Mess-Station am Frankfurter Flughafen

Langsam dämmert der Wissenschaft, wie gefährlich Ultrafeinstaub für Mensch und Umwelt sein könnte. Neue Messungen belegen: Der Frankfurter Flughafen stößt auffällige Mengen der dreckigen Mini-Partikel aus - und sehr viel mehr als zum Beispiel die A3.

Videobeitrag

Video

zum Video Viel Ultrafeinstaub im Flughafen-Smog

hessenschau
Ende des Videobeitrags

Ultrafein - das klingt mehr nach Waschmittel als nach Dreck in der Luft, der Extremwetterlagen vermehrt und Krankheiten wie Krebs oder Diabetes befördern könnte. Kein Wunder, dass den Ultrafeinstaubpartikeln (UFP) in ihrer Nanometer-Dimension lange Zeit viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als dem 100 Mal größeren Feinstaub.

Rund um den Frankfurter Flughafen ist das inzwischen aus gutem Grund anders, wie die am Dienstag vorgelegte Zwischenbilanz einer laufenden Studie zeigt. Was das Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie vergangenen Sommer in einem ersten Bericht noch als Verdacht formulierte, ist demnach nun Gewissheit: "Der Betrieb auf dem Flughafengelände stellt eine bedeutende Quelle für die Ultrafeinstaub-Belastung im Umfeld dar."

Schuldiger gefunden

Seit 2017 spürt das Landesamt dem Ultrafeinstaub rund um den Flughafen nach. Kraftwerke schleudern die Partikel heraus, Auto-Auspuffe - nicht zuletzt aber auch Flugzeuge. Und das nicht nur in luftiger Höhe, sondern in erheblichem Maß auch beim Starten, Landen, Rollen und sogar im Leerlauf auf dem Betriebsgelände. Schon vor einem Jahr gab die Behörde bekannt: Wenn der Wind von dort her weht, steigt in der bewohnten Nachbarschaft der Anteil an Ultrafeinstaub in der Atemluft auffällig.

Weitere Informationen

Haarfein und ultrafein

Als ultrafeine Partikel (UFP) oder Ultrafeinstaub gelten in der Luft enthaltene Teilchen mit einer maximalen Größe von 100 Nanometern; das sind 0,0001 Millimeter. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar kommt auf einen Durchmesser von um die 80.000 Nanometer.

Ende der weiteren Informationen

Nach der Auswertung weiterer Daten von inzwischen vier Messstationen in den Frankfurter Stadtteilen Sachsenhausen und Schwanheim, zwischen Flughafen und A3 sowie in Raunheim (Groß-Gerau) steht der Flughafen eindeutig als zentraler UFP-Produzent da. Überraschend ist das aufgrund vergleichbarer Untersuchungen in den USA und anderswo nicht. Aber zum wissenschaftlichen Beweis kommen Details.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • An allen Messstandorten steigt bei Wind aus Richtung Flughafen die Ultrafeinstaub-Konzentration. Sie sinkt sofort auf einen Bruchteil, sobald der Wind nur ein wenig aus dem Sektor Flughafen wegdreht.
  • Dieser Wind weht meist in die angrenzenden Teile der Stadt Frankfurt, aber auch den nördlichen Teil des Kreises Groß-Gerau.
  • Markant erhöht sind die Werte nur, wenn auch Betrieb auf dem Flughafengelände ist.
  • Der meiste ultrafeine Staub kommt direkt vom Gelände. Auch Flugzeuge im Landeanflug erhöhen die Messwerte zwar. Die Belastung sei aber nicht direkt unter der Anfluglinie messbar. Und sie sei deutlich geringer als diejenige durch Wind vom Flughafengelände.
  • Im direkt am Flughafen gelegenen Raunheim ist die Ultrafeinstaub-Belastung so hoch wie an verkehrsreichen Straßen in Dresden und Leipzig.
  • Der Verkehr auf den Autobahnen trägt zu alldem deutlich weniger bei. So sei der Beitrag der A3 an den Schmutzteilchen verglichen mit dem des Flughafens "nur sehr gering".

Minister für Vorsorge trotz Ungewissheit

Verlässliche Erkenntnisse über medizinische Folgen dieser Luftverschmutzung gibt es noch nicht. Die Forschung hat erst begonnen. Das räumt auch Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) ein. Gesund seien die Partikel aber gewiss nicht. Gemeinsam mit ihrem Kabinetts- und Parteikollegen Tarek Al-Wazir, der als Verkehrsminister für den Flughafen zuständig ist, fordert sie daher: Vorsorglich müssten "alle vernünftigen Maßnahmen ergriffen werden, um solche Emissionen zu vermeiden".

Naheliegend ist es laut Al-Wazir, schon einmal den bestehenden EU-Grenzwerte für Schwefel im Flugzeugtreibstoff Kerosin zu senken. Denn je höher der Schwefelgehalt, desto größer der Ausstoß von Ultrafeinstaub. Technisch gebe es keinen Grund, den maximalen Schwefelanteil von bisher drei Gramm pro Kilo Kerosin nicht auf 0,01 Gramm zu senken. Bei Autos, Zügen und Schiffen gilt das längst.

Treibstoff sparen, Staub vermeiden

Am besten wäre freilich völlig schwefelfreier Treibstoff. Das von Al Wazir im Frühjahr angekündigte hessische Kompetenzzentrum für Klima- und Lärmschutz im Flugverkehr soll auch daran arbeiten. Dem Minister schwebt eine Pilotanlage zur klimaneutralen Produktion sauberer synthetischer Kraftstoffe vor.

Dem Betreiber und den Airlines gilt die Forderung des Verkehrs- und der Umweltministerin, schon auf dem Flughafengelände so wenig Treibstoff wie möglich zu verbrauchen. Noch würden zum Beispiel Hilfsturbinen angeworfen, um stehende Flugzeuge mit klimatisierter Luft für die Kabinen zu versorgen.

Entschwafeln statt entschwefeln?

Jeder Menge Aktivität? Al-Wazir und Hinz sehen sich von der Linkspartei dem Vorwurf ausgesetzt, auf Zeit zu spielen und auf die falschen Maßnahmen zu setzen. Der 3-Gramm-Schwefelgrenzwert für Kerosin werde in der Praxis längst unterschritten, sagt der Landtagsabgeordnete Torsten Felstehausen. Tatsächlich liegt der Schwefelwert in Frankfurt nach offiziellen Angaben im Schnitt noch bei 0,5 Gramm.

Für den umweltpolitischen Sprecher der Linksfraktion ("Entschwafeln statt entschwefeln") ist klar: Da wehe "ein Giftcocktail" nach Frankfurt, Ultrafeinstaub sei gefährlicher als Feinstaub. Dagegen helfe nur eine Verringerung des Flugverkehrs, an dessen Vermehrung Al-Wazir "durch die Genehmigungen des Terminals 3 und Rabatte für Billig-Airlines wie Ryanair" mitgewirkt habe.

Offene Fragen

Ungeachtet des politischen Streits wird das Umwelt-Landesamt seine Messungen ausdehnen, wie sein Präsident Thomas Schmidt angekündigt hat. Im Osten des Flughafengeländes sowie in Frankfurt-Oberrad und im Niedwald sind bereits neue Stationen in Betrieb. Eine weitere ist im Industriepark Mönchhof in Raunheim geplant. Eine der offenen Fragen: Was genau tragen die An– und Abflüge zur Ultrafeinstaub-Belastung bei? Und bis zur welcher Entfernung reicht der Ultrafeinstaubeffekt des Flughafens?

Weitere Informationen

Der Koalitionsvertrag und die Experten

Die laufenden Untersuchungen des Umwelt-Landesamts sollen erst der Anfang sein: CDU und Grüne haben in ihrem Koalitionsvertrag eine große Studie über die Wirkung des Ultrafeinstaubs vereinbart. Um sie vorzubereiten, kommen in dieser Woche am Donnerstag und Freitag Experten in Frankfurt zusammen. Veranstalter sind neben dem Landesamt das Forum Flughafen und Region sowie die Arbeitsgemeinschaft deutscher Fluglärmkommissionen. Vorbild ist die umfassende, 2015 vorgelegte Untersuchung NORAH. Sie legte die Folgen des Verkehrslärms für das Leben im Rhein-Main-Gebiet dar.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.08.2019, 19.30 Uhr