Stillgelegte Passagiermaschinen der Lufthansa stehen auf dem leeren Rollfeld des Flughafen Frankfurt.

Die staatliche Finanzspritze für die Lufthansa schien eigentlich nur noch Formsache, doch jetzt treten unerwartete Probleme auf. Wir erklären, woran es liegt und welche Alternativen es gibt.

Die Corona-Krise hat die Lufthansa schwer getroffen, die Finanzreserven schrumpfen rapide. Dennoch hat der Aufsichtsrat der Airline entschieden, das milliardenschwere und dringend benötigte Rettungspaket der Bundesregierung vorerst nicht anzunehmen. Was auf den ersten Blick unverständlich scheint, hat aber seine Gründe:

Wo liegt das Problem?

Dass der Aufsichtsrat dem Rettungspaket mit einem Volumen von rund neun Milliarden Euro noch nicht zugestimmt hat, hat einen bestimmten Grund: "Das Paket an sich ist kein Problem, aber die möglichen Auflagen durch die EU", sagt hr-Luftfahrtexperte Roman Warschauer. Nach Angaben des Unternehmens plane die EU, die dem Rettungspaket zustimmen muss, der Lufthansa wertvolle Start- und Landerechte in Frankfurt und München zu nehmen.

Zudem soll die Lufthansa anderen Fluggesellschaften eine bestimmte Zahl an Flugzeugen samt Crew zur Verfügung stellen, wie der hr aus Konzernkreisen erfuhr. "Die Lufthansa wäre quasi Dienstleister für andere Airlines, und das zu deren Preismodellen", berichtet Warschauer. Durch die harten EU-Auflagen fürchtet die Lufthansa eine "Schwächung der Drehkreuzfunktion" der Flughäfen Frankfurt und München und den weiteren Vormarsch von Billigfliegern. Die Gewerkschaften warnen zudem vor dem Verlust von Arbeitsplätzen.

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Grundzüge des Rettungspakets

Anfang dieser Woche haben Bundesregierung und Lufthansa bekannt gegeben, dass das staatliche Hilfspaket steht. Demnach soll der staatliche Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) stille Einlagen von insgesamt bis zu 5,7 Milliarden Euro in das Vermögen der Lufthansa leisten. Hinzu kommt ein Kredit in Höhe von bis zu 3 Milliarden Euro unter Beteiligung der Staatsbank KfW und privater Banken. Im Gegenzug soll Lufthansa vorläufig keine Dividenden mehr ausschütten dürfen. Die Bundesregierung soll zwei Sitze im Aufsichtsrat mit Experten besetzen, und die Vergütungen des Managements werden beschränkt. Außerdem verpflichtet sich der Konzern, seine Flotte mit verbrauchsärmeren Flugzeugen zu erneuern.

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Wie lange hält die Lufthansa noch durch?

Die zentrale Frage ist: Wie lange kann es sich die Lufthansa noch leisten, die Staatshilfen abzulehnen? "Es kommt nicht auf einen Tag an", analysiert Warschauer die finanzielle Situation der Airline. Er schätzt, dass die Geldreserven bestenfalls bis zum Spätsommer reichen. Anfang Mai bezifferte der Konzern die eigene Liquidität auf rund vier Milliarden Euro, wobei davon rund 1,8 Milliarden Euro eigentlich den Kunden gehören, die ihre Tickets noch nicht storniert haben.

Doch die Reserven schwinden rapide: Pro Stunde verbrennt der Konzern laut Chef Carsten Spohr aktuell rund eine Millionen Euro, das sind mehr als 700 Millionen Euro im Monat. "Ein gewisser Druck ist schon da", erkennt Warschauer.

Was sind die Alternativen?

Der Aufsichtsrat nannte das Rettungspaket zwar die "einzig gangbare Alternative", spricht aber auch davon, Alternativszenarien nun "intensiv" prüfen zu wollen. Durch die unerwarteten Probleme mit den eigentlich schon sicher geglaubten Staatshilfen ist ein bislang nahezu unvorstellbares Szenario in den Fokus gerückt: die Insolvenz im Schutzschirmverfahren.

"Diese Pläne werden sicher auch parallel vorangetrieben", sagt Warschauer. Dabei würde das Unternehmen unter Aufsicht eines Sachverwalters vom bisherigen Vorstand weitergeführt. Das Schutzschirmverfahren ist für Unternehmen gedacht, die unverschuldet in Bedrängnis geraten sind. Ein Verfahren, das beim Ferienflieger Condor gut funktioniert hat.

Für Mitarbeiter und Kunden der Lufthansa könnte diese Insolvenzvariante allerdings schwerwiegende Folgen haben. So könnte die Lufthansa unter anderem aus bestehenden Tarifverträgen aussteigen und neu verhandeln. Zudem würden Passagiere ihre Ansprüche auf Rückerstattung von Ticketkosten verlieren.

hr-Experte Warschauer geht jedoch davon aus, dass die Verantwortlichen auf Seiten der Lufthansa mit allen Kräften auf eine Anpassung des Rettungspakets drängen werden. Ob das gelingen wird, vermag er nicht einzuschätzen. Die Bundesregierung rechnet nach Pfingsten mit einer Einigung.