Collage aus drei Bilder: Benedikt Lind mit Fahrrad, Experte Alexander Gardyan in Innenraum und Carola Pahl mit Fahrrad
Fahrradfahrer Benedikt Lind, Mobilitätsforscher Alexander Gardyan, Fahrradpendlerin Carola Pahl (v.l.) Bild © hr

Komplizierte Verkehrsführung, knappes Überholen, schlechte Wege - Radfahrer in Hessen haben mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Dabei gibt es Konzepte, die das Radfahren angenehmer und sicherer machen könnten. Doch bei der Umsetzung hakt es.

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Mittwoch, 29.05.2019, 18.25 Uhr
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Von hinten nähert sich ein Auto mit 100 Stundenkilometern, der Blick nach vorne zeigt: Gegenverkehr. "Da war definitiv kein Platz zum Überholen", sagt Radfahrer Benedikt Lind, doch die Autofahrer sahen das anders.

"Ich hatte mehrfach die Situation, dass ich den Windzug vom Außenspiegel an meinem Ellenbogen gespürt habe." Selbst Lkw hätten ihn mit kaum mehr als 30 Zentimetern Abstand überholt statt der empfohlenen eineinhalb bis zwei Meter, erzählt er.

Trotz der Gefahr pendelt Lind jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit auf den Frankfurt Flughafen, anfangs von Darmstadt aus. Die direkte Route betrug 21 Kilometer, war aber so gefährlich, dass er sie nur einmal fuhr. Danach nahm er lieber einen Umweg von weiteren acht Kilometern in Kauf. Inzwischen ist er umgezogen und pendelt täglich 15 Kilometer aus dem Frankfurter Ostend zum Flughafen - ohne das Risiko Landstraße.

Über 4.000 verletzte Radfahrer

Die Statistik belegt, was Lind beklagt: Radfahren ist gefährlich. Im vergangenen Jahr wurden in Hessen 33 Fahrradfahrer bei Unfällen getötet, 4.068 wurden verletzt.

Auch Carola Pahl hat immer wieder brenzlige Situationen erlebt. "Wenn ich nicht so schmerzfrei wäre, würde ich nicht so lange Radfahren", erzählt die 55-Jährige, die seit 20 Jahren in Wiesbaden mit dem Rad zur Arbeit pendelt. Besonders rund um den Hauptbahnhof sei es oft gefährlich. Autos, Busse, Fußgänger, eine Parkhausausfahrt. "Manchmal meide ich diesen Bereich. Besonders, wenn ich nicht ganz ausgeschlafen bin."

Carola Pahl aus Wiesbaden auf ihrem Fahrrad
Carola Pahl pendelt jeden Morgen sechs Kilometer zur Arbeit. Bild © hr

Dass gerade in Wiesbaden akuter Verbesserungsbedarf besteht, zeigt der aktuelle ADFC-Fahrradklimatest. Die Stadt erhält von den Fahrradfahrern lediglich die Schulnote 4,4 und belegt damit in ihrer Größenklasse erneut den letzten Platz. Doch selbst die am besten bewertete Stadt in Hessen, Baunatal (Kassel), schafft nur eine 2,67.

Experte: Konzepte werden nicht umgesetzt

Dabei ist der Radverkehr ein bedeutender Baustein moderner Mobilität, sagt der Kasseler Mobilitätsforscher Alexander Gardyan. "Ich bin vom Verkehrsmittel Fahrrad extrem überzeugt. Städte mit einem hohen Radverkehrsanteil von 25 Prozent und mehr überzeugen in der Regel auch durch hohe Aufenthalts- und Lebensqualität."

Mobilitätsforscher Alexander Gardyan sitzt vor Bildschirmen
Alexander Gardyan forscht an der Universiät Kassel zum Thema Mobilität. Bild © hr

Die Voraussetzung, um auch in Hessen mehr Menschen aufs Rad zu locken, sei vor allem eine gute Infrastruktur für Radler. "In Planung und Wissenschaft sind die positiven Effekte des Radverkehrs hinreichend bekannt. Die Problematik ist, dass die Konzepte nicht in die Umsetzung kommen", bemängelt der Experte. "Hier müssen Politik und Verwaltung in die Verantwortung genommen werden. Das ist ein großer Schritt, den wir in Deutschland in den nächsten Jahren schaffen müssen."

"Man muss den Raum vom Kfz-Verkehr holen"

Jahrzehntelang wurde bei der Planung von Städten mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse von Autofahrern genommen. Das wird nun zum Problem. "Wenn man Platz für den Radverkehr schaffen möchte, dann muss dieser Platz irgendwo herkommen", sagt Gardyan. Den Fußgängern Platz wegzunehmen mache keinen Sinn, bei gemeinsamen Wegen für Fußgänger und Radfahrer bestehe großes Konfliktpotential. "Also muss man den Raum vom Kfz-Verkehr holen."

Das sieht auch die Mehrheit der Hessen so: In einer repräsentativen Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag des hr stimmten 73 Prozent aller Befragten der Aussage zu, dass das Radwegenetz in Hessen ausgebaut werden soll, auch wenn dafür Fahrspuren für Autos wegfallen würden.

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Auch Carola Pahl aus Wiesbaden hielte das für sinnvoll. Benedikt Lind würde sich zwar über mehr Platz freuen, befürchtet aber auch, dass dadurch das Verhältnis zwischen Radlern und Autofahrern noch schlechter werden könnte.

Ob nun Autospuren reduziert werden müssten oder die Anzahl an Parkplätzen, müsse man individuell entscheiden, meint Gardyan. Wichtig sei, vorrangig Straßen auszubauen, die für den Radverkehr wichtig sein. "Dann ergibt sich ein positiver Effekt für alle." Denn auf den anderen Straßen sei dadurch mehr Platz. "Und dann glaube ich, akzeptieren das die Leute. Auch wenn dann vielleicht einige Parkplätze weniger zur Verfügung stehen."

Straßenabschnitte testweise sperren

Für den Mobilitätsforscher sind deswegen vor allem Verkehrsversuche ein effektives Mittel. "Man kann zum Beispiel im Sommer temporär testen, bestimmte Straßenabschnitte für den Kfz-Verkehr zu sperren. Wenn man danach ein positives Echo erhält, kann man diese Maßnahmen dauerhaft umsetzen." In Frankfurt startet ein solcher Versuch ab August. Für ein ganzes Jahr soll ein Stück des nördlichen Mainufers in der Innenstadt für Autos gesperrt werden.

Um Städte für Radfahrer attraktiver zu machen, sei noch ein weiterer Punkt entscheidend, sagt Gardyan. "Kompakte Städte bieten perfekte Voraussetzungen für den Radverkehr. Wichtige Ziele, wie der Arbeitsplatz oder Einkaufsmöglichkeiten, sind gut mit dem Rad erreichbar." Darauf müsse bei der zukünftigen Städteplanung geachtet werden, zum Beispiel durch die Schließung von Brachflächen.

Mehr Rücksicht und autofreie Bereiche

Benedikt Lind aus Frankfurt auf seinem Fahrrad
Benedikt Lind fährt täglich 15 Kilometer zur Arbeit. Bild © hr

Trotz der vielen Widrigkeiten sind die Vorteile für Lind ganz klar: "Morgens mit dem Auto zu fahren ist stressig, weil man nur noch im Stau steht." Radfahren sei gut für die Gesundheit und die Umwelt. Sein Arbeitgeber ist darauf eingerichtet, es gibt Fahrradabstellräume und Duschen. Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eins: "Dass auf der Straße mehr miteinander gearbeitet und Rücksicht genommen wird."

Carola Pahl setzt inzwischen voll aufs Rad, ihr Auto hat die Wiesbadenerin vor eineinhalb Jahren verkauft. "Mir macht es Spaß, auch wenn die Bedingungen nicht so optimal sind." Daran möchte sie etwas ändern. Deswegen engagiert sie sich im neu gegründeten Radbüro der Stadt, das sich um Planung und Förderung des Radverkehrs kümmert.

Sie würde sich wünschen, dass zumindest ein Bereich in der Innenstadt in Zukunft weitgehend autofrei wird. "Es ist auch eine Chance für eine Stadt, wenn der Verkehr da rauskommt und es einfach ruhiger und angenehmer ist."

Ihre Kommentare Was sollte sich für Radfahrer in Hessen ändern?

103 Kommentare

  • Ich fahre täglich ca. 10 km (einfache Strecke) mit dem Fahrrad um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Durchgängige Radwege, die kein ständiges auf und abfahren von Fußgängerwegen bedeuten würden, wären ein segen für den Rücken und die Langlebigkeit des Fahrrads.

    Fahrradwege auf der Straße mit einer raumlichen Trennung, dass würde ich mir in der Zukunft wünschen. So würde der Kampf zwischen Mensch (Fahrradfahrer) und Maschine (Autofahrer) endlich ein Ende nehmen.

    Und ja, auch ich fahre gerne mal mit dem Auto, aber halt nicht auf die Arbeit :)

  • Die Stadt Wiesbaden wird von den Fahrradfahrern lediglich die Schulnote 4,4 vergeben. Warum

    nicht gleich die Note 6! Diese Stadt ist einfach die reinste KATASTROPHE für Radfahrer!

  • Hessische Radfahrer haben ein ganz anderes Problem,

    Sie schreien rum wegen zu wenig Radwegen und wenn es welche gibt fahren Sie auf der Strasse.

    Was soll man davon halten?

    Natürlich finde auch ich gut wenn es viele oder mehr Radwege gibt aber man sollte auch mal an solche Sachen denken.
    Ob die Radfahrer auch mal Hindernisse auf Bundesstraßen sein können und hier ihr eigenes Leben riskieren und dann sogar die Autofahrer beschimpfen und beschuldigen, was soll das denn.
    Packt euch mal selbst an die Nase.

    Was hier in Deutschland abgeht ist echt unter aller Sau.
    In Holland z.B. gibt es das nicht.
    Da rasen weder die Autofahrer noch blinken Sie in den Kreisel rein.
    Auch hört man nicht das Radfahrer auf Autobahnen unterwegs sind.
    Ach ha, in Fußgängerzonen ist das Radfahren übrigens auch verboten.
    Naja, Hauptsache im Stau gaffen und Fotos machen statt die Rettungsgasse zu bilden, Deutschland ist schon klasse.

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