Collage: Blick in die Büros der Verkehrleitzentrale der Bahn in Frankfurt und Anzeigetafel mit Verspätungen

Täglich gibt es Störungen im Bahnverkehr. Die Mitarbeiter der Verkehrsleitzentrale in Frankfurt versuchen, das Chaos so gering wie möglich zu halten. Eine knifflige Aufgabe.

Videobeitrag

Video

zum Video Operation Bahn

hs
Ende des Videobeitrags

Für Jan Weinfurtner sind es wenige Klicks, mit denen er Reisenden Erleichterung ins Gesicht zaubern kann - oder eben Ärger und Enttäuschung. An diesem Tag ist es letzteres, denn der Disponent muss die aktuelle Verspätungsprognose des ICE von Frankfurt nach München hochsetzen. Statt 15 Minuten wie bisher steht der Zug nun mit 40 Minuten Verspätung auf der Anzeigetafel am Frankfurter Flughafenbahnhof.

Weinfurtner ist einer von 36 Disponenten, die von der Verkehrsleitzentrale der Bahn aus den Fernverkehr in ganz Deutschland dirigieren: Ein fragiles System aus täglich 1.500 Zügen mit insgesamt etwa 5,7 Millionen Fahrgästen an Bord. Rund um die Uhr wird in dem Großraumbüro am Frankfurter Hauptbahnhof daran gearbeitet, den Bahnverkehr so störungsfrei wie möglich zu halten.

Disponent entscheiden, ob Zug wartet

Die Gegner sind zahlreich und vielfältig: Baustellen, Unwetter, Personen im Gleis. Doch einen großen Teil der Verspätungen verschuldet die Bahn selbst - durch kaputte Schienen, Probleme mit Weichen oder Stellwerken und Schäden an Zügen. "Wesentliche Gründe für die unbefriedigende Pünktlichkeit liegen in den bestehenden Engpässen bei der Infrastruktur und der Fahrzeugverfügbarkeit sowie in fehlendem Personal", erklärt die Bahn auf ihrer Online-Seite.

Einblick in die Verkehrsleitzentrale der Bahn in Frankfurt - Disponent Jan Weinfurter an seinem Arbeitsplatz

Auch an der Verspätung an diesem Tag in Frankfurt ist eine technische Störung Schuld. Für Disponent Weinfurtner ergeben sich daraus noch weitere Probleme: Der Lokführer des Zuges kommt in die Überstunden und muss abgelöst werden. Und die Reisenden im verspäteten Zug müssen informiert werden, welche Anschlüsse sie noch erreichen können.

Der Disponent muss analysieren, telefonieren und Entscheidungen treffen. In diesem Fall trifft es die Fahrgäste gleich doppelt: Wer im verspäteten Zug Richtung Frankfurt sitzt, werde seinen Anschluss nicht erreichen, erklärt Weinfurtner. "Wir werden nicht mit einem ICE 30 Minuten am Frankfurter Flughafen warten können. Das ist einfach zu lang."

Weitere Informationen

"Die Story im Ersten: Operation Bahn"

Wie steht es um die Bahn? Was läuft falsch beim größten deutschen Staatsunternehmen? Diesen Fragen widmet sich die Dokumentation "Operation Bahn". Sie läuft am Montag, 18.11., um 20.15 Uhr im Ersten und ist im Anschluss in der Mediathek zu sehen.

Ende der weiteren Informationen

Und auch die Passagiere, die vom Flughafen aus mit dem verspäteten Zug Richtung München nach Stuttgart wollen, haben Pech: "Heute ohne Halt in Stuttgart Hauptbahnhof" lautet die Durchsage, als der Zug endlich in Frankfurt einfährt. So sollen wenigstens einige Verspätungsminuten wieder reingeholt werden.

"Das Ganze im Blick behalten"  

Man müsse immer das Gesamtverkehrssystem im Blick behalten, es müsse als Ganzes noch funktionieren. Denn die Verspätungsminuten summieren sich und beeinflussen auch weitere Züge.

Weinfurtner erklärt das an einem Beispiel: "Hundert Reisende steigen in Frankfurt um auf einen Zug, der nach Kassel fährt. Wird dieser Anschluss gewährt, muss der Zug fünf Minuten warten." Für diese Fahrgäste sei das gut: "Das heißt, ich habe für diese hundert Reisenden vielleicht eine halbe Stunde weniger Reisezeit. Ich habe aber vielleicht für 800 andere Reisende, die nach Kassel müssen, dafür fünf Minuten Verspätung."

Viele Störungen gleichzeitig

Ein einzelnes Problem kann so schon sehr komplex werden. Doch bei einem Problem bleibt es oft nicht, sagt seine Chefin Nina Hutwagner. "Immer dann, wenn man eigentlich gerade etwas nicht erwartet, kommen die Meldungen. Da sind zwei schon wenig, da gibt es auch immer drei, vier, fünf Ereignisse, die gleichzeitig passieren, weil die Kollegen hier ja ganz Deutschland im Blick haben."

Einblick in die Verkehrsleitzentrale der Bahn in Frankfurt - Chefin Nina Hutwagner im Gespräch mit Kollegen

Im besten Fall, sagt sie, merke der Fahrgast gar nichts von ihrer Arbeit. "Dann haben wir wie die Heinzelmännchen im Hintergrund das alles so gelöst, dass der Reisende pünktlich und entspannt in seinen Zug am Bahnhof einsteigen kann." Doch die Zahlen der Bahn zeigen, dass das allzu oft nicht klappt: Nur knapp 75 Prozent der Züge im Fernverkehr sind pünktlich. Züge, die ausfallen, werden in diese Statistik gar nicht erst miteingerechnet.

Für den Ernstfall üben

Was schon im Alltag oft nicht funktioniert, wird bei Großstörungen noch komplizierter. Deswegen probt das Team der Verkehrsleitzentrale einmal im Monat für solche Fälle. Eines der Szenarien: Durch heftige Unwetter sind Oberleitungen beschädigt, einzelne Strecken sind nicht befahrbar, Züge bleiben liegen. Die Priorität der Problemlöser vom Dienst liegt nun nicht mehr auf Pünktlichkeit, sondern nur noch darauf, das Gesamtsystem irgendwie am Laufen zu halten. In der Simulation sind sie schnell bei Verspätungen von sechs Stunden.

Einblick in die Verkehrsleitzentrale der Bahn in Frankfurt - Kollegen sitzen für Krisenübung zusammen am Tisch

Auf den ersten Blick habe ein liegengebliebener Zug irgendwo auf der Landkarte gar nicht so dramatische Auswirkungen, sagt Nina Hutwagner. "Es wirkt sich aber sternförmig auf alle anderen aus, wenn man sich die Karte mal anguckt." Verpasste Anschlüsse, gestrandete Reisende – und im schlimmsten Fall Züge, die nicht evakuiert werden können. "Wir können keinen Fahrgast aus einem Zug holen, wenn z.B. eine Oberleitung herabhängt. Da muss ein Hilfsdienst da sein, da muss die Oberleitung gefixt werden."

"Kann den Ärger der Kunden verstehen"

Da wünsche sie sich manchmal, den Kunden direkt sagen zu können: Schau mal, das tun wir für euch. "Gleichzeitig kann ich natürlich auch den Ärger verstehen, wenn man irgendwo nachts strandet. Das ist für einen selbst natürlich immer ein Konflikt und da würde man gerne immer noch mehr machen." Aber genau deswegen gebe es eben diese monatlichen Trainings. "Wir versuchen, uns da immer zu professionalisieren."

Das scheint auch dringend nötig, denn bis 2030 will die Bahn ihre Passagierzahlen verdoppeln. Das bedeutet mehr Reisende und mehr Züge auf den Strecken, die jetzt schon vielfach marode und überlastet sind.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 18.11.2019, 19.30 Uhr