Müllwerker wirft Abfallsäcke in Auto

Wer in einer engen Sackgasse in Darmstadt wohnt, wartet momentan vergeblich auf die Müllabfuhr. Grund sei eine neue Branchenregel, sagt die Stadt: Müllfahrzeuge dürften wegen der Unfallgefahr nicht mehr rückwärts fahren. Auch Bürger anderer Städte könnte das treffen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Müllabfuhr in Darmstadt fährt zwölf Straßen nicht mehr an

Biomülltonne Müllabfuhr
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In Darmstadt müssen einige Bürger fortan mit anpacken, wenn sie ihre Tonnen geleert haben möchten. Denn der stadteigene Abfallentsorger EAD fährt zwölf Straßen nicht mehr an. Betroffen sind Sackgassen und besonders enge Straßen. Statt die Tonne nur vor die Haustür zu stellen, müssen die Anwohner sie nun zu offiziellen Sammelplätzen rollen. Darüber hatte zuvor das Darmstädter Echo berichtet.

Grund dafür sei eine neue Branchenregel, teilte die Stadt mit. Die Touren zur Abfallabholung seien demnach so zu planen, dass "das unfallträchtige Rückwartsfahren möglichst vermieden wird". Außerdem gelte, dass Müll nur dann abgeholt werden dürfe, wenn die Zufahrt so angelegt sei, "dass ein Rückwärtsfahren nicht erforderlich ist".

Rückwärtsfahrten in über 300 Straßen

Ganz neu ist die Regelung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) allerdings nicht. Sie wurde bereits vor drei Jahren, im Oktober 2016, verabschiedet. Außerdem fasse die Branchenregel lediglich bereits geltendes Recht im Arbeitsschutz zusammen, so die DGUV.

Nichtsdestotrotz nahm die Stadt diesen Beschluss zum Anlass, Ende 2016 ihre Straßen zu überprüfen. Die Analyse habe ergeben, dass Müllfahrzeuge in 323 Straßen teilweise rückwärtsfahren, so eine Sprecherin der Stadt. "Hieraus haben sich dann entsprechende Maßnahmen ergeben. Beispielsweise Fahrbahnmarkierungen, die Installation von Straßenpollern oder auch Baumaßnahmen oder Erweiterungen von Parkverboten."

Abholung vor dem Haus für 1.500 Euro

In den zwölf betroffenen Straßen erschienen diese Maßnahmen wohl wenig erfolgsversprechend – deswegen hat die Stadt hier Sammelplätze für die Tonnen eingerichtet. Zusätzlich gibt es ein Vollservice-Angebot des Abfallentsorgers für betroffenene Anwohner: Für mehrere hundert Euro pro Jahr holen die Müllwerker die Tonne vor dem Haus ab und stellen sie zurück. Bei vier Tonnen kommen so schnell über 1.500 Euro zusammen.

Inzwischen ist der Unmut der betroffenen Darmstädter aber wohl bei den Verantwortlichen angekommen. Der Abfallentsorger habe deswegen einen Vor-Ort-Termin angeboten, sagte eine Sprecherin der Stadt. "In einem solchen Termin möchte der EAD mit den betroffenen Anwohnern und Vertretern der Unfallkasse die örtlichen Gegebenheiten anschauen und objektivieren."

Frankfurt und Kassel: Kleinere Fahrzeuge

Wie es ohne Mehraufwand für die Bürger gehen kann, zeigt das Beispiel Frankfurt. Auch hier werden die Straßen, in denen Müllfahrzeuge rückwärtsfahren müssen, seit Ende 2016 erfasst und Maßnahmen wie Halteverbote oder Poller geprüft. Nur in Einzelfällen würden Straßen gar nicht mehr angefahren.

Aber auch in diesen Fällen biete man weiterhin den vollen Service - holen, leeren und zurückstellen - an. "Dabei behelfen wir uns kleiner Spezialfahrzeuge, sogenannte Microfahrzeuge, sowie eigener Mannschaften, die Tonnen an befahrbaren Kreuzungen bereitstellen und nach der Leerung zurückstellen", sagte ein Sprecher der Stadt. Die Mehrkosten durch den höheren Aufwand trage die Stadt.

Ähnlich wird das Problem in Kassel gehandhabt. Die Müllabfuhr habe ihre Touren bereits umgestellt, nur in wenigen Straßen könne das Rückwärtsfahren nicht vermieden werden, sagte eine Sprecherin der Stadt. Dort arbeite man mit geschulten Einweisern. "Die Stadtreiniger werden aber im kommenden Jahr einen extra kleinen Müllwagen anschaffen, mit dem die betreffenden Stichstraßen zukünftig abgefahren werden." Kein Bürger werde seine Tonne zur Abfuhr an einen Sammelplatz rausstellen müssen.

Verschiedene Lösungen in Gießen

Anders sieht das in Gießen aus: Man wolle die Bürger und Bürgerinnen nicht "unnötig" dazu verplichten, ihre Abfallbehälter über eine längere Strecke zu ziehen, allerdings könne man diese Aufgabe auch nicht überall selbst erledigen. Laut einer Sprecherin der Stadt sind an betroffenen Straßen zum Teil schon Sammelplätze eingerichtet worden, ähnlich wie in Darmstadt.

Abhängig von den Bedingungen vor Ort seien aber auch andere Maßnahmen in Planung bzw. schon umgesetzt. "Ein kleines Müllfahrzeug haben wir im Bestand, die Beschaffung eines weiteren kleinen Müllfahrzeuges läuft." Außerdem seien alle neu angeschafften Fahrzeuge mit Assistenzystemen ausgestattet, die bei Gefahr selbstständig abbremsten. Eine Nachrüstung älterer Fahrzeuge sei allerdings schwierig.

Wiesbaden und Fulda prüfen noch

In Wiesbaden analysiert und prüft man noch. 700 Straßenabschnitte werden laut Stadt momentan rückwärts befahren – etwa 100 davon nur, weil sich Autofahrer nicht an bestehende Parkverbote halten und Straßen oder Wendehammer blockieren. In 30 bis 40 anderen Straßenabschnitten erhofft man sich durch bauliche Maßnahmen eine Verbesserung. Doch beim Großteil der betroffenen Strecken suche man noch nach einer Lösung, sagte ein Sprecher der Stadt. Einweiser, Fahrassistenten oder Sammelplätze wie in Darmstadt – all das werde geprüft.

In Fulda ist die Abfallentsorgung in privater Hand. Eines der Entsorgungsunternehmen erstelle derzeit eine Gefährdungsbeurteilung für problematische Straßen, sagte eine Sprecherin der Stadt. "Nach Abschluss der Arbeiten werden wir gemeinsam mit dem Unternehmen überlegen, ob etwaige Gefahrenstellen entschärft werden können oder die Entsorgung anderweitig sichergestellt werden kann." Ob Sammelplätze dabei eine Option sind, dazu könne man momentan noch keine Aussage treffen.

Sendung: hr4, 8.10.2019, 15.30 Uhr