Logistiktram in Frankfurt mit Paketkiste
Ein Mikrodepot in der Frankfurter Logistiktram: Darin befinden sich Pakete und Päckchen. Bild © picture-alliance/dpa

In Frankfurt sollen Straßenbahnen künftig nicht nur Fahrgäste, sondern auch Pakete ans Ziel bringen. Das soll die Umwelt entlasten und Transporter von den ohnehin vollen Straßen fernhalten. Doch es gibt auch Zweifel.

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hs

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Dort, wo sonst die Fahrgäste ein- und aussteigen, versperrt eine große Holzkiste den Weg. Doch Menschen soll die Frankfurter Straßenbahn auch gar nicht transportieren. Obwohl sie im typisch türkisblauen Farbton wie eine normale Tram aussieht, handelt es sich um eine Logistiktram, die statt Pendlern Pakete ans Ziel bringt. Sie war am Montag das erste Mal testweise unterwegs: vom Betriebshof im Gutleutviertel bis zur Messe. Die Stadt probiert aus, ob künftig Straßenbahnen Pakete in die vom Autoverkehr überlastete Frankfurter Innenstadt bringen können.

Die Tram wird dabei mit so genannten Mikrodepots beladen. Das sind Kisten voller Paketsendungen. Die Tram bringt sie an Umschlagplätze in der Innenstadt. Von dort legen Fahrradkuriere mit den Kisten die letzten Meter bis an die Haustüren zurück. So lasse sich "eine nahezu emissionsfreie Citylogistik" erreichen, sagt der Abteilungsleiter Stadtentwicklung der Stadt Frankfurt, Ansgar Roese. Umwelt und Straßen würden entlastet.

Wiederauflage einer Idee aus den 1960er Jahren

Ganz neu ist die Idee nicht. "Das ist alles ein bisschen retro hier", sagt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD): "Schon in den 1960er Jahren gab es in Deutschland Güterverkehr per Straßenbahn." Nun sei er erneut nötig, weil der Versandhandel übers Internet boome, aber auch wegen der Umweltsituation in den Innenstädten. "Vor zehn Jahren war noch kein Markt dafür da, jetzt aber schon", sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Das liege auch am drohenden Dieselfahrverbot in Frankfurt. Auch wirtschaftlich rentabel soll das Verfahren sein.

Die Konkurrenzfähigkeit der Logistiktram betont auch Herbert Riemann und gibt ein ambitioniertes Ziel aus: "Das Verfahren soll zum Systemstandard werden." Der Geschäftsführer von Riemann Produktdesign hat zusammen mit Klaus Grund vom Logistikunternehmen Sachen auf Rädern das System der Mikrodepots erfunden. Ihr Prototyp eines Fahrradanhängers erinnert an einen High-Tech-Bollerwagen. Per Hydraulik werden die einzelnen Kisten aus dem transportablen Mikrodepot gehoben und an ein E-Bike gekoppelt.

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Mann beliefert Logistiktram mit Mikrodepot mit Päckchen

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Abgasfrei und platzsparend: Logistiktram soll Lieferverkehr in der Stadt revolutionieren

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Ein Mikrodepot bringe etwa so viel Lieferleistung wie ein Transporter, berichtet Riemann. Wie viele Depots in einen Straßenbahnwaggon passten, werde noch erforscht. Für den Herbst plant die Stadt einen größeren Probebetrieb. Verläuft er gut, könnte das System in Frankfurt bald herkömmliche Transporter ersetzen.

Verkehrsclub glaubt nicht an Kooperation der Branche

Ob so etwas in anderen hessischen Städten mit Straßenbahnen wie Kassel und Darmstadt auch denkbar wäre? In Darmstadt zeigt sich Silke Rautenberg vom Netzbetreiber HEAG mobilo skeptisch: "Die Idee wäre logistisch kaum umsetzbar. Wir sind jetzt schon an der Kapazitätsgrenze. Wir brauchen alle unsere Fahrzeuge für den normalen Linienbetrieb." Fraglich ist auch in Frankfurt, wie sich die Logistiktram auf den ohnehin schon überlasteten Pendlerverkehr auswirken wird.

Fahrradkurier holt Päckchen bei Logistiktram ab
Den Weg zwischen Logistiktram und Verbrauchern legt ein Kurier mit Lastenrad zurück. Bild © picture-alliance/dpa

Und könnte die Logistiktram helfen, die Luft in Frankfurt oder anderen Städten zu verbessern? Michael Müller-Görnert, zuständiger Referent beim Verkehrsclub Deutschland (VCD), zweifelt daran wegen der fehlenden Kooperationsbereitschaft der Branche: "In den 1990er Jahren war Citylogistik ein großes Stichwort. Diese Konzepte sind gescheitert, weil sich die Anbieter nicht auf einen einheitlichen Dienstleister einigen konnten. Da machen alle ihr eigenes Ding." Wenn es sich doch durchsetze, sei das Konzept ein guter erster Schritt - mehr aber nicht.

Müller-Görnert betont: "Wir müssen beim Klimaschutz auch an die Pkw gehen, die immerhin zwei Drittel der Verkehrsemissionen verursachen." Das sieht Riemann ähnlich: "Der Markt kann nicht alles regeln. Die Politik muss auch Emissionsgrenzen setzen."