Mann und Frau neben Kühen

Die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln boomt - besonders seit der Pandemie. In der Praxis haben es kleine, lokale Erzeuger trotzdem schwer, ihre Ware zum Kunden zu bekommen. Manche geben frustriert auf.

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Audioseite Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln boomt

Kuh guckt in die Kamera
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"Das hier ist eine ganz Liebe", sagt André Estor aus Burgholz (Marburg-Biedenkopf) und streichelt einer Kuh durch das verfilzte Zottelfell. "Die Tiere leben ihr ganzes Leben hier draußen", sagt er und zeigt auf rund 20 Hektar Land mit Büschen und kleinen Seen. Rund 60 irische Galloway-Rinder leben hier im Naturschutzgebiet Radehäuser Lache zwischen Marburg und Kirchhain. Einen Stall gibt es nicht, nur einen Unterstand.

Estor stammt aus einer Bauernfamilie. "Für uns gehört Fleisch dazu", sagt er. Aber während die Generation vor ihm noch konventionelle Landwirtschaft betrieb, suchte er 2009 eine Alternative, um Fleisch nachhaltiger zu produzieren. Auf Galloways sei er gekommen, weil sie ein besonders friedliches Wesen hätten und ganzjährig im Freien bleiben könnten.

"Die werden hier auf der Weide geboren und sterben hier", erklärt Estors Partnerin Yvonne Lange. Denn geschlachtet wird per Weideschuss. Lange sagt: "Wir wollen den Tieren die traumatische Erfahrung ersparen, nach einem Leben in freier Natur am Ende dann doch noch mal in einen engen Transporter verladen und in ein Schlachthaus gebracht zu werden."

"Wir wollen, dass nichts vom Tier weggeschmissen wird"

Am Anfang habe er das Fleisch noch in den konventionellen Handel verkauft, aber das habe sich überhaupt nicht gelohnt, meint Estor. Eine Bio-Zertifizierung sei für kleine Betriebe wie diesen teuer und aufwendig. Deshalb vermarktet das Paar das Fleisch inzwischen direkt an die Kundinnen und Kunden.

Galloway Rinder auf einer Wiese, Kalb trinkt bei der Mutter

Über eine Internetseite können sich Interessierte melden und dann nach dem Schlachttermin Pakete abholen. Ganz bewusst verkaufe man keine Einzelsteaks, sondern nur Mischpakete, die zum Beispiel auch Knochen enthalten. Lange erklärt: "Wir wollen, dass nichts vom Tier weggeschmissen wird." Das Paar stellt fest: Es ist viel Nachfrage da. "Und wir haben den Eindruck, dass viele Leute das gut finden, was wir machen."

Nachfrage boomt in der Pandemie

Tatsächlich boomt die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln - besonders seit Pandemiebeginn. Schon im Frühling 2020 meldete die Nachrichtenagentur dpa auffällig lange Schlangen vor Wochenmarktständen. Auch Biokisten erlebten laut dem Verein Ökokiste in Lockdown-Zeiten einen wahren Ansturm.

Inzwischen haben diesen Effekt auch Argarökonomen untersucht. Forscher der Uni Göttingen stellten fest: Für viele Konsumenten sind in der Pandemie Werte wie Regionalität, Arbeitsbedingungen bei der Herstellung, Tierwohl und Umweltschutz wichtiger geworden - das zeige sich beim Einkauf.

Auf der anderen Seite bricht für regionale Erzeuger immer mehr Infrastruktur weg. Viele Dorfläden mussten in den vergangenen Jahren schließen, und manche Wochenmärkte haben weniger Kunden als erhofft. Auch die Schließung von Schlachthöfen sorgt für Ärger und Probleme bei Erzeugern, nach Südhessen nun auch in Nordhessen.

"Verbraucher-Amnesie"

Die Vereinigung der hessischen Direktvermarkter stellt fest: Inzwischen habe sich die gestiegene Nachfrage wieder etwa auf das Niveau vor der Pandemie normalisiert. Die Vorsitzende Simone Hofmann-Kneiske hat dafür ein eigenes Wort erfunden, wie sie sagt: "Verbraucher-Amnesie".

Sie stelle fest: In Krisenzeiten würden sich viele Menschen auf Regionalität besinnen, aber dann sehr schnell wieder in alte Muster fallen. "Das habe ich auch schon vor 20 Jahren in der Rinderseuchen-Krise bemerkt."

Hofmann-Kneiske ist selbst Landwirtin und Direktvermarkterin. Ihrem Eindruck nach ist zwar durchaus gesellschaftlicher und politischer Wille da, regionale Lebensmittelkreisläufe wieder zu stärken. Aber sie kritisiert, dass kleine Produzenten in der Praxis zu viele Hürden zu nehmen hätten.

Direktvermarkter müssen aufgeben

Die Verbandsvorsitzende sagt: "Viele Vorgaben zur Lebensmittelproduktion sind für große Betriebe gestaltet worden und werden dann von den Behörden schablonenhaft auf die Kleinen übertragen." Hygiene und regelmäßige Kontrollen müssten natürlich sein. Aber ihr Eindruck sei, dass die Regelwerke immer komplizierter und detaillierter würden und oft nicht praxistauglich seien.

"Es heißt dann zum Beispiel: Dieser Raum ist zu klein oder jenes Gerät entspricht nicht den neuen Richtlinien, obwohl sonst alles gut ist", berichtet Hofmann-Kneiske. Alle diese Vorgaben einzuhalten, sei für viele Direktvermarkter zeitraubend, frustrierend und manchmal auch finanziell nicht mehr zu stemmen. "Erst kürzlich wieder hat mir ein alteingesessener Metzger gesagt, dass er deshalb aufgeben muss."

"Finanziell gesehen ein Minusgeschäft"

Auch André Estor und Yvonne Lange sprechen von vielen Steinen, die ihnen im Weg liegen, besonders mit Blick auf den Weideschuss. "Am Anfang mussten wir jede Schlachtung bei mehreren Ämtern einzeln beantragen", berichtet Estor. "Wenn ich das Tier zum Schlachthaus bringen würde, würde ich da heute anrufen, und morgen wäre der Tiertransporter da."

Kürzlich habe es eine Gesetzesänderung gegeben. "Die sollte den Weideschuss eigentlich vereinfachen", meint Estor. Stattdessen müsse nun neben der zertifizierten Person, die den Schuss durchführt, noch jemand vom Veterinäramt zur Überwachung dazukommen. Außerdem habe er eine neue Transportbox anschaffen müssen, für 3.000 Euro.

Auch Yvonne Lange sagt: "Das ist alles schon sehr aufwendig." Die Familie sei jeden Tag auf der Weide, aber davon leben können sie nicht.

Estor ist hauptberuflich Berufsschullehrer, Lange ist Krankenschwester in Elternzeit. "Wenn man die ganze Arbeit betrachtet, ist das finanziell gesehen für uns wohl eher ein Minusgeschäft", sagt Lange. Trotzdem sind die jungen Landwirte überzeugt: Der ganze Aufwand lohnt sich für die Familie trotzdem. "Es wäre nur schön, wenn es einem nicht so schwer gemacht werden würde."

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