Schachtanlage Hattorf von K+S

K+S muss keine Entsorgungs-Pipeline in die Oberweser bauen. Das haben die Anrainerländer entschieden. Fragen und Antworten zum Entsorgungsproblem des Kasseler Kali-Konzerns.

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Die Entsorgung von Salzlaugen ist für den Kali- und Salzproduzenten K+S ein Dauerthema. Eine Salz-Pipeline zur Oberweser - zur Entlastung der Werra - ist nun allerdings vom Tisch. Denn nach Ansicht der Flussgebietsgemeinschaft (FGG) kann der ökologische Zustand der Werra auch mit anderen Anstrengungen gewährleistet werden. Die Ministerinnen und Minister der FGG verabschiedeten sich am Donnerstag von den Pipeline-Plänen.

Wie kam es zur Entscheidung?

"Nach intensiver Prüfung aller Möglichkeiten ist klar, dass wir auf den Bau einer Leitung an die Oberweser verzichten können", sagte Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) als Vorsitzende der FGG in Kassel. Man könne den Bau einer Fernleitung ausschließen, weil auch K+S das nicht wolle. "Das Unternehmen K+S hat gute und überzeugende Pläne vorgelegt, die zeigen, dass die Gewässerqualität von Weser und Werra auch ohne Pipeline sichergestellt werden", ergänzte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD).

Verlauf der geplanten Weser-Pipeline

Warum war K+S gegen die Oberweser-Pipeline?

K+S verwies auf hohe Kosten, die durch die Pipeline entstanden wären. Der Konzern setzt nun auf neue Möglichkeiten, Salzlaugen zu entsorgen - zum Beispiel das sogenannte Einstapeln in alten Stollen. Die Einstapelung ist eine Methode, bei der hochkonzentrierte Lösungen unter Tage in eine stillgelegte Grube gepumpt werden.

Das Land hatte dem Konzern Anfang der Woche eine sogenannte temporäre Einstapelung erlaubt. Das bedeutet, dass K+S die bei der Produktion anfallenden Abwässer nun auch unter Tage zwischenspeichern kann. Das Unternehmen legt dafür mit Kosten von 13,6 Millionen Euro in 700 Metern Tiefe einen riesigen Speicher für Salzabwässer an. 400.000 Kubikmeter Flüssigkeit passen in einen nicht mehr genutzten Teil der Grube Wintershall. K+S hat dafür zwölf Kilometer Rohre im Untergrund verlegt.

K+S-Speicherstollen unter Tage

Welche Vorteile hat die Einstapelung?

Der Abwasserspeicher unter Tage sichert bei K+S die Produktion, die im Wesentlichen von der Entsorgung abhängt. Denn der Hauptentsorgungsweg ist die Einleitung von Salzabwässern in die Werra. Führt der Fluss zu wenig Wasser, stehen schlimmstenfalls Standorte still.

Durch den neuen Zwischenspeicher und oberirdische Becken steigt das Speichervolumen im Werra-Revier auf eine Million Kubikmeter. "Dass wir bei anhaltender Trockenheit einen längeren Stillstand haben werden, der uns im letzten Jahr 110 Millionen Euro gekostet hat, können wir mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen", sagte K+S-Vorstand Burkhard Lohr. Die Einstapelung sei ein "Meilenstein." Denn es hängen an der Werra 5.300 direkte Arbeitsplätze an K+S. Die Zitterpartie um die Jobs könnte laut Lohr mit der dauerhaften Einstapelung enden.

Auch Umweltschützer bewerten den Weg zur Einstapelung als positiv: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Hessen (BUND) sei froh, wenn die Methode den Einstieg in den Ausstieg aus der "unseligen Oberweser-Pipeline" bedeute, sagte Naturschutzreferent Thomas Norgall.

K+S will über neue Grenzwerte verhandeln. Warum?

Wolken spiegeln sich in einem Wasserbecken in grüner Landschaft

Damit größere Mengen Salzabwässer eingestapelt werden können, muss K+S laut Lohr langfristig eine zweite Eindampfanlage bauen, die die Salzabwässer konzentriert. Bis es soweit ist, würden noch Jahren vergehen. So lange braucht K+S die Werra als wichtigsten Entsorgungsweg. Die für 2021 vereinbarte Absenkung der Salz-Grenzwerte sei deshalb nicht haltbar, sagte Lohr. Man müsse für eine Übergangsphase "über die Gestaltung der Zielwerte sprechen", so der Vorstand. "Diese Zielwerte, die Süßwasserqualität bedeuten, wollen wir ab 2028 dann einhalten."

Was halten Umweltschützer von der jüngsten Forderung von K+S?

Zwischen K+S und Umweltschützern bahnt sich ein neuer Konflikt an: Der BUND wies die Forderung, über die Grenzwerte neu zu verhandeln, als "nicht akzeptabel" zurück.

Jörg Nitsch, BUND-Vorsitzender in Hessen, forderte die Umweltminister der Bundesländer entlang von Weser und Werra auf, der Forderung von K+S nicht nachzukommen. K+S-Chef Lohr konterkariere damit seine Ankündigung, er wolle hinsichtlich der Entsorgung den "Umweltfrieden" herstellen. Man sehe sich in der Befürchtung bestätigt, dass K+S weiterhin kein Konzept für eine umweltverträgliche Entsorgung seines Kalibergbaus habe.

Wie sieht die Halbjahresbilanz von K+S aus?

Ungeachtet der Diskussionen um eine mögliche Pipeline setzt sich der Aufwärtstrend bei K+S dank höherer Verkaufszahlen und steigender Kalipreise fort. Umsatz und Gewinn des Kalikonzerns legten zu, wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Halbjahresbilanz hervorgeht. "Wir freuen uns sehr, dass wir jetzt das dritte richtig gute Quartal hintereinander hingelegt haben", sagte K+S-Chef Lohr.

Das vergangene Jahr war für den Konzern überwiegend enttäuschend verlaufen. Die Trockenheit kostete K+S 110 Millionen Euro. Weil das Unternehmen weniger Salzabwässer aus der Produktion in die Werra einleiten konnte, standen Werke im osthessisch-thüringischen Kalirevier still. Doch die Entsorgung hat K+S momentan im Griff und die Geschäfte laufen gut. Im zweiten Quartal steigerte K+S den Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 879 Millionen Euro.

Wie reagiert die Politik auf die Entscheidung?

Die beiden hessischen Regierungsparteien werteten den Verzichte auf den Bau einer Oberweserpipeline als großen Erfolg für die Menschen und die Umwelt in der Region. "Die Maßnahmen im Kalirevier sind ein sichtbarer Beweis, dass es gelingen kann, Ökonomie und Ökologie zusammenzubringen", teilte die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Lena Arnoldt, mit. "Die Wasserqualität in der Werra wird verbessert und dabei Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region erhalten."

Grünen-Umweltministerin Hinz sagte, man werde K+S bei der Umsetzung der jetzt notwendigen Maßnahmen in die Pflicht nehmen. Über ein Aufweichen von Grenzwerten werde sie nicht verhandeln. K+S-Chef Lohr hatte zuletzt davon gesprochen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 15.08.2019, 16.45 Uhr