Situation auf dem Arbeitsmarkt", sagt Bienkowski: "Jetzt sind da viele Fragezeichen."

Schnelles Aus im Hotel

Mireille Heubel dachte, sie wäre einen Schritt weiter und hätte einen Job ergattert. Anfang des Jahres fing die 22-Jährige in einem Frankfurter Hotel an - dann kam die Krise. Die Berufsanfängerin war ihren Job gleich wieder los.

Heubel berichtet: "Mein Chef legte mir einfach nur die Kündigung vor. Ich musste sie hinnehmen, weil ich mich noch in der Probezeit befand." Während der Probezeit kann ein Arbeitgeber Beschäftigten kündigen, ohne einen Grund anzugeben. Dabei war in diesem Fall der Grund offensichtlich. "Weil der Arbeitgeber nicht sicher war, wie es nach der Krise mit seinem Hotel weitergeht, kündigte er allen Mitarbeitern außer einer, die schwanger war und einen besonderen Kündigungsschutz genoss“, berichtet Mireille Heubel vom Ende ihres ersten Jobs.

Appell an Unternehmen, trotzdem auszubilden

Ähnlich ergeht es vielen Auszubildenden, berichtet Michael Gutmann, der bei der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten als Referent für Hessen zuständig ist: "Azubis haben sehr oft die Ausbildungsstelle verloren und werden voraussichtlich auch nicht wieder eingestellt." Viele Betriebe strichen ihre Ausbildungsplätze aufgrund der Entwicklung der vergangenen drei Monate, beobachtet der Gewerkschafter.

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bestätigen Gutmann. Deren hessische Regionaldirektion ruft Unternehmen dazu auf, selbst in der Krise nicht weniger auszubilden. Andernfalls verschärfe sich der Fachkräftemangel.

Wirtschaftsstudenten ohne Klagen

Im Gegensatz dazu wirkt die Frankfurt School of Finance and Management fast wie eine Insel der Glückseligen. Karin Reuschenbach-Coutinho bereitet hier Studenten auf den Jobeinstieg vor. Sie sagt: "Die Stimmung ist erstaunlich gut. Von Dramen beim Berufseinstieg können wir hier nichts berichten. Allerdings müssen manche besser einen Plan B haben."

Eine Jobgarantie beim Wunscharbeitgeber gibt es auch für die Studenten der Wirtschaftshochschule nicht. Doch wenn sie sich flexibel zeigten, sagt Reuschenbach-Coutinho, müssten die Berufsanfänger nicht einmal beim Einstiegsgehalt Einbußen hinnehmen. Die Krise trifft eben nicht alle gleich.

Sendung: hr-iNFO, 03.06.2020, 9.35 Uhr