Arbeiter steht vor einem Schild auf dem Boden mit der Aufschrift "Keep a safe distance"

Die Pandemie trifft Unternehmen ganz unterschiedlich. Während die Lebensmittelbranche und die Medizin- und Hygienemittelproduktion boomen, müssen andere den Betrieb einstellen.

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Produktionen stehen teilweise ganz still, Großveranstaltungen wurden bis zum 31. August verboten, andere Firmen wiederum haben ihre Produktionen von einem auf den anderen Tag auf dringend benötigte Ware umgestellt: Die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung, die eine schnelle Verbreitung des Coronavirus verhindern sollen, haben die Wirtschaft in Hessen in einen Ausnahmezustand versetzt.

Auch wenn seit Montag die Läden unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen dürfen, leiden viele Unternehmen unter den Einschränkungen. Bei einigen hingegen hat die Corona-Krise das Geschäft angekurbelt. Sechs Beispiele:

1. Messe Frankfurt: Messen abgesagt und verlegt

Symbolfoto Messe Frankfurt: Messeturm spiegelt sich am Messegebäude der Halle 12

Die Verlegung der Messe "Light + Building" Mitte März habe bei dem Frankfurter Messeveranstalter den Anfang der Krise in Deutschland markiert. Wegen des Coronavirus hatte sich das Unternehmen im Februar dazu entschieden, die Messe für Licht und Gebäudetechnik in Frankfurt auf Ende September zu verschieben. In China sei es schon vorher zu Verlegungen gekommen, wie ein Unternehmenssprecher erklärte. Dort sei die Messe Frankfurt als Gastveranstalter ohne firmeneigenes Messegelände tätig.

Bis zu 40 geplante Messen des Unternehmens hätten inzwischen weltweit verlegt werden müssen, die Zahl steige weiterhin. Einige jährliche Veranstaltungen habe die Messe auch für dieses Jahr komplett absagen müssen. "Jeder versucht nun, die Messen in das Spätjahr zu legen und außerdem ist eine Verlegung auch nicht für jede Branche sinnvoll aufgrund von Order- und Produktionszyklen."

Der Großteil der Messen werde allerdings verlegt. "Doch die Situation ist hochvolatil, wer weiß, was im August und September passiert", so der Sprecher. Das Unternehmen bereite derzeit die Einführung von Kurzarbeit vor.

2. Klopapier-Hersteller Essity: 760.000 Rollen am Tag

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zum Video Toilettenpapier-Produktion nimmt zu

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Die Essity-Klopapier-Fabrik in Witzenhausen (Werra-Meißner) produziert derzeit mehr Toilettenpapier denn je. In Zeiten von Corona, in denen sich die mehrlagigen Blättchen dank landesweiter Hamsterkäufe zu weißem Gold entwickelt haben, stehen die Maschinen nicht mehr still. "Wir produzieren 24 Stunden am Tag, jeden Tag, auch an Ostern", berichtete Logistik-Chefin Karin Kieser dem hr.

Ins Lager komme keine einzige Rolle mehr, das Klopapier gehe direkt in den Verkauf. Und das ist eine ganze Menge, wie auch Werksleiter Dieter Haschke betonte: "Wir stellen pro Tag knapp 760.000 Rollen her." Umgerechnet könnte also jeder Bürger Frankfurts jeden Tag eine neue Rolle haben. "Die Versorgung ist sichergestellt, niemand muss sich Sorgen machen."

3. Rewe, Nahkauf, Penny, Alnatura & Co: "Hamsterkäufe"

Menschen tragen Atemschutzmasken und stehen vor einem Supermarkt in einer Schlange.

Wer in den vergangenen Wochen Mehl, Nudeln, Seife, Toilettenpapier oder Desinfektionsmittel in Geschäften gesucht hatte, ging vermutlich das eine oder andere Mal mit leeren Händen nach Hause. Der Grund: Die Coronakrise hatte zunehmend zu einem gesteigerten Kaufverhalten geführt, Supermarkt- und Drogerie-Regale wurden leergekauft. Einige Städte in Hessen sind mit strengen Maßnahmen gegen Hamsterkäufer vorgegangen.

Lang haltbare Lebensmittel, Nährmittel, Konserven und Drogerieartikel hätten eine deutlich erhöhte Nachfrage in den Geschäften und beim Lieferservice der Rewe Group verzeichnet, wie ein Sprecher mitteilte. Das Unternehmen habe die Frequenz zur Belieferung ihrer Märkte entsprechend erhöhen müssen. Zur Rewe Goup zählen Supermarktketten wie Rewe, Nahkauf und Penny. "In den vergangenen Tagen hat sich die Lage in unseren Märkten ein Stück weit normalisiert", so der Sprecher.

Auch beim Darmstädter Bio-Lebensmittelmarkt Alnatura habe sich die Lage inzwischen sehr beruhigt. Es gebe zwar noch vereinzelte Regallücken, die Situation sei aber nicht mehr so angespannt wie vor einigen Wochen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Neben der üblichen Hamsterware sei Ingwer und Kurkuma bei Kunden sehr beliebt gewesen, "weil sie wohl als besonders gesunde Produkte gelten", vermutete die Sprecherin.

Das erhöhte Kaufverhalten spiegele sich bei der Rewe Group und Alnatura auch im Umsatz wider, wie die Konzerne bestätigten. "Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die Bevorratung mit lang haltbaren Lebensmitteln nach der Bewältigung der Krise zu Zurückhaltung bei diesen Warengruppen führen wird", prognostizierte der Rewe-Group-Sprecher. "Darüber hinaus gehen mit der derzeitigen Geschäftstätigkeit am Limit überdurchschnittliche Kosten etwa durch Sonderschichten, Sonderzahlungen und Überstunden einher." Auch Alnatura geht davon aus, dass sich die zweistelligen Umsatzzuwächse im Verlauf des Jahres wieder ausgleichen werden.

4. Fraport: Flughafen Frankfurt steht fast still

Terminal 1 des Flughafens Frankfurt ohne Menschen

Die Folgen der Corona-Krise sind kaum irgendwo so augenscheinlich wie am Frankfurter Flughafen. Das Terminal 2 ist mangels Auslastung geschlossen, eine der vier Start- und Landebahnen wurde als Parkplatz für nicht benötigte Flugzeuge umfunktioniert, und es herrscht gähnende Leere in den Gebäuden - und das alles während des eigentlichen Hochbetriebs um Ostern. 46.338 Passagiere wurden hier in der Kalenderwoche vor Ostern, vom 6. bis 12. April, noch befördert. Die meisten der verbliebenden Reisenden standen dabei im Zusammenhang mit Rückholaktionen des Auswärtigen Amts.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in Frankfurt im Durchschnitt gut 193.000 Fluggäste pro Tag abgefertigt. Das Aufkommen der diesjährigen Osterwoche entsprach damit - unter Berücksichtigung des Nachtflugverbots - gut vier Stunden eines normalen Flughafen-Betriebs. Wie der Betreiber Fraport mitteilte, handele es dabei um ein Passagier-Minus von 96,8 Prozent. Nicht viel besser sahen auch die Zahlen für den Gesamtmonat März aus. Spätestens ab der Monatsmitte zeigte die Coronakrise hier ihre Auswirkungen für den Flugverkehr.

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Hilfe für Unternehmer, Selbstständige und Arbeitnehmer

Hessen bekämpft die akuten Folgen der Corona-Pandemie mit milliardenschweren Soforthilfen. Hier finden Unternehmer, Selbstständige und Arbeitnehmer den direkten Weg zu den Anträgen.

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2,1 Millionen Fluggäste wurden insgesamt in Frankfurt gezählt, was einem Rückgang von 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entspreche, wie ein Fraport-Sprecher mitteilte. Bezogen auf den Monat März seien das die niedrigsten Werte seit 31 Jahren. Von den 22.000 Beschäftigten schickte Fraport bereits frühzeitig mehr als 18.000 in Kurzarbeit. Wann der Betrieb wieder anlaufen wird, ist nicht absehbar.

In der vergangenen Woche zählte Fraport 37.000 Passagiere - ein Rückgang von 97,3 Prozent im Vergleich zur selben Woche des Vorjahrs. Weltweit rechnet der Airline-Verband IATA mit einem Passagierrückgang um 55 Prozent.

5. Dr. Schumacher: Doppelt so viel Desinfektionsmittel

Symbolfoto Handdesinfektionsmittel in Kanistern

Desinfektionsmittel – kaum ein anderes Produkt ist derzeit so stark nachgefragt auf dem Weltmarkt. Die Firma Dr. Schumacher aus Malsfeld (Schwalm-Eder) stellt unterschiedliche Desinfektionsmittel her, überwiegend für die Hände- und Flächendesinfektion. Seit Beginn der Krise ist die Produktionsmenge von Desinfektionsmitteln dort nach eigenen Angaben auf rund 250 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

"Natürlich ist es so, dass sich die Auftragslage enorm erhöht hat seit Beginn der Corona-Krise. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Herausforderung, diese enormen Mengensteigerungen zu bewerkstelligen", erklärte Geschäftsführer Jens Schumacher. Die Mitarbeiter arbeiteten nun zusätzlich in einer Nachtschicht, auch an Samstagen laufe die Desinfektionsmittelproduktion weiter. Verkauft werde mit Vorrang an Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Arztpraxen.

"Perspektivisch erwarten wir auch für den Rest des Jahres und auch im Jahr darauf eine erhöhte Nachfrage, weil insbesondere Händehygiene auch nach der Corona-Krise weiterhin eine bedeutendere Rolle spielen wird", sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Doch auch die für die Herstellung dringend benötigte Rohstoffe wie zum Beispiel Ethanol und Isopropylalkohol seien zeitgleich mit der erhöhten Nachfrage knapper und damit auch teurer geworden. Das habe letztlich auch Auswirkungen auf die Herstellpreise des Desinfektionsmittels, es komme zu Preissteigerungen im Umfang der gestiegenen Rohstoffpreise. "Wir versuchen Preissteigerungen so gering wie möglich zu halten", erklärte die Sprecherin.

6. Opel in Rüsselsheim: Die Produktion steht still

Am Dienstag schließt die Opel-Mutter PSA das Werk in Rüsselsheim. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. PSA begründete die Entscheidung damit, dass in den vergangen Tagen ein rasanter Anstieg an Corona-Fällen in der Nähe einiger Produktionssätten beobachtet worden sei. Außerdem gebe es Schwierigkeiten mit den Lieferketten und die Nachfrage am Automobilmarkt sei rückgängig.

Ende Februar hatte Autobauer Opel noch das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte präsentiert, etwa einen Monat später musste die PSA-Tochter aufgrund der Corona-Pandemie ihre deutschen Werke schließen. Neben dem Werk in Rüsselsheim, an dem Opel sein Mittelklasse-Modell "Insignia" fertigt, wurden auch der Standort in Eisenach (Thüringen) sowie die Motoren- und Getriebeproduktion in Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz) dicht gemacht. In den ersten drei Monaten des Jahres gingen die Verkäufe bei Opel um 35 Prozent zurück, auf 185.000 verkaufte Autos, wie PSA am Dienstag mitteilte.

Zum Rüsselsheimer Werk zählen, so der Stand im August 2019, rund 2.600 Beschäftigte. Hier wurde vor der Schließung ein Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Die französischen Gewerkschaften hatten die PSA-Unternehmensführung wegen des Virus schließlich zu einer Schließung gedrängt. Europaweit wurden daraufhin die Produktion der PSA-Werke vorübergehend gestoppt.

Wann die Produktion in Opel wieder anrollen soll, ist noch offen. Das Unternehmen bereite derzeit den Neustart vor, wie ein Sprecher mitteilte, ein konkretes Datum gebe es noch nicht. Für die drei Standorte Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern seien in einer Betriebsvereinbarung mehr als 100 Gesundheits- und Hygienemaßnahmen verabredet worden, um die Mitarbeiter bei der Wiederaufnahme vor Covid-19 zu schützen.

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Dieser Bericht zeigt nur wenige Beispiele für Branchen, die derzeit unter den Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung des Coronavirus wirtschaftlich leiden. Ähnliches gilt für die Gewerbe, die eine erhöhte Nachfrage ihrer Produkte erfahren. Auch wenn der Umsatz wegen der Nachfrage vorübergehend wachsen sollte, sehen sich viele Unternehmen auch mit gestiegenen Marktpreisen für Materialien und Rohstoffe sowie höheren Personalkosten konfrontiert.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 18.04.2020, 19.30 Uhr