Erntehelfer auf einem Spargelfeld in Weiterstadt

Erntehelfer und andere Saisonarbeiter dürfen seit Mittwoch, 17 Uhr, nicht mehr nach Deutschland einreisen. Tausende von ihnen haben den hessischen Bauern wegen der Corona-Krise ohnehin schon gefehlt. Jetzt verschärft sich die Lage. Und nicht jeder Betroffene hat Verständnis.

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hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 26.03.2020
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Mittwochnachmittag, kurz nach 17 Uhr. Seit ein paar Minuten gilt die erst am Vormittag von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eilig erlassene Anordnung, und Rolf Meinhardt ist außer sich. "Das ist eine Katastrophe, ein einziges Chaos", ruft der Landwirt aus Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) aufgebracht ins Telefon.

Erntezeit ist immer purer Stress. Mit der Coronakrise wuchs dieser Stress noch einmal. Mit dem Einreiseverbot für Erntehelfer ist er kaum mehr auszuhalten, wenn man wie Meinhardt Spargelbauer ist.

Um die Ausbreitung der Pandemie in Deutschland zu bremsen, wird Erntehelfern und anderen Saison-Arbeitskräften nun an den deutschen Grenzen die Einreise verweigert. Das gilt bis auf Weiteres für Menschen aus Drittstaaten, aus Großbritannien, aber auch aus Nachbarländern wie Österreich.

Und es gilt für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die dem sogenannten Schengenraum ohne Binnengrenzen nicht voll angehören. Gerade von dort aber kommen besonders viele Saisonkräfte deutscher und auch hessischer Bauern.

Eine Lücke, die kaum mehr eine ist

"Für unsere Betriebe ist das ganz bitter“, sagt Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauenverbands. Am Vortag hatte er noch darauf hingewiesen, dass wegen der Coronakrise auf manchen Höfen derzeit enorme Ernteausfälle drohen. Zwei von drei Saisonarbeitsplätzen seien unbesetzt, an die 16.000 insgesamt.

Das treffe gerade die besonders auf Saisonarbeiter angewiesenen Erdbeer- und Spargelbauern. Nun sagt Weber: "Die Einreisesperre erschwert diese Situation zusätzlich." Eine "Lücke" gibt es laut Weber zwar noch: Polen dürften einreisen. Ob das noch viele Menschen von dort auf sich nehmen, ist fraglich.

Wer aus Deutschland in die Heimat zurückkehre, müsse zwei Wochen in Quarantäne. Bauernverbandssprecher Weber sagt zu den Perspektiven: "Wir können nur darauf hinwirken, dass die Sperre so kurz wie nötig gehalten wird. Aber die Infektionszahlen steigen ja noch weiter." Die neuen Beschränkungen seien "zwingend erforderlich, um Infektionsketten zu unterbrechen", heißt es aus dem Bundesinnenministerium.

Ausnahme für die Pflege

Aber Spargelbauer Meinhardt fragt sich in seiner Bedrängnis, warum die Sperre überhaupt nötig sein soll. "Bei anderen geht es komischerweise", sagt er dazu, dass Pflegekräfte aus Osteuropa von dem Einreiseverbot nicht betroffen sind. In der Pflege in Deutschland arbeiten viele Beschäftigte aus osteuropäischen Ländern. Aber eben auch in der Landwirtschaft.

"Wir galten doch vor Tagen auch noch als systemrelevant. Irgendwann merken die Menschen, dass man Handys nicht essen kann." Ein Kollege aus der Pfalz habe gerade mehrere Hektar Radieschen wieder untergefräst, weil er sie ja nun doch nicht zu einem erträglichen Preis ernten und verkaufen könne.

Nicht alle trifft es gleichermaßen

Weil das Verbot so schnell kam, sitzen nach Angaben Meinhardts nun von ihm aktivierte Saisonarbeiter in Rumänien fest. Er hatte schon zuvor Menschen per Bus und sogar mit Hilfe eines von mehreren Bauern georderten Charterflugs aus Bukarest hierher gebracht. Für Infektionsschutz könne gesorgt werden, sagt er. "Unsere Helfer bleiben ja auf dem Hof und werden auch hier versorgt. Und die Arbeiter auf dem Feld sind doch weniger riskant für anderer Menschen als in der Pflege."

Was die Verbraucher betrifft: Erdbeeren und Spargel dürften weniger und teurer werden, heißt es vom Bauernverband. Erdbeerbauern könnten an Menge und Umsatz noch ein wenig durch mehr Selberpflück-Verkauf wettmachen.

Ansonsten drohe zwar kein Nahrungsmittelmangel, sagt Sprecher Weber. Aber er gibt zu bedenken, dass auch die Aussaat von Salat oder Kohl laufe oder anstehe. Beim klassischen landwirtschaftlichen Anbau von Getreide, Zuckerrüben oder Mais würden Saisonarbeiter weniger gebraucht, ebenso bei der Viehhaltung.

Gut gemeint, aber hilfreich?

Verbände und das Bundeslandwirtschaftsministerium haben Internet-Plattformen wie daslandhilft.de aufgesetzt, um Betriebe mit Freiwilligen in Kontakt zu bringen, die auf den Feldern arbeiten könnten. Aus Berlin hieß es außerdem: Zum möglichen Einsatz von Asylbewerbern als Erntehelfern gebe es derzeit vielfältige Überlegungen. Das hatte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor Tagen ins Gespräch gebracht.

Solche Ideen seien sei zwar gut gemeint, lobt der Landesbauernverband. Es meldeten sich auch viele Freiwillige. "Aber die Arbeiten sind nicht so leicht.“ Auch Spargelstechen sei nicht nur harte Arbeit, sondern müsse auch gelernt sein. Gezahlt wird häufig der Mindestlohn. "Dafür wollen doch viele nicht arbeiten. Aber mehr kann ich bei den Preisen, die ich erziele, nicht zahlen", sagt Bauer Meinhardt.

Ich sehe das kritisch , es ist doch ein frommer Wunsch das deutsche Arbeitskräfte jetzt das übernehmen könnten. Pflegekräfte sind ausgenommen weil jeder weiß das es ohne sie im Gesundheitswesen nicht funktioniert https://t.co/jOrEc6gsDU

[zum Tweet]

Vorbehalte hat auch der Bio-Bauer und Europaabgeordnete Martin Häusling aus Bad Zwesten (Schwalm-Eder). Der Grünen-Politiker betonte am Mittwoch auf Twitter, das es beim Einreisestopp nicht einzig um Spargel gehe, sondern eben auch um die Versorgung mit Gemüse und Obst insgesamt.

Und er schrieb: "Ich sehe das kritisch, es ist doch ein frommer Wunsch das deutsche Arbeitskräfte jetzt das übernehmen könnten.“ Jeder wisse, dass Pflegekräfte deshalb ausgenommen seien, "weil es ohne sie im Gesundheitswesen nicht funktioniert."

Enttäuschung am Flughafen Hahn

Geradezu schwer enttäuscht vom Einreisestopp zeigten sich die Verantwortlichen des seit Jahre kriselnden Flughafens im rheinland-pfälzischen Hahn. An ihm hält das Land Hessen noch 17,5 Prozent der Anteile, die anderen 82,5 Prozent gehören inzwischen dem chinesischen Großkonzern HNA. Denn mit Fluggesellschaften hatte es Gespräche über Dutzende mögliche Flüge mit Erntearbeitern aus dem Ausland gegeben.

"Wir bemühen uns generell um jeden einzelnen Flug", sagte Christoph Goetzmann von der Flughafen-Geschäftsführung. Und der Bedarf von Bauern sei groß gewesen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 26.03.2020, 16.45 Uhr