Ein Schwein beißt in die Gitter eines Schweinetransporters auf dem Weg zum Schlachthof.

Nach Kassel und Bad Wildungen ist jetzt auch der Schlachthof in Bad Arolsen dicht. Für manche Landwirte bedeutet das den Verlust des Labels "Regional aus Nordhessen" - für viele Schweine und Rinder eine noch weitere Fahrt in den Tod.

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hs
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Erst Südhessen, jetzt Nordhessen: Seit August müssen Schweinezüchter aus Bensheim, Brensbach oder Bürstadt (Bergstraße) weitere Wege in Kauf nehmen, weil ein Schlachthof in Mannheim Insolvenz angemeldet hat.

Ein ähnliches Schicksal trifft nun Landwirte in Nordhessen. Schweine und Rinder aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg müssen künftig rund 100 Kilometer bis zu einem Schlachthof im nordrhein-westfälischen Warburg transportiert werden. Dort werden sie getötet und zum Zerlegen nach Waldeck-Frankenberg zurückgebracht. Die Folgen: mehr Stress für die Tiere, dadurch eine minderwertigere Fleischqualität und eine - je nach Standort der Mäster - schlechtere CO2-Bilanz durch die zusätzliche Fahrerei.

Fehlendes Personal und hohe Investitionskosten

Grund dafür ist die Schließung des Schlachthofs in Mengeringhausen, einem Stadtteil von Bad Arolsen. Hier wurden bislang wöchentlich bis zu 350 Schweine und Großvieh geschlachtet. Vor allem kleinere Höfe mit weniger als 100 Tiere hätten vom Standort Mengeringhausen profitiert, berichten die Kreisbauernverbände Waldeck und Frankenberg.

Dirk Blettenberg, Geschäftsführer Schlachthof Mengeringhausen steht in einer leeren Halle.

Nach den deutlich größeren Schlachthöfen in Kassel und Bad Wildungen ist Mengeringhausen bereits der dritte Schlachthof in Nordhessen, der seinen Betrieb seit 2018 eingestellt hat. Die Betreibergenossenschaft begründet das zum einen mit fehlendem Personal. Man hätte aber auch umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen anpacken müssen, um die höheren Tierschutzauflagen erfüllen zu können, teilt sie mit.

Investitionssumme läge bei 3,5 Millionen Euro

Man habe durchaus modernisieren wollen, sagt Geschäftsführer Dirk Blettenberg auf Anfrage. Doch die erforderliche Investitionssumme sei für einen kleinen Betrieb wie Mengeringhausen zu hoch gewesen.

Man sei zunächst von rund 400.000 Euro ausgegangen, nach mehreren Begehungen sei die Summe auf 3,5 Millionen Euro gestiegen. Deshalb habe man kurzfristig dicht gemacht, die verbliebenen sechs Mitarbeiter würden weiterhin im Verkauf und der Zerlegung eingesetzt, informiert der Schlachthof-Chef.

RP Kassel: "Unternehmerische Entscheidung"

Vom Regierungspräsidium Kassel (RP Kassel) heißt es, man habe in den vergangenen Monaten mehrere Gespräche mit der Geschäftsleitung geführt und Vorschläge gemacht, wie sich der Schlachthof am Standort entwickeln könne. Verschiedene Varianten hätten im Raum gestanden, von einer Modernisierung bis hin zum Neubau.

Die Betreibergenossenschaft habe sich dann gegen die Investitionen entschieden. Dabei handele es sich um eine "unternehmerische Entscheidung", sagt ein Sprecher des RP Kassel. Dies zu bewerten, stehe dem RP nicht zu, da es lediglich die Genehmigungsbehörde nach dem Immissionsschutzrecht und die veterinär- und arbeitsschutzrechtliche Aufsichtsbehörde sei.

Dirk Blettenberg, Geschäftsführer Schlachthof Mengeringhausen steht in einem weißen Kittel in der Fleischzerteilung.

Einen Förderantrag stellte die Betreibergenossenschaft laut Regierungspräsidium Gießen nach einem ersten Antrag aus dem Jahr 2020 nicht mehr. Der Fördersatz für die "Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse" betrage im Regelfall 25 Prozent der förderfähigen Ausgaben, informiert die Behörde - im Fall des Schlachthofs Mengeringhausen rund 875.000 Euro.

Bei einer millionenschweren Investitionssumme offenbar nicht genug für die Betreiber. Die Modernisierung scheiterte laut Blettenberg auch an baulichen Gegebenheiten. Zum Beispiel an zehn Metern Fußweg - so weit seien Schweine und Rinder in den vergangenen 40 Jahren aus einem Stall bis zum Schlachter gebracht worden. Dies sei bei der dritten von insgesamt fünf Kontrollen beanstandet worden. Die Kosten für den Stall-Neubau direkt am Schlachtgebäude hätten sich allein auf 1,2 Millionen Euro belaufen, sagt der Geschäftsführer.

Bio-Landwirt: Große Schlachthöfe profitieren

Die Landwirte müssen ihren Tieren nun unter Umständen einen weiteren Weg zum Schlachten zumuten. Neben mehr Stress für das Vieh und dadurch bedingten Einbußen bei der Fleischgüte könnte der Umweg über Nordrhein-Westfalen den Verlust eines wichtigen Qualitätsmerkmals bedeuten.

Als "Regional aus Nordhessen" könne er sein Fleisch nach einer Schlachtung in Warburg nicht mehr vermarkten, klagt Bio-Landwirt Reinhard Nagel aus Twistetal (Kassel). Und das in einer Zeit, in der Schweinezüchter ohnehin mit sinkenden Preisen kämpfen, wie er sagt. Noch gibt es in Nordosthessen Schlachthöfe in Schwalmstadt-Ziegenhain (Schwalm-Eder) und in Fulda.

Nagel glaubt, Politik und Behörden hätten aus Angst vor einem zweiten Fall Wilke - der Fleischbetrieb in Twistetal wurde wegen unhaltbarer Zustände in der Fleischverarbeitung geschlossen - die Auflagen immer höher geschraubt. Gerade kleinere Schlachthöfe wie der in Bad Arolsen könnten diese nicht mehr erfüllen, findet der Landwirt. Man spiele damit großen Schlachthofbetriebern wie Tönnies oder Westfleisch in die Hände.

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