Das Weingut Leitz setzt auf Wein-Dosen mit oder ohne Alkohol

Schon mal Orange-Wein oder alkoholfreien Dosen-Rosé probiert? Um jüngere Konsumenten anzusprechen, erfindet sich die Weinbranche gerade neu. Wir stellen drei experimentierfreudige Winzer aus dem Rheingau vor.

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Aus den Lautsprechern der Straußwirtschaft Dillmann in Geisenheim dröhnt elektronische Musik. Der DJ steht mitten im Weinberg. Ein Experiment der Brüder Marcel und Marius Dillmann: "Früher hätte man sich das gar nicht vorstellen können. Aber mittlerweile kommen so viele junge Leute in die Straußwirtschaft", sagt Marcel Dillmann. Aber auch die ältere Generation stehe auf die Kombination von leckerem Wein und elektronischer Musik.

Der 29-jährige Jungwinzer will schon seit seinem 15. Lebensjahr Winzer werden. "Es ist mein Traumberuf. Man muss Spaß daran haben, sonst hält man nicht durch" so Marcel Dillmann.

Wein-Logo auf dem Bauch

Der schwarze Hut und die Tattoos sind das Markenzeichen der Dillmanns. Die Brüder haben sich das Logo ihres Weins sogar auf den Bauch tätowieren lassen. "Mein Bruder Marius hat mir ein Video geschickt, in dem er sich das Logo unseres Weinguts stechen lies. Da musste ich natürlich nachziehen", erzählt Marcel Dillmann. Und dann habe auch noch sein Vater gesagt: "Was ihr könnt kann ich schon lange."

Der Rheingau blickt inzwischen auf eine 900 Jahre alte Weintradition zurück. In den sonnigen Südhängen wird bis zu 80 Prozent Riesling angebaut. Auch in dieser Hinsicht gehen die Dillmanns neue Wege: Neben dem klassischen Riesling bauen sie vermehrt Weine an, die für den Rheingau eigentlich untypisch sind.

Sauvignon Blanc, Weiß- und Grauburgunder und Muskateller werden immer lieber getrunken. "Besonders jüngere Weintrinker mögen die Säure im Riesling nicht", sagt Marcel Dilmann. Seltenheitswert hat auch sein Rotwein. Sein Cabernet Sauvignon und der Merlot aus Frankreich braucht extrem viel Wärme.

Weingut Leitz: Rosé-Wein aus der Dose

Experimentierfreudig zeigt sich auch das Weingut Leitz in Rüdesheim. Als eines der ersten VDP-zertifizierten Weingüter im Rheingau stellt es alkoholfreien Rosé-Wein in Dosen her. Für den Verkaufsleiter Jan Schmidt war das höchste Zeit. "Am Anfang sind wir natürlich von vielen Kollegen belächelt worden. Da hieß es: Ihr seid euch auch für nichts zu schade", erzählt Schmidt.

Die Dillmanns haben sich das Logo ihres Weins tätowieren lassen.

Ein Chefkoch aus Norwegen suchte nach einem hochwertigen Traubensaft für seine Gäste. So entstand die Idee, einen alkoholfreien Wein zu produzieren der mit Wein mithalten kann. "Unter Wein-Liebhaber wird alkoholfreier Wein noch verpönt. Alkohol ist schließlich ein Geschmacksträger", sagt Schmidt.

Wein-Dosen mit oder ohne Alkohol

Der Anteil von alkoholfreiem Wein an der gesamtdeutschen Weinproduktion macht etwa ein Prozent aus. Doch das Produkt wird immer beliebter. Jüngere Konsumenten schätzen besonders den Transport in Dosen. Eine leere Weinflasche wiegt 410 Gramm, eine leere Dose hingegen nur 15 Gramm.

"So können wir auf den LKWs viel Gewicht und letztendlich auch Energie sparen", so Schmidt. Mittlerweile verkauft das Weingut Leitz auch alkoholhaltigen Wein in Dosen. Zu den größten Abnehmern zählen die USA und Großbritannien.

Jungwinzer Goziewski: Naturwein mit Ecken und Kanten

Eine andere Richtung probiert Jörn Goziewski aus: "Ich mache Naturwein mit Ecken und Kanten", sagt er. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hatte Goziewski gar keinen Alkohol getrunken. Nach einem Praktikum im Rheingau und dem Studium an der Hochschule Geisenheim packte ihn allerdings die Wein-Leidenschaft.

Jörn Goziewski stellt Orange-Wein her.

Heute gehört er zu den experimentierfreudigsten Jungenwinzern im Rheingau. Sein Orange-Wein hat mit dem klassischen Riesling nicht mehr zu tun. Seine Weine erinnern von der Farbe an einen Kräutertee und schmeckt nach Sherry, karamellisierten Äpfeln, Papaya oder Würzkräutern: "Es ist eine Art Mission. Ich will zeigen, was man mit Wein alles machen kann. Die Leute sind auf der Suche nach Neuem. Und genau die finden mich", erzählt Goziewski.

Jörn Goziewski beschäftigt sich schon lange mit der Frage: Wie kann man Wein langlebiger machen? Eine Jahrtausende alte Technik für Naturwein aus Georgien hat es ihm schließlich angetan. Die Traube wird nicht zu Saft gepresst, sondern die ganze Frucht mit Schale auf der Maische vergärt.

Herstellung von Orange-Wein braucht lange

Die Traube wird nicht zu Saft gepresst, sondern mit Schale auf der Maische vergärt.

Zwei Jahre lagert das Gemisch ohne Schwefel-Zusatzstoffe im Barrique-Fass und entwickelt so die typisch orangene Farbe. "Einige Kollegen sagten, es sei kein ortstypischer Wein. Das sei 'dreckiger' Wein. Man muss sich in der Branche erstmal durchsetzen und durchhalten", erinnert sich Goziewski.

Orange-Wein braucht in der Produktion im Vergleich sehr lange. Dadurch steigt auch der Preis. Eine Flasche seines Naturweins kostet zwischen 20 und 45 Euro. "Eine Flasche kann man nicht an einem Abend trinken. Der Geschmack ist intensiv und ändert sich von Tag zu Tag", erzählt Goziewski.

Zu Beginn seiner Karriere produzierte Jörn Goziewski auch klassischen Gutswein. Doch der Preisdruck machte ihm keinen Spaß. "Die Trauben werden von Hand in der Steillage gelesen. Das ist harte Arbeit. Am Ende kostet die Flasche dann aber nur ein paar Euro. Das ist keine Wertschätzung", sagt Goziewski.

Weintourismus immer beliebter

Mittlerweile beobachtet der 39-Jährige ein Umdenken bei den Konsumenten. "Tourismus in Weinregionen wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Über Wein zu reden ist auch für Jugendliche faszinierend", meinte er.

Das bestätigt auch eine Umfrage der Hochschule Geisenheim. Professor Gergely Szolnoki vom Institut für Wein- und Getränkewirtschaft untersuchte im April das Trinkverhalten junger Konsumenten zwischen 16 und 35 Jahren. Zwar steht Bier demnach immer noch an der Spitze der beliebtesten alkoholischen Getränke. Doch der Weintourismus werde immer beliebter. Der Untersuchung zufolge trinken 53 Prozent der 16 bis 35 Jahre alten Weintrinker regionale Weine aus Deutschland.

Dennoch: Die Weinbranche muss sich weiter einiges einfallen lassen, um jüngere Generationen zukünftig vom Kulturgetränk zu überzeugen. "Wein ist wie Jazz, man kann es nicht sofort genießen. Man muss sich darauf einlassen und reinwachsen", so Szolnoki.

Quelle: hr-fernsehen, maintower, 7.9.2020, 18 Uhr