Wenige Wildbienen, viele Honigbienen
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Die Zahl der Honigbienen in Hessen steigt seit Jahren beständig an - und genau das ist das Problem. Denn die Wildbienen sind bedroht - und sie sind für gute Ernten viel wichtiger.

  • Die Zahl der Honigbienen-Völker ist so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr.
  • Bedroht sind aber die Wildbienen - Hummeln, Arten wie die Gehörnte Mauerbiene oder Holzbiene.
  • Die Wildbienen leisten einen bedeutenden Teil der Bestäubung.
  • Wenn sie verschwinden, droht auch der Landwirtschaft Gefahr.
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Zuletzt wurde häufiger darüber berichtet, dass Honigbienen bedroht seien. Die Naturschutzorganisation WWF und das Bundeslandwirtschaftsministerium starteten zum Beispiel erst kürzlich eine Aktion namens "Rettung für Biene Maja".

Doch ein Blick in die Statistik zeigt: Die Anzahl der Honigbienen-Völker ist laut aktuellen Zahlen des Umweltministeriums in Hessen derzeit so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. 2008 gab es 48.000 Honigbienenvölker in Hessen, seitdem sind ungefähr 14.000 hinzugekommen, vor allem, weil immer mehr Hessen ihre eigenen Bienen züchten. Heute gibt es 11.000 Imker im Land – ein Drittel mehr als noch 2008. Ein Imker kümmert sich im Schnitt um etwa 240.000 Honigbienen gleichzeitig.

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Alles bestens also? Eine gute Nachricht für Bauern, die bald wieder auf ihren Wiesen fleißig Äpfel pflücken und die darauf angewiesen sind, dass Bienen ihre Bäume bestäuben? Nicht unbedingt. Denn für eine gute Ernte sind weniger die Honigbienen verantwortlich, sondern vor allem ihre wild lebenden Verwandten - und die haben nicht zuletzt durch die zahlreichen Imker-Völker massive Probleme.

Wildbienen vom Aussterben bedroht

Genau 424 wildlebende Bienenarten haben Biologen in Hessen einmal gezählt. Das zeigt eine Rote Liste bedrohter Bienenarten in Hessen, veröffentlicht vom Umweltministerium. Knapp die Hälfte von ihnen ist allerdings vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.

Die erste und bislang einzige Ausgabe der Roten Liste der Bienen in Hessen wurde zwar schon 2009 erstellt, das macht die Probleme aber nicht weniger aktuell: Die Tendenz "hat sich heute noch verschlechtert", sagt der Darmstädter Biologe Stefan Tischendorf, Biologe und Co-Autor der Liste.

Das erschließe sich auch aus anderen Erhebungen, zum Beispiel einer deutschlandweiten Roten Liste von 2012 und ihrer noch unveröffentlichten Aktualisierung. Zehn Jahre seien für diese Art von Erhebung außerdem keine lange Zeit, so Tischendorf: "90 Prozent der verschwundenen Wildbienen kehren nicht zurück."

Rückgang der Wildbienenarten in Hessen: 12,5% ausgestorben oder verschollen, 29,5% vom Aussterben bedroht, 7,8% bald bedroht.
Schwere Zeit für Hummeln und andere Wildbienen - nicht einmal mehr die Hälfte der Arten gilt als sicher. (Zu 100 Prozent fehlende Werte: fehlende oder unzureichende Daten.) Bild © Colourbox.de, hessenschau.de

Tatsächlich könnte das Sterben der Wildbienen dramatische Folgen für die Landwirtschaft haben: Denn für Ertrag und Qualität der Ernten in Hessen sind nicht die Honigbienen, sondern Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten zuständig, da sind sich viele Biologen einig. Der Darmstädter Biologe Stefan Tischendorf sagt: "Die Natur braucht die Honigbiene nicht." Sie sei ein Nutztier der Landwirtschaft, um große Monokulturen wie Raps zu bestäuben.

Zitat
„Die Natur braucht die Honigbiene nicht.“ Zitat von Stefan Tischendorf, Biologe
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Der wildlebenden gehörnten Mauerbiene dagegen haben die Hessen saftige und große Äpfel zu verdanken. Sie fliegt und arbeitet in der Blüte schneller und transportiert mehr Pollen als ihre gezüchtete Artgenossin. Das führt am Ende zu einer größeren und höherwertigen Ernte, wie Wissenschaftler herausfanden.

Schwerstarbeiter: 400 Gehörnte Mauerbienen bestäuben so viele Apfelbäume wie 40.000 Honigbienen.
Hundertmal so fleißig: 400 Mauerbienen leisten so viel wie ganze Honigbienen-Völker. Bild © Colourbox.de, hessenschau.de

Auch die Umwelt- und Naturschutzorganisation BUND sagt: "Je mehr Wildbienenarten es gibt, desto häufiger wird jede einzelne Blüte besucht. Und je häufiger eine Blüte bestäubt wird, desto größer wird die Frucht." So seien bis zu einem Drittel der Ernten unmittelbar von der Häufigkeit der Wildbienenbesuche an der Blüte abhängig.

Zitat
„Je mehr Wildbienenarten (...), desto größer die Frucht.“ Zitat von Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)
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Einzelne Pflanzenarten, wie etwa der Rotklee, können laut BUND von vielen Bienen gar nicht erst bestäubt werden. Ihre Blütenröhre ist so lang, dass nur langrüsslige Hummeln sie bestäuben können. Wildbienen sind außerdem deutlich fleißiger als ihre gezüchteten Verwandten. Mit der gleichen Zahl von Blütenbesuchen erreichen sie einen doppelt so hohen Fruchtansatz wie Honigbienen.

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Es wurde sogar beobachtet, dass Hummeln im Gegensatz zu Honigbienen in derselben Zeit die drei- bis fünffache Anzahl von Blüten besuchen. Bei einer Zählung wurden für den 100-minütigen Sammelflug einer Ackerhummel 2.634 besuchte Blüten ermittelt.

Honigbienen sind Bedrohung für Wildbienen

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Bienen und Hummeln für die Bauern

Reporterin Daye de Simoni hat Hummelzüchter begleitet, die sich dem Artensterben entgegenstemmen - ihre Reportage zeigt das hr-fernsehen am Sonntag, 19. August 2018, um 18 Uhr 30.

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Die Gründe für das zunehmende Verschwinden von Wildbienenarten sind vielfältig. Eine Ursache sei die Abnahme von blütenreichen Wiesen, in denen die Wildbienen nisten können, sagt Biologe Tischendorf. Auch die in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizide machten es den Wildbienen schwer. Honigbienen bekommen hingegen oft künstliche Nester zur Verfügung gestellt. "Finden Honigbienen nichts zu fressen, werden sie von ihren Imkern dorthin gefahren, wo es genügend blüht. Zur Not wird zugefüttert", erklärt Gerlinde Nachtigall vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Diesen Luxus haben Wildbienen nicht. Im Gegenteil.

Honigbienen und ihre wilden Artgenossen stehen in einem direkten Nahrungskampf, betont Gerlind Lehman von der Berliner Humboldt-Universität. Weil Honigbienen schneller an Nahrung gelangen und auch mehr verbrauchen, kommen die Wildbienen oft zu kurz - dadurch könnte die Zahl der Wildbienen weiter dezimiert werden.

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Methoden und Datenquellen

Die Daten zu den Honigbienen-Völkern stammen vom Hessischen Umweltministerium, das auch die Rote Liste der Bienen Hessens herausgibt. Dieser Liste entstammen die Daten zu den Wildbienen. Diese Liste ist das Ergebnis der Arbeit von fünf Biologen aus Hessen, die ehrenamtlich 20 Jahre lang auf Eigeninitiative knapp 100.000 selbst erhobene Kennzahlen ausgewertet und viele Naturkundemuseen aufgesucht haben, da dort wichtige Daten lagern, die bis auf das Jahr 1850 zurückgehen. Die Liste wurde 2009 vom Hessischen Umweltministerium veröffentlicht; zu neueren Zahlen siehe oben im Artikel.

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zum Download Daten: Honigbienen und Wildbienen in Hessen

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