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Energiewende: Wie steht Hessen da?

Viele Verbraucher denken angesichts steigender Energiekosten und aus Klimaschutzgründen über eine Solaranlage auf ihrem Hausdach nach. Ein Experte der Landes-Energie-Agentur Hessen erklärt, warum sich das für alle lohnt.

Photovoltaik- und Solarthermieanlagen auf das Dach des eigenen Wohnhauses montieren zu lassen, ist ein probates Mittel, um sich unabhängig von den steigenden Energiekosten zu machen. Außerdem senken sie den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid. Welcher Aufwand damit verbunden ist, was es an Kostenersparnis bringt und warum er es für alle Hausbesitzer - und eigentlich auch alle Mieter - empfiehlt, erläutert der Solarexperte Andreas Wöll von der Landes-Energie-Agentur Hessen (LEA Hessen) hier.

hessenschau.de: Herr Wöll, wegen der hohen Energiekosten sind Solaranlagen auf dem Dach derzeit stark nachgefragt. Für wen lohnen sich Solarthermie- und Photovoltaik-Anlagen?

Andreas Wöll: Aus rein ökologischer Sicht: für jeden und uns alle, da damit weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt. Es lohnt sich aber auch aus ökonomischer Sicht. Auf absehbare Zeit, wenn überhaupt, werden Öl und Gas nicht billiger. Solarkraft zu nutzen, ist dagegen günstig. Denn warum soll ich für 40 bis 50 Cent die Kilowattstunde Strom aus dem Netz beziehen, wenn ich sie mittels Photovoltaikanlage (PV-Anlage) für umgerechnet etwa 15 Cent selbst erzeugen kann?

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hr-Hotline zu Energieberatern

Wenn Sie weitere Fragen zum Energiesparen zu Hause oder zur Umrüstung auf Solaranlagen haben, können Sie am Mittwoch, 20. Juli, von 18 bis 21.30 Uhr Fachleute fragen. Zum hr-Thementag erreichen Sie acht Energieberaterinnen und -berater unter der Hotline 069/155-3111.

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hessenschau.de: Wie kommen Sie auf diesen Preis?

Wöll: Nun, zuerst muss man ja in die PV-Anlage und den Wechselrichter, der den gewonnenen Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt, investieren. Dazu kommen noch Betriebskosten, weil der Wechselrichter selbst auch Strom verbraucht. Diese sind jedoch gering. Eine regelmäßige professionelle Wartung, wie zum Beispiel bei einer Heizung, ist bei PV-Anlagen nicht unbedingt nötig. Jeder kann vieles selbst überprüfen, um festzustellen, dass die eigene Anlage gut läuft.

hessenschau.de: Mit welchen Investitionskosten sollte man rechnen?

Wöll: Das lässt sich so allgemein ebenso schlecht beantworten wie die Frage, wie viel ein Auto kostet. Es kommt auf die gewünschte Leistung und auch das gewählte Produkt an und auch darauf, ob ich die Module klassisch mit Trägern auf das Dach montieren lasse oder etwas eleganter als Indach-Anlage, bei der die PV-Module die Dacheindeckung ganz oder teilweise ersetzen.

Portrait Andreas Wöll

hessenschau.de: Angesichts der riesigen Nachfrage steigt der Preis aktuell eher, oder?

Wöll: Das stimmt - andererseits wurden die Anlagen in den zurückliegenden Jahren so günstig, dass das Dach darunter oftmals teurer ist. Als Faustformel kann man davon ausgehen, dass sich die Kosten für eine PV- oder auch eine Solarthermie-Anlage nach zehn bis zwölf Jahren amortisieren. Die Sonnenkraft gibt es immer umsonst. Dagegen rechnet sich eine Gas- oder Ölheizung niemals, da ich den Energieträger ja immer einkaufen muss - den Strom aus dem Netz natürlich genauso.

hessenschau.de: Von welcher Lebensdauer einer Solaranlage auf dem Dach kann man ausgehen?

Wöll: PV-Anlagen sind auf 25 Jahre ausgelegt, viele halten aber auch 30 Jahre oder länger. Wahrscheinlicher ist, dass man den Wechselrichter nach zehn Jahren austauschen muss, dann ist der oftmals fällig. Wie lange eine Solarthermie-Anlage durchhält, hängt unter anderem vom Wärmemedium ab.

hessenschau.de: Welche staatlichen Förderungen gibt es für Solaranlagen aktuell?

Wöll: Förderungen werden gewährt, um innovative technische Lösungen auf dem Markt zu etablieren - das ist bei PV-Anlagen längst der Fall. Sie sind inzwischen, wie gesagt, auch so günstig, dass eine Förderung der Investition nicht mehr nötig ist. Anders sieht es mit Solarthermie-Anlagen aus, diese werden nach wie vor gefördert. Schaut man in die Zukunft, empfiehlt es sich grundsätzlich, über den Austausch der Heizungsanlage nachzudenken: etwa über den Austausch der alten Ölheizung gegen eine Wärmepumpe plus Solarthermie und PV. Das wir auch gut gefördert. Hierzu bietet die LEA eine Online-Fördermittelberatung an.

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hessenschau.de: Ohne eine Beratung durch Energieberater oder Installateure wird es im konkreten Fall nicht gehen. Aber um eine Orientierung zu geben: Wie groß sollte die PV-Anlage sinnvollerweise sein?

Wöll: Im Idealfall sollte die PV-Anlage so ausgelegt sein, dass sie weitestgehend den Eigenbedarf eines Jahres deckt. Das kann man im Übrigen, jeder für sich selbst, online mit Hilfe des Solarkatasters Hessen überprüfen. Ein Beispiel: Eine durchschnittliche Familie in einem Einfamilienhaus verbraucht circa 3.000 bis 4.000 Kilowattstunden im Jahr, das könnte sie zum Beispiel mit einer 5-Kilowatt-Anlage auf circa 40 Quadratmetern abdecken. Grundsätzlich gilt: Je weniger Strom jeder aus dem Netz kaufen muss, umso wirtschaftlicher, also umso besser. Dazu hilft wirklich jede Anlage, auch kleinere Balkonanlagen!

hessenschau.de: Aber 40 Quadratmeter Dach muss man doch auch erst mal zur Verfügung haben. Das sollte ja nach Süden ausgerichtet sein.

Wöll: Das war mal so. Inzwischen gibt es prima Anlagen für eine Ost-West-Ausrichtung. Eine solche Anlage liefert den Strom sogar genau dann, wenn er am meisten gebraucht wird, weil die Leute daheim sind: am Morgen und am Nachmittag.

Selbst Norddächer kommen je nach Neigung infrage, weil man die Module ja aufrichten kann. Grundsätzlich bedarf es projektspezifisch einer ordentlichen und bedarfsgerechten Planung und Auslegung. Eine erste Orientierung kann jeder beim Solarkataster Hessen erhalten. Dort kann man auch schon mal grob eine Anlage fürs eigene Dach einzeichnen und selbst die Wirtschaftlichkeit überprüfen.

Grafik in Form einer Sprechblase mit dem Wort "hr-Thema - Energiewende".
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Angesichts rasant steigender Preise für Strom und Gas und der Verpflichtung auf eine möglichst umfassende Absenkung des Ausstoßes klimaschädlicher Gase berichtet der hr am 20. Juli schwerpunktmäßig über die Energiewende.

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hessenschau.de: Sollte man einen Speicher anschaffen?

Wöll: Wer seinen Stromzählerstand abends und am nächsten Morgen miteinander vergleicht und einen entsprechend hohen Bedarf feststellt, für den kann ein Speicher, in der Größe des ermittelten Bedarfes, sinnvoll sein. Sonst würde ich davon abraten. Zudem sollte man auch die Zukunftspläne berücksichtigen: Hat man vor, ein E-Auto anzuschaffen, will man die Heizungsanlage durch eine Wärmepumpe, die Strom benötigt, ersetzen und so weiter?

Was sich nicht lohnt: Wenn man zu viel Strom erzeugt und ihn ins Netz einspeist. Die Einspeisevergütung ist niedrig und liegt bei Kleinanlagen unter den Stromentstehungskosten, was eine Anlage bei Volleinspeisung unwirtschaftlich werden lässt. Nutzt man den Solarstrom jedoch selbst und reduziert somit den Strom, den man kaufen muss, sieht es wirtschaftlich gesehen ganz anders aus.

hessenschau.de: Und wenn die Sonne nicht scheint, was dann?

Wöll: Bei leichter Bewölkung produziert eine moderne Anlage immer noch. Bei einer Solarthermie-Anlage kann man davon ausgehen, dass sie den Bedarf nicht nur im Sommer, sondern auch im Herbst und Frühjahr, abhängig von der genutzten Technologie, abdecken kann. Selbst im Winter können Solaranlagen Strom oder Wärme produzieren.

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hessenschau.de: Welche Möglichkeiten haben Mieter?

Wöll: Mieter können natürlich normalerweise nicht die Art ihrer Heizung bestimmen. Aber sie können, am besten mit den anderen Mietern im Haus, das Gespräch mit ihrem Vermieter suchen und sich für eine nachhaltigere Form des Heizens stark machen. Bei einer zentralen Heizung kann man diese zum Beispiel durch eine Solarthermieanlage ergänzen, das geht übrigens technisch auch bei Etagenheizungen durch den jeweiligen Mieter selbst.

Zudem haben Mieter die Möglichkeit, mit einem Stecker-Solargerät auf dem Balkon selbst Strom zu erzeugen. Das ist immerhin für 500 bis 600 Kilowattstunden im Jahr gut. Natürlich müssen sie vor der Montage erst ihren Vermieter fragen.

hessenschau.de: Muss man auch dem Versorger Bescheid geben, dass man nun selbst Strom erzeugt?

Wöll: Ja, das müssen alle. Dafür gibt es Formulare, die bei Balkonsolaranlagen oftmals mit den Solarmodulen mitgeliefert werden. Bei Balkonmodulen sollte man sich mit den anderen Mietern zusammentun, um eine Sammelbestellung auf den Weg zu bringen. Das reduziert oftmals den Preis einer Anlage.

hessenschau.de: Wer sich jetzt entschließt, eine Solaranlage zur Eigenversorgung montieren zu lassen: Wann wird sie realistischerweise auf dem Dach sein?

Wöll: Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass sich diese Frage früher oder später jeder stellen muss. Es geht nicht mehr darum, ob alle Bürger sich selbst an der dezentralen Stromgewinnung beteiligen, sondern nur noch über das Wann, Wie und Wo.

Es ist davon auszugehen, dass wir nicht nur einen Mangel an ausführenden Fachleuten haben, sondern - auch wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie - einen Mangel an Modulen. Bei Wechselrichtern und E-Speichern haben wir diesen Mangel bereits. Aber der Bedarf wird die Produktion am Laufen halten, idealerweise ergänzt um internationale Partnerschaften.

Wer sich jetzt für eine Solaranlage entschließt, muss oft mit sechs bis neun Monate rechnen, bis er sie dann nutzen kann. Übrigens verzögert oft auch der Energieversorger, der mit dem Setzen der Stromzähler nicht hinterherkommt. Es lohnt sich aber trotzdem!

Die Fragen stellte Stephan Loichinger.

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