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Audioseite Protestzug in Weiterstadt gegen Bahn-Pläne

Demonstranten

Mehrere hundert Menschen haben in Weiterstadt gegen eine geplante Trasse für den europäischen Güterverkehr demonstriert. Stadtparlament und Bürger befürchten von der "Weiterstädter Kurve" noch mehr Lärm.

"Wenn der Wind richtig steht, glaube ich, ich schlafe auf der Autobahn." Schon jetzt ist Jörg Schmidt aus Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) "bis an die Grenze der Belastbarkeit" lärmgeplagt. Mit dem geplanten Bau einer Bahntrasse, die direkt an seiner Reithalle vorbeiführen soll, sieht der Pferdehofbesitzer noch mehr Lärm auf sich und seine Tiere zukommen. "Das wäre das Aus für meinen Betrieb.“

Es geht um die sogenannte "Weiterstädter Kurve". Sie soll die Güterverkehrsstrecke Rotterdam-Genua im Norden Weiterstadts zweigleisig an die Schnellbahn-Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim anbinden. Seitdem die Bahn im November vergangenen Jahres dieser Variante den Vorzug gegeben hat, wehrt sich die Stadt dagegen - allen voran Bürgermeister Ralf Möller (SPD).

"#ProtestZUG" soll Ablehnung deutlich machen

Am Freitagnachmittag fand nun eine Protest- und zugleich Informationsveranstaltung statt. Nach Angaben eines Stadtsprechers kamen mehr als 500 Menschen, auch aus benachbarten Ortschaften. "Man merkt schon, dass das ein emotionales Thema ist, das die Region bewegt", sagte er. Dennoch sei die Stimmung friedlich gewesen.

Unter dem Motto "#ProtestZUG – 1.000 Schritte gegen Bahnlärm" bewegte sich die Menge vom Bahnhof entlang der geplanten Trasse zu Schmidts Pferdehof. Auf Transparenten war unter anderem zu lesen: "Weiterstadt wehrt sich gegen noch mehr Lärm" oder "Es reicht! - Kein weiterer Bahnlärm!".

Die Karte zeigt die Weiterstädter Kurve.

Gemeinsam mit der IG Neubaustrecke Weiterstadt hatte Möller zu dem Marsch entlang der Strecke eingeladen. Die Bürger sollten so unmittelbar erfahren, wie sich der Bau vor ihrer Haustür auswirkt. "Bislang ist das für viele immer nur ein roter Strich auf der Landkarte gewesen", sagte der Rathauschef. Außerdem wollte er den Bahn-Verantwortlichen die ablehnende Haltung der Bevölkerung gegen das Projekt deutlich machen.

Streit um bessere Variante

Insbesondere Jörg Ritzert von der DB Netz AG sollte beeindruckt werden. Der Projektleiter war ebenfalls gekommen, um den Weiterstädtern Rede und Antwort zu stehen. Man habe versucht, eine Route zu finden, die alle Interessen berücksichtigt, erklärte er. Dies sei nicht leicht gewesen.

Die erhoffte Botschaft, die Trasse werde nun doch anderswo verlaufen, hatte er freilich nicht im Gepäck. Schon im Vorfeld hatte Ritzert klar gemacht: Beim Vergleich der vier möglichen Varianten habe sich die Weiterstädter Kurve als beste erwiesen. Dies gelte insbesondere für die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

Schon jetzt Mehrfachbelastung

In Weiterstadt sieht man das ganz anders. Schon jetzt ist die etwa 25.000 Einwohner zählende Stadt durch die Nähe zum Frankfurter Flughafen, dem Egelsbacher Flugplatz, der bereits bestehenden Bahnlinie und zwei Autobahnen einer erheblichen Lärmbelastung ausgesetzt. Noch mehr davon hält Möller für unzumutbar.

"Das Schutzgut Mensch ist über alles zu stellen", sagte der Bürgermeister. "Deswegen wehren wir uns dagegen, dass in der Nacht doppelt so viele Güterzüge wie bisher an Weiterstadt vorbeifahren sollen." Nach seinen Angaben soll sich nach Inbetriebnahme der Trasse im Jahr 2030 die Zahl der vorbeifahrenden Güterzüge zwischen 22 und 6 Uhr von 69 auf 131 erhöhen.

Auch Reitverein vor dem Aus?

Das wäre gut alle dreieinhalb Minuten ein voraussichtlich mehrere hundert Meter langer Zug. "Dann schläft hier keiner mehr", vermutet Pferdezüchter Schmidt, der die Zahl der unmittelbar betroffenen Anwohner auf 1.000 bis 1.500 schätzt. Er fürchtet aber auch die von vorbeidonnernden Zügen verursachten Erschütterungen, die seine empfindlichen Tiere nicht vertrügen. An eine Zukunft für seinen "Sonnenhof" glaubt Schmidt dann nicht mehr.

Ein angrenzender Reit- und Fahrverein sieht sich ebenfalls in seiner Existenz bedroht. Durch den Trassenbau würde der Verein ein Gelände für Veranstaltungen verlieren, wie die Vereinsvorsitzende Anja Luibrand erklärt. Eine wesentliche Einnahmequelle würde wegfallen, wenn sich keine Ausgleichsfläche findet. Für den Verein wäre das mittelfristig tödlich.

Den Lärm will halt keiner

Der Fall zeigt exemplarisch eine wesentliche Problematik der Verkehrswende: Die Verlegung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene wollen alle, die zusätzliche Belastung niemand. Auch Schmidt sagt: "Wir sind ja gar nicht negativ eingestellt gegenüber dieser Trasse, aber wir sind erheblich gegen die Streckenführung."

Weiterstadt hatte für eine andere Alternative plädiert. Sie verläuft weiter südlich entlang der A67. Diese sei zwar etwas teurer und würde mehr Eingriffe in die Natur bedeuten, räumt Möller ein, sie würde aber noch die wenigsten Menschen durch zusätzlichen Lärm belasten.

Allerdings würde sie auch direkt an Büttelborn (Groß-Gerau) und Griesheim (Darmstadt-Dieburg) vorbeilaufen. Laut Ritzert würden dadurch kaum weniger Menschen belastet. "Wir verstehen gut, dass Bürgerinnen und Bürger vor Ort sich wünschen, die Trasse würde nicht bei Ihnen, sondern an einer anderen Stelle vorbei führen." Die Diskussion würde damit aber nur verlagert.

Geschlossenheit bei den Stadtverordneten

Dennoch lässt Möller in seinen Bemühungen nicht nach und weiß alle Fraktionen der Stadtverordentenversammlung hinter sich, von SPD und FWW über die CDU bis hin zu ALW-Grüne. "Wir haben in der Sache nicht eine Kampfabstimmung gehabt“, beteuerte der Bürgermeister. Alle Beschlüsse seien bislang einstimmig gefasst worden.

Die Stadtverordneten stimmten auch der Bereitstellung eines fünfstelligen Betrags zur Finanzierung eines Rechtsbeistands zu. Außerdem wurde ein Schallgutachter beauftragt, die Berechnungen der Bahn zu prüfen. Wenn Möller die Weiterstädter Kurve schon nicht verhindern kann, so will er wenigstens die Umsetzung größtmöglichen Schallschutzes erreichen, der über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht.

Wenn schon Trasse, dann wenigstens mehr Lärmschutz

"Ich bin sehr optimistisch, dass es zumindest gelingen wird, mehr Lärmschutz herauszuholen." Dazu gehörten eine frühere Tieflage der Gleise, besonders glatte und somit leisere Schienen, gedeckelte Tröge und weitere Ausgleichsmaßnahmen. Das zu optimieren sei besser als nichts.

Nach Überzeugung Möllers wäre die Bahn dazu auch bereit, so lange der Bund die Mittel dafür bereitstellt. Im Rahmen einer sogenannten parlamentarischen Befassung will der Bürgermeister gegebenfalls den Weg über den Bundestag gehen, um möglichst viele Mittel für den Lärmschutz herauszuschlagen. Bevölkerungsschutz müsse schließlich vor finanziellen Erwägungen stehen.

"Die Weichen werden jetzt gestellt"

"Die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, betreffen die nächsten fünf, sechs Generationen", so Möller. Niemand wisse, wie sich der Verkehr in den nächsten Jahrzehnten entwickele. "Vielleicht sind das dann nochmal doppelt so viele Züge." Deswegen müssten die Weichen für den Lärmschutz der Zukunft jetzt gestellt werden.

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