Der Apotheker Justus Schollmeier steht in seiner Apotheke

Für den Fuldaer Apotheker Justus Schollmeier war das Jahr 2020 bisher ein Horror-Jahr - nicht nur wegen Corona. Wie viele andere wurde er Opfer des insolventen Rezeptdienstleisters AvP.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Apotheken mit Geldsorgen wegen Rezeptabrechner-Pleite

Apotheker Schollmeier arbeitet an einem Computer
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Apotheker Justus Schollmeier aus Fulda empfindet dieses Geschäftsjahr als organisatorisches und finanzielles Horror-Jahr. Da ist zum einen die Corona-Pandemie, die den 31 Jahre alten Inhaber belastet:

Einige seiner Mitarbeiter mussten zur Vorsicht in Quarantäne, wegen des zeitweisen Engpasses von Desinfektionsmittel im Frühjahr ist er selbst bis nach Bayern gefahren, um 300 Liter abzuholen.

Aber Corona ist nicht sein einziges Problem: "Außer einem Brand hier im Geschäft habe ich in diesem Jahr wohl alles Negative erlebt", sagt Schollmeier, der die Apotheke im Jahr 2017 von seinem verstorbenen Vater übernommen hat.

Mehr als 3.000 Apotheken bundesweit betroffen

Schollmeier ist auch betroffen von der Insolvenz des Rezeptabrechners AvP. Mehr als 3.000 der bundesweit rund 19.000 Apotheken stecken deshalb in finanziellen Schwierigkeiten.

Der Dienstleister AvP aus Düsseldorf verarbeitete allein 2018 rund 72 Millionen Rezepte mit einem Abrechnungsvolumen von 7,7 Milliarden Euro. Das Geschäftsmodell: AvP bekommt die bei Apotheken eingereichten Rezepte und rechnet sie mit Krankenkassen ab. Deren Zahlungen überweist AvP gegen eine Gebühr an die Apotheken. Doch dann stoppte plötzlich der Geldfluss. Auch bei Apotheker Schollmeier in Fulda.

Ihm fehlt nun ein fünfstelliger Betrag - nur dank Rücklagen und eines Kredits kann er weitermachen. "Wenn man unverschuldet in Not gerät, ist das extrem bitter. Man fragt sich, wie man seine neun Angestellten bezahlen soll", sagt er.

Apotheker Schollmeier blickt in ein Buch

Schaden pro Apotheke in Hessen bis zu 50.000 Euro

In Hessen seien mehr als 90 der rund 1.400 Apotheken von der Insolvenz des Rezeptabrechners betroffen, berichtet Katja Förster, Sprecherin des hessischen Apothekerverbands, auf Anfrage von hessenschau.de.

Im Bundesland lägen die offenen Beträge zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Das seien geringere Summen im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt. Der liegt in etwa bei 120.000 Euro. Denn in Darmstadt gebe es einen ebenfalls häufig beauftragten Abrechner.

Die Summen in Hessen könnten dennoch existenzbedrohend sein, sagt Förster. Die für Apotheker entstandenen Einbußen kämen Jahresgewinnen gleich. Viele Apotheker bangen nun um ihre Existenz. Denn sie betreiben ihr Geschäft in der Regel als eingetragene Kaufleute und haften mit ihrem Privatvermögen.

AvP-Insolvenzverwalter Jan-Philipp Hoos macht den betroffenen Apotheken wenig Hoffnung. Er habe "erhebliche Zweifel", dass die Apotheker bevorzugt Geld von AvP bekommen, sagte er im Oktober. Aller Voraussicht nach müssten sich die Apotheker in die lange Schlange der Gläubiger einreihen, um überhaupt noch Geld zu erhalten. Sie bekämen wahrscheinlich nur einen Teil des Geldes zurück, das ihnen AvP schulde.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Umstände der AvP-Insolvenz sind noch ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt gegen zwei Beschuldigte wegen des Verdachts des Bankrotts, also einer betrügerischen Insolvenz. Vermögenswerte sollen zuvor möglicherweise abgeschöpft worden sein.

Eigentlich sollten die Gelder der Pharmazeuten auf Treuhandkonten geschützt sein. Das scheint aber bei AvP nicht ausreichend der Fall gewesen zu sein.

Ruf nach Staatshilfen

Wegen der AvP-Pleite wurden Rufe laut nach Staatshilfen. Doch danach sieht es nicht aus. Zumindest verleiht die Förderbank KfW günstig Geld. Doch dass nicht mehr von Seiten der Politik kommt, macht den Fuldaer Apotheker Schollmeier fassungslos.

"Wenn ein Reisekonzern wie Thomas Cook in Schieflage gerät, gewährt der Staat großzügig finanzielle Unterstützung. Aber wenn ein für die Gesellschaft und das Gemeinwohl wichtiger Akteur - wohlgemerkt aus dem Gesundheitsbereich - in Corona-Zeiten vergeblich um Hilfe bittet, dann stimmt etwas nicht."

Sendung: hr4, 29.10.2020, 12.30 Uhr