Zwei ähnliche Rucksäcke stehen auf einer Theke, dahinter ein Mann.

Ein Rucksack des Kasseler Modelabels Melawear hat das Interesse der Drogeriekette dm geweckt. Doch statt einer Kooperation bringt die Drogeriekette plötzlich ein nahezu identisches Modell selbst auf den Markt. Zufall, behauptet dm.

Videobeitrag

Video

zum Video Produktpiraterie in Kassel?

hs16_111021
Ende des Videobeitrags

Die Form ist gleich, die Größe auch, selbst die Schnallen und der Reißverschluss sitzen an ähnlicher Stelle: Wer nach Unterschieden zwischen den beiden Rucksäcken von Melawear und dm sucht, muss schon genau hinsehen.

Vor fünf Jahren hat das Kasseler Modelabel Melawear, das sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat, ihr Modell "Ansvar I" auf den Markt gebracht. "Der Rucksack ist natürlich etwas Besonderes für uns, weil es eins unserer wichtigsten Produkte ist", erklärt Gründer Henning Siedentopp. Über 30.000 Stück davon haben sie bisher verkauft. "Es ist ein Produkt, das ganz eng mit uns verwoben ist."

"Made in China" für 18 Euro

Umso größer war die Überraschung bei Siedentopp, als ein ganz ähnlicher Rucksack plötzlich auch in einem anderen Laden auftauchte. Per Mail machten ihn Kundinnen und Kunden darauf aufmerksam, berichtet er. Sie schickten Fotos und fragten, ob es ihren Rucksack jetzt auch bei dm gebe. Tatsächlich vertreibt der Drogerie-Riese seit einigen Wochen ein nahezu identisches Exemplar als Aktionsprodukt in seinen Filialen.

Der Unterschied liegt im Detail - und im Preis. Während das nachhaltige Modell von Melawear rund 100 Euro kostet, gibt es die dm-Variante für knappe 18 Euro. Produziert wird sie in China. Melawear dagegen legt viel Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit, der Modellname "Ansvar" steht für "Verantwortung". Für den Rucksack werde 100 Prozent zertifizierte Biobaumwolle verwendet, auf Chemikalien, die schädlich für Mensch oder Umwelt sind, werde verzichtet. Schon im Einkauf ist ihr Rucksack laut Siedentopp teurer als das dm-Modell im Laden.

dm hat sich Muster schicken lassen

Doch der Melawear-Gründer ärgert sich nicht nur über die große Ähnlichkeit, sondern auch über das Verhalten der Drogeriekette. Denn Anfang des Jahres hatte sich das Unternehmen bei dem Kasseler Modelabel gemeldet und Interesse an ihren Produkten gezeigt. Melawear habe Muster verschickt, darunter auch den Rucksack. Der habe dm besonders gut gefallen, berichtet Siedentopp.

E-Mails und Videotelefonate habe es gegeben, die erwartete Rückmeldung, ob dm die Produkte bei sich verkaufen wolle, blieb dagegen aus. "Dass dann plötzlich ein Produkt bei dm im Laden liegt, das ziemlich eins zu eins unserem ähnlich sieht, das war natürlich völlig überraschend und ein großer Schock für uns."

Zwei Rucksäcke mit großer Ähnlichkeit von hinten

dm dagegen weist die Vorwürfe auf Anfrage zurück. Diese Art von "Rolltop-Rucksacken" würden sich oft ähneln. "Wir haben Mela gegenüber Bedauern zum Ausdruck gebracht, dass das Design unseres Rucksacks eine Ähnlichkeit zum Mela-Rucksack aufweist", erklärt Geschäftsführer Sebastian Bayer. Bei einer genauen Betrachtung ließen sich zahlreiche relevante Unterschiede feststellen. "Unser Anspruch ist es, dass Produkte von uns als solche gut erkannt werden können, und wir werden in Zukunft darauf noch mehr achten."

Experte: "An der Grenze der Rechtswidrigkeit"

Doch eine Verwechslungsgefahr zwischen den Rucksäcken sehen nicht nur Melawear-Kunden und der Gründer, sondern auch Patentanwalt Thomas Reinhardt aus Kassel. Eine Kopie ist das dm-Modell dem Experten zufolge trotzdem nicht, sondern am ehesten eine "enge Anlehnung". "Meines Erachtens ist es nicht rechtswidrig, was dm gemacht hat - aber es ist zumindest an der Grenze der Rechtswidrigkeit anzusiedeln", so Reinhardt.

Zum einen habe dm an seinem Modell kein Etikett der Kasseler Marke angebracht. "So haben sie eigentlich keine Herkunftstäuschung betrieben", erklärt der Experte. Zum anderen habe Melawear selbst sein Produkt nicht geschützt. Gleich als der Rucksack in den Vertrieb gegangen ist, hätte man ein Designschutzrecht anmelden sollen, empfiehlt Reinhardt. "Dann hätten sie jetzt einen viel besseren Schutzumfang und könnten diese Anlehnung vermutlich auf Unterlassung beanspruchen - das heißt, sie könnten was dagegen machen, dass dieser Rucksack tatsächlich von dm in dieser Aufmachung verkauft worden ist."

Produkte künftig besser schützen

Henning Siedentopp hat aus dieser Erfahrung gelernt und will in Zukunft genauer darauf schauen, mit wem er zusammenarbeitet. "Wir waren natürlich im guten Glauben, mit dm einen potenziell nachhaltigen Partner an der Seite zu haben." Auch mit möglichen juristischen Schutzmaßnahmen will er sich intensiver beschäftigen.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen