Die Grafik zeigt Portraits der Protagonisten Shadi, Simon, Melanie und Johannes vor einem gelben Hintergund. Unten ein Label aus zwei sich überlappenden Dreiecken, deren Spitzen nach oben rechts zeigen und ein Schriftzug "Hessen blickt nach vorn".

Keine Aufträge, Kurzarbeit, Geschäftsschließung: Viele Menschen hat die Corona-Pandemie hart getroffen. Einige von ihnen haben in der Krise begonnen, etwas ganz Neues aufzubauen - mit Erfolg.

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Hätte man Shadi Souri vor 15 Monaten gefragt, wie es um seine "Pizzeria Wolke" steht, hätte er wahrscheinlich nur müde mit den Schultern gezuckt. Als im Frühjahr letzten Jahres der erste Teil-Lockdown in Deutschland beginnt, muss er erstmals die Türen in Gießen für seine Kundinnen und Kunden schließen. Wie es weitergeht, ist völlig ungewiss.

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Der hr-Thementag "Hessen blickt nach vorn" zeigt, wie Menschen durch die Coronakrise gekommen sind, wie die Krise ihre Lebenssituation veränderte und mit welchen Strategien sie die Herausforderungen bewältigten.

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"Meine größte Angst war es, vor meinen Leuten zu versagen - dass sie ihren Job verlieren, wo sie sich doch so auf mich verlassen haben", sagt er. Zu der Zeit sind 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ihm angestellt. Sie im Stich zu lassen, ist für den damals 29-Jährigen keine Option: "Deshalb musste ich mir etwas einfallen lassen."

Der Gastraum wird zur Produktionsstätte

Im Mai vergangenen Jahres kommt dem jungen Unternehmer dann die rettende Idee: Er versucht, seine neapolitanischen Pizzen als Tiefkühlpizzen zu verkaufen. "Es war die einfachste Form, unsere Pizza im Lockdown frisch an den Mann zu bringen", erklärt Souri. Ohne lange zu zögern, strukturiert er sein Geschäftskonzept komplett um - verwandelt den Gastraum seiner kleinen Pizzeria in eine Produktionsstätte und investiert in Schockfroster und Vakuumiergerät.

Heute, über ein Jahr später, zählt seine Shadi Souri 33 Menschen in seinem Team. "Bald müssen es aber mindestens 50 sein", sagt er und lacht. Denn mittlerweile kommt er mit der Produktion seiner Tiefkühlpizzen kaum noch hinterher. Supermärkte aus ganz Deutschland sind an seiner Ware interessiert.

1.000 Pizzen pro Tag

Mehr als 1.000 Stück pro Tag können er und sein Team derzeit aber noch nicht stemmen. Wegen der begrenzten Kapazität will sich Souri deshalb zunächst nur auf Märkte in Hessen konzentrieren. Hier haben derzeit 49 Supermarkt-Filialen seine Tiefkühlpizzen fest im Sortiment.

Bis Ende des Jahres werden es rund 200 Märkte sein, prophezeit der Jungunternehmer und kann es selbst kaum glauben: "Dass die Idee mal so gut ankommt und die Leute unsere Pizzen so leerkaufen würden, hätte ich nie gedacht." Um weiter wachsen, soll die Produktion bis Ende August in eine große Halle außerhalb der Gießener Innenstadt verlegt werden. Dafür will Souri dann auch drei zusätzliche Öfen kaufen.

"Wir haben während Corona viel Glück gehabt", sagt Souri rückblickend. "Aber dann haben wir die Chance ergriffen und umgesetzt." Wenn er eines gelernt habe, dann, dass man auch in Krisen nicht den Kopf in den Sand stecken dürfe.

"Aus der Not Erdbeeren verkauft"

Diese Erfahrung hat auch Johannes Napp aus Butzbach gemacht. Als selbstständiger Tontechniker hatte es ihn im Frühjahr vergangenen Jahres hart getroffen. "Ich war gerade auf halber Strecke zu einer Veranstaltung in Brandenburg, als ich den Anruf bekam, dass dort wegen Corona alles dicht gemacht wird", erzählt der 25-Jährige.

Es folgt eine Veranstaltungsabsage nach der nächsten, bis seine Auftragslage plötzlich komplett zusammenbricht. "Am Anfang dachte ich, das wird schon schnell wieder", erinnert er sich. Doch die Veranstaltungen bleiben aus.

Johannes Napp (ein junger Mann mit Brille und Bart) spielt auf seiner Gitarre.

Anstatt den Sound auf Festival-Bühnen einzurichten und sich um Mischpult und Mikrofon zu kümmern, versucht er sich als Erdbeerverkäufer bei einem Landwirt in der Nähe von Butzbach. Besser als nichts, denkt sich Napp. Doch irgendwann fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Unternehmen setzen auf Online-Veranstaltungen

"Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, hier wegzugehen, etwas ganz anderes zu machen, vielleicht sogar noch mal zu studieren." Doch dann bekommt er einen Anruf von einem ehemaligen Kunden mit der Anfrage, kurzfristig eine Livestream-Veranstaltung online zu organisieren.

Kurzerhand arbeitet er sich in eine neue Software ein, liest sich Wissen zum Thema Kameratechnik und Dramaturgie an und springt ins kalte Wasser - mit Erfolg. Mittlerweile hat Johannes Napp fünf feste Kunden, für die er regelmäßig Streaming-Veranstaltungen organisiert oder auch mal als Kameramann für Live-Aufzeichnungen gebucht wird.

Seine Auftragslage ist inzwischen wieder so hoch wie vor Corona, sagt der Tontechniker: "Im Moment wäre es auch mal wieder richtig schön, ein bisschen Urlaub zu nehmen und mir eine kurze Auszeit zu gönnen." Dafür hat er aber noch keine Zeit. Mit seinem Veranstaltungs-Streamingservice scheint er eine Geschäftslücke entdeckt zu haben. In die Zukunft blickt er positiv, denn auch nach der Pandemie, glaubt Napp, wird der Trend zu Online-Veranstaltungen nicht abreißen.

Vom Marketingberater zum regionalen Gemüselieferanten

Einen Neustart hat auch Simon Block zusammen mit seiner Partnerin Melanie Steuer aus Offenbach gewagt. Seine Auftragslage als freiberuflicher Marketingberater zwang ihn, mitten in der Corona-Pandemie umzusatteln. "Ich bin von einem guten Gehalt auf Null gegangen", erzählt der Offenbacher.

Denn im März vergangenen Jahres brechen ihm alle Projekte weg - geplante Aufträge kommen nicht mehr zustande. Zeit, zu handeln - sich etwas Neues zu suchen und die Flucht nach vorn anzutreten, sagt Block. Auf eine neue Idee stoßen er und seine Partnerin direkt vor der eigenen Haustür: "Wir haben die langen Schlangen im Supermarkt gesehen und dem Ganzen irgendwie nicht getraut."

Simon Block und Melanie Steuer, Inhaber von "Der Mainbauer" - mit Gemüsekisten in den Händen stehen sie vor einem geöffneten Transporter.

Wie bekommt man frische Lebensmittel nach Hause, ohne sich dem Infektionsrisiko beim Einkaufen auszusetzen? Weil es auch in der eigenen Familie Risikopatienten gibt, beschließt das Paar, anderen das Einkaufen abzunehmen und einen regionalen Obst- und Gemüselieferdienst zu starten. Ähnliche Konzepte waren zwar bereits auf dem Markt. "Die waren zu der Zeit aber komplett ausgebucht", erinnert sich Block.

Seitdem liefern Simon Block und Melanie Steuer Obst- und Gemüsekisten bis vor die Haustür. Ihr Unternehmen "Der Mainbauer" versorgt Kunden in Offenbach, Frankfurt, Hanau, Bad Homburg und Dreieich. Alle Lebensmittel bekommen sie von Bauern aus der Region. Dabei setzt das Paar besonders auf Regionalität und Saisonalität.

Die Pandemie als Chance nutzen

Neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die beiden mittlerweile angestellt. Und sie könnten noch weitere Unterstützung gebrauchen, sagt Block. Pro Woche liefern sie rund 200 Kisten - Tendenz steigend. "Schon im ersten Jahr konnten wir einen sechsstelligen Umsatz erreichen", sagt der Jungunternehmer stolz. "Jetzt schauen wir, dass wir weiter wachsen."

Mit dem Startup hat sich Simon Block einen Traum erfüllt. Ein eigenes Unternehmen zu gründen habe er schon länger angestrebt. "Corona hat uns dann aber erst ins kalte Wasser geschubst und auch wirklich aktiv werden lassen." Er hofft, dass ihr Lieferkonzept auch nach der Pandemie weiter Erfolg haben wird. Angesichts der großen Nachfrage will er sich darüber jetzt aber noch keine Gedanken machen.

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