Solarmodule auf einem Balkon in Kassel

Strom aus Solarenergie lässt sich mit kleinen Modulen einfach erzeugen. Die Anlagen sind so kompakt, dass sie auf dem Balkon montiert werden können. Doch in Frankfurt bremsen bürokratische Hürden die Installation oft aus. In anderen hessischen Kommunen sieht es nicht besser aus.

Sie sind klein, kompakt und farblich unauffällig. Mit so genannten Steckermodulen lässt sich relativ einfach Strom aus Solarenergie erzeugen, denn die Silizium-Anlagen müssen nicht auf dem Dach montiert werden. Ein Balkon oder eine Terrasse reichen aus. Der erzeugte Strom fließt direkt in die Wohnung oder das eigene Haus. Die Strommenge, die vom örtlichen Stromerzeuger abgenommen wird, reduziert sich entsprechend.

Eigentlich keine Genehmigung nötig

Seit über einem Jahr kann jeder die Stecker-Solarmodule ohne Genehmigung und Anträge nutzen. Sie müssen nur beim jeweiligen Netzbetreiber angemeldet werden. Theoretisch ist die Nutzung also ganz einfach. In der Praxis ist es komplizierter, denn Kommunen können auf den Denkmalschutz verweisen oder haben - wie Frankfurt - eine so genannte Erhaltungssatzung. Und hier beginnen für Nutzer der Solaranlagen die Probleme.

Thomas Klee aus dem Frankfurter Nordend will etwas für den Klimaschutz tun und ein Solarmodul von 300 bis 400 Watt auf seinem Balkon installieren. Wo Nachbarn Sichtschutzlappen durch die Gitter ziehen, möchte er das Modul anbringen. Doch die Stadt will ihm keine Genehmigung erteilen. "Man hat mir gesagt, es ginge in unserer Straße nicht wegen des filigranen Balkongeländers, das hier üblich sei." Die Erhaltungssatzung zementiert die bestehende Optik rechtlich und duldet nur in seltenen Fällen eine Veränderung.

Simulation - so sähen die Solarmodule an den Balkonen in Frankfurt aus.

Von der Bauaufsicht erfährt Klee, dass er zwar einen Antrag stellen könne, dieser werde aber abgelehnt. "Ein Solar-Modul aufgehängt am Balkon verschandelt die Optik und ist nicht genehmigungsfähig", so die Ansage im Beratungsgespräch. "Ich fand das schon ziemlich frustrierend", fasst Klee zusammen. Eine Möglichkeit gäbe es noch: den Rechtsweg. Doch für ein wenige hundert Euro teures Solarmodul einen teuren Prozess zu führen, sei ihm zu aufwändig. Klee hat sich von der Idee des eigenen Solarkraftwerks auf dem Balkon verabschiedet.

Nur zwei Balkonanlagen in Frankfurt

Die hr-Recherche zeigt: In ganz Frankfurt mit seinen rund 750.000 Einwohnern sind lediglich zwei Mini-Solaranlagen für Balkone gemeldet. Warum gibt es so große Hindernisse für dezentrale Energie-Ideen? Planungsdezernent Mike Josef (SPD) will Einzelfälle nicht bewerten und sich nicht zu alten Satzungen äußern. Die grüne Umweltdezernentin Rosemarie Heilig fordert Veränderungen. Die Verwaltung dürfe sich nicht derart querstellen, man kämpfe da oft gegen Windmühlen.

Heilig nennt ein weiteres Beispiel, bei dem es wegen der Erhaltungssatzung oft zu Problemen kommt. "Wir wollen beispielsweise gerne Fassaden begrünen, weil das mehr gute Luft in die Stadt bringt." Das Denkmalamt verhindere dies mit dem Verweis auf die Satzung. Dabei seien diese Regelungen längst veraltet. "Es gibt heute eine ganz andere Herausforderung, als vielleicht noch vor 50 Jahren. Wir stecken nämlich mitten im Klimawandel." Aus diesem Grund müssten die Satzungen angepasst werden. Wenn jemand Kollektoren am oder auf dem Balkon haben möchte, dann müsse man den Menschen helfen, so Heiligs Fazit.

Bauaufsicht verweist auf Dachmontage

Weitere Informationen

Steckermodule für den Balkon, auch Plug-In-PV-Anlagen genannt, können je nach Größe bis zu 600 Watt Strom produzieren. Ein Modul kostet rund 300 Euro, hinzu kommen noch die Kosten für die Montage und den Zähler.

Ende der weiteren Informationen

Die Bauaufsicht schreibt dem hr auf Nachfrage, man sei "lösungsorientiert". Bei solchen Anfragen in Straßen mit Erhaltungssatzungen werde konsequent auf Aufstell-Möglichkeiten auf dem Dach oder in Hinterhöfen verwiesen. Doch gerade die Dachanlagen sind für viele Bürger unattraktiv, weil man sich unter den Mietparteien einigen muss. Außerdem sind diese Anlagen in der Anschaffung und Montage deutlich teurer.

Für Energieforscher Peter Birkner vom House of Energy in Kassel sind Balkonmodule wichtige Bausteine für die Energieversorgung der Zukunft. Die kleinen Anlagen seien ideal, um das "Grundrauschen des Energiebedarfs" von Haushalten zu decken. "Am Ende des Tages entlasten sie das Stromnetz."

Mini-Kraftwerke in meisten Kommunen (noch) kein Thema

Und wie sieht es in anderen Kommunen mit dem Interesse an den Mini-Kraftwerken im Balkonformat aus? Eine Umfrage von defacto bei zwölf Städten und einem Kreis in Hessen hat ergeben, dass nur wenige Kommunen über Zahlen und Fakten zu Balkonkraftwerken in ihren Orten informiert sind.

  • Stadt Gießen: "Das Thema ist bei uns (noch nicht?) angekommen."
  • Stadt: Fulda "Das Thema Balkonkraftwerke ist dem zuständigen Bauaufsichtsamt der Stadt Fulda bisher nicht aktenkundig geworden."
  • Kreis Offenbach: "Uns liegen zu diesem Thema keine weiteren Zahlen vor."

Einige Städte geben auch an, dass sie die Bürger nicht aktiv bei der Aufstellung von Balkonsolarkraftwerken unterstützen oder sie bewerben wollen. Kassel und Wiesbaden verweisen auch auf Einschränkungen durch Erhaltungssatzungen und Denkmalschutz. In der Landeshauptstadt sind bislang jedoch keine denkmalschutzrechtlich relevanten Anträge in dieser Frage gestellt worden.

Wiesbaden ist die einzige der angeschriebenen Städte, die über ein Förderprogramm berichtet. "Die Landeshauptstadt Wiesbaden bezuschusst diese Kleinstsolaranlagen mit maximal 300 Euro im Rahmen des Förderprogramms 'Solarstrom'." Jeder Bürger könne sich auch kostenfrei bei der Klimaschutzagentur Wiesbaden über die Technik und die Installation von Balkonkraftwerken beraten lassen.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 20.01.2020, 20.15 Uhr