Sundair Maschine auf dem Kassel Airport

Der Kassel Airport wird von Steuergeld am Leben gehalten, mit Corona sinken die Passagierzahlen. Maximal drei Flieger pro Woche heben noch ab. Kritiker sehen sich bestätigt: Am besten solle der Flughafen dicht machen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Corona-Krise treibt Kassel Airport noch tiefer in die roten Zahlen

Kassel Airport
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Bis Ende des Jahres sollen 19 Urlaubsflieger vom Kassel Airport starten, zwei Flieger sollen Reisende nach Ägypten bringen, das vom Robert-Koch-Institut zur Zeit als Risikogebiet eingestuft ist. Ob sie abheben können, ist unklar. Pro Woche wären das insgesamt im Schnitt zwei bis drei Flüge, die vom Regionalflughafen in Calden (Kassel) abheben.

Auch andere Flughäfen haben durch Corona einen immensen Einbruch bei den Passagierzahlen zu verzeichnen, beim Kassel Airport stellen die Kritiker allerdings wieder die Frage: Hat der Flughafen überhaupt eine Existenzberechtigung?

Umweltschützer: Rote Karte!

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigte dem Kassel Airport im August bei einer Untersuchung der klimapolitischen Bilanz und der Kosten von Regionalflughäfen symbolisch die Rote Karte: ein Grab für Steuergeld, nur am Leben gehalten von Subventionen. "Ein Beitrag zur Konnektivität", also ein verkehrspolitischer Sinn, sei nicht erkennbar, so das Urteil des Umweltverbandes. Der Flughafen solle am besten schließen.

Diese Kritik begleitet den Flughafen seit seinem Bau. Mit Corona nahm die ohnehin geringe Auslastung noch mal ab. 2019 hatte der Flughafen rund 120.000 Passagiere, mehr als jemals zuvor. 14 Tonnen Fracht wurden laut dem Flughafenbetreiber transportiert - dieses Jahr sind es bisher gerade mal fünf Tonnen.

Das Land ist mit 68 Prozent der größte Gesellschafter des Kassel Airports. Man rechne in diesem Jahr mit einem Einbruch bei den Passagierzahlen von rund 70 Prozent, heißt es vom zuständigen Finanzministerium. Das wären minus 85.000 Passagiere. Flughafensprecherin Natascha Zemmin rechnet sogar mit einem noch größeren Rückgang.

Land zahlt 2020 etwa 6,8 Millionen Euro

Könnte Corona tatsächlich das Ende bedeuten? Das Land sieht keinen Grund zur Kurskorrektur. Der Flughafen sei ein "wichtiges Infrastrukturprojekt" für die Region - "davon gehen wir auch zukünftig aus", heißt es im CDU-geführten Finanzministerium. Karin Müller, verkehrspolitische Sprecherin des grünen Koalitionspartners, sagte dem hr: "Über den Sinn oder Unsinn des Kassel Airports wird seit Jahren gestritten. Aus unserer Sicht wäre er am besten nicht neu gebaut worden." Da er nun aber stehe, gehe es darum, die Kosten zu begrenzen.

Dazu hat die Landesregierung ein Ziel festgesetzt: Bis 2025 sollen die Kosten für das Land unter sechs Millionen Euro gesenkt werden. Der Plan ist zunächst nicht, Kassel Airport rentabel zu machen, sondern das Defizit nicht noch größer werden zu lassen. Corona falle dabei erst mal nicht besonders ins Gewicht, teilt das Finanzministerium mit: Für 2020 rechne man mit Gesamtausgaben in Höhe von rund 6,8 Millionen Euro. Darin enthalten seien der Anteil des Landes am Ausgleich des Defizits aus dem operativen Geschäft und hoheitliche Kosten, etwa für die Flugsicherung. 2019 lagen diese Kosten genauso hoch.

Das Land bezuschusst den Flughafen derzeit also mit 18.600 Euro am Tag. 2019 betrug das Defizit 5,6 Millionen Euro, für 2020 rechnet das Land mit etwa 5,5 Millionen. Dazuzahlen müssen auch die beiden weiteren Gesellschafter, Stadt und Landkreis Kassel. Ihre Anteile liegen bei je 14,5 Prozent.

Verkehrsclub Deutschland: "Rausgeschmissenes Geld"

Corona sorgte zuletzt für eine weitere schlechte Nachricht: Ende Oktober ging Sundair, die einzige Fluggesellschaft in Kassel, in ein Schutzschirmverfahren, um sich zu sanieren und neu aufzustellen. Die 240 Mitarbeiter erhalten seitdem ihre Löhne von der Bundesagentur für Arbeit.

Heiko Nickel, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Hessen, fühlt sich in seiner Kritik bestätigt: "Der Kassel Airport hat seine Unwirtschaftlichkeit jahrelang bewiesen." Er habe "absolut keine Berechtigung" und stehe für eine falsche Verkehrspolitik. Mit den vielen Millionen könnten in Nordhessen deutlich bessere Verkehrsprojekte unterstützt und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Geld vom Bund?

Dass Touristen zweimal die Woche von Kassel aus auf die Kanaren fliegen können, lässt Nickel nicht gelten: Der Regionalflughafen Paderborn sei nicht weit, nach Frankfurt dauere es eineinhalb Stunden mit dem Zug, auch der Flughafen Düsseldorf sei rasch erreichbar. Innerdeutsche Flüge wie von Kassel nach Sylt seien sowieso Unsinn.

Noch ist unklar, ob der Kassel Airport eine andere Finanzspritze bekommt: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) versprach ein Corona-Rettungspaket für die Flughäfen in Höhe von einer Milliarde Euro. Davon sollten auch Regionalflughäfen profitieren. Allerdings war der Plan offenbar nicht mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) abgesprochen. Der sieht die Eigentümer in der Pflicht. Bis Ende kommender Woche wollen nun Bund und Länder über mögliche Finanzhilfen entscheiden.

Hinweis: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, die Gesamtkosten für das Land stiegen voraussichtlich in diesem Jahr. Tatsächlich könnte sich der Landesanteil am Ausgleich des Defizits um rund 100.000 Euro leicht verringern.

Sendung: hr2-kultur, 30.10.2020, 18.05 Uhr