Durch die Coronakrise geraten viele Menschen unverschuldet in finanzielle Nöte. Wer auf seinen Dispokredit zurückgreifen muss, wird von manchen Banken kräftig zur Kasse gebeten. Zwei Geldhäuser aus Hessen liegen mit ihren Gebühren deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kritik an hohen Dispozinsen

Großaufnahme eines Kontoauszugs - zu lesen ist Dispositionskredit - das Wort ist rot unterstrichen
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Wer bei der Volksbank Dreieich sein Konto überzieht, zahlt Dispozinsen - und zwar nicht zu knapp. Pro Jahr werden bis zu 12,9 Prozent Zinsen fällig. Das ist deutlich mehr als andere Geldhäuser in Deutschland verlangen, nämlich im Schnitt etwa 10 Prozent.

In Hessen ist die Genossenschaftsbank damit Spitzenreiter. Das hat eine Auswertung der Bürgerbewegung Finanzwende ergeben. Bundesweit hat sie über 3.400 Kontomodelle von verschiedenen Banken unter die Lupe genommen. Auf den zweiten Platz kommt in Hessen die Raiffeisenbank Ried. Dort wird ein Dispozins von 12,7 Prozent fällig.

Hohes Risiko, hohe Zinsen

Damit es erst gar nicht so weit kommt, gehen beide Banken nach eigenen Angaben vorher auf die Kunden zu. Und so heißt es weiter in einer schriftlichen Stellungnahme der Volksbank Dreieich: "Wir raten immer dazu, eine Geldreserve auf dem Konto zu haben, um Engpässe zu vermeiden." Dann sei der Dispokredit in der Regel gar nicht nötig und nur eine flexible Lösung für den sehr kurzfristigen Bedarf. Doch der Rat einer Geldreserve hilft in der aktuellen Krise wenig, wenn Menschen auf Kurzarbeit gesetzt werden oder ihren Job ganz verlieren.

Warum sie überdurchschnittlich hohe Dispozinsen verlangt, begründet zumindest die Raiffeisenbank Ried damit, dass sie als Bank auch ein entsprechend hohes Risiko eingehe. Denn wenn sie einen Dispokredit einräume, erfolge das auf Vertrauensbasis, heißt es in einer entsprechenden E-Mail. Das heißt, die Bank verlange für die Kredite keinerlei Sicherheiten.

Sparer bekommen auch keine Zinsen

Solche Argumente sind dem gemeinnützigen Verein Finanzwende bekannt. Trotzdem findet Verbraucherschutzexperte Julian Merzbacher, Banken können nicht zehn Prozent Zinsen und mehr verlangen, wenn Kunden kurzfristig Geld brauchen: "Denn wenn die ihr Geld zur Bank tragen, bekommen sie für ihr Guthaben auf dem Konto ja selbst gar keine Zinsen mehr." Das stehe in keinem Verhältnis.

Hohe Dispozinsen hält Merzbacher gerade jetzt in der Krise für inakzeptabel. Denn viele Menschen verdienen weniger, Tausende sind in Kurzarbeit oder haben ihre Jobs gleich ganz verloren. "Diese Leute geraten oft völlig unverschuldet in Not, deshalb sollten die Banken ihnen in der Krise zur Seite stehen", so Merzbacher. In einem offenen Brief an die Bankenverbände fordert Finanzwende deshalb, dass alle Geldhäuser bei den Dispozinsen kürzertreten sollen. Bei maximal zehn Prozent sollte Schluss sein.

Bei manchen Banken geht es günstiger

Dass es auch anders geht, machen manche Banken in Hessen bereits vor, etwa die Taunus-Sparkasse und die Frankfurter Sparkasse. Sie haben wegen der Krise ihre Dispozinsen zumindest für Bestandskunden gesenkt und verlangen von ihnen nur noch knapp fünf Prozent.

Wer bei seiner Bank deutlich mehr bezahlt und hin und wieder in den Dispo rutscht, sollte sich überlegen, ob er bei der Bank bleibt, rät die Verbraucherzentrale Hessen. Zu einer anderen Bank zu wechseln, sei selbst mit einem überzogenen Konto im Einzelfall durchaus möglich.

Wenn Kunden ihr Konto über ein halbes Jahr massiv überziehen, sind die Banken zudem selbst gesetzlich dazu verpflichtet, sie zu beraten und über kostengünstigere Alternativen zu informieren. Oftmals ist zumindest in solchen Fällen zum Beispiel ein Ratenkredit wesentlich günstiger.

Sendung: hr4, 19.05.2020, 14.30 Uhr