Die Adam Hall bei Frankfurt wurde rot angestrahlt.

Solokünstler, Eventagenturen und Caterer - sie alle leiden unter den Corona-Beschränkungen für Live-Veranstaltungen. Bei einer Kundgebung in Frankfurt haben rund 450 Menschen auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Am Abend setzte die Branche deutschlandweit ein Warnzeichen.

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hessenschau vom 23.06.2020
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Zur symbolträchtigen Uhrzeit um fünf vor zwölf Uhr begann die Kundgebung: Rund 450 Solokünstler, Veranstalter, Agenturen, Catering-, Technik- und andere Dienstleistungsfirmen aus der Live-Veranstaltungsbranche kamen am Montag nach Angaben der Polizei vor der Jahrhunderthalle in Frankfurt zusammen, um auf ihre wirtschaftliche Lage in der Coronakrise aufmerksam zu machen.

Mehrere Stunden lang protestierten sie unter dem Motto "MitAbstandgehtesnicht" gegen die aktuellen Corona-Beschränkungen von Live-Veranstaltungen. Denn die gesamte Branche stehe, wie auch die symbolische Uhrzeit zum Start der Kundgebung verdeutlichen sollte, kurz vor dem Ende, wie Organisator Stefan Schornstein von der Veranstaltungsagentur S-Promotion GmbH aus Schaafheim (Darmstadt-Dieburg) erklärte.

Betroffene Künstler auf der Bühne

Die aktuell geltenden Auflagen seien tödlich für die Branche, der Sicherheitsabstand unfair und die mangelnde finanzielle Unterstützung eine Zumutung - neben Gesang und Kabaretteinlagen waren es vor allem solche Töne, die von der Bühne zu hören waren. Künstler wie das hessische Komikerduo Badesalz, der Kabarettist Urban Priol oder die Zauberkünstler-Brüder Ehrlich Brothers setzten sich für die Branche ein und zeigten sich selbst von der Krise betroffen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kundgebung der Veranstaltungsbranache "mitAbstandgehtesnicht"

Menschen auf der Kundgebung "mitAbstandgehtesnicht"
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Urban Priol habe wegen der Beschränkungen selbst nicht auftreten können, seine kleine Kabarettbühne in Aschaffenburg musste er geschlossen halten, zuletzt habe er jedoch auch einen Corona konformen Auftritt mitgemacht. "Wir sind auch bereit, mit entsprechend reduziertem Publikum zu spielen, nur der Verlust, der dadurch zwangsläufig entsteht, muss von der Politik aufgefangen werden."

Sound-Design-Techniker Volker Herms aus Darmstadt könne derzeit nicht in seinem Beruf arbeiten, berichtete er: "Die finanzielle Einbußen im Monat liegen bei mir bei 10.000 Euro. Meine Rücklagen sind nun auch komplett aufgebraucht. Ich fahre derzeit, um überhaupt überleben zu können, Spargel aus."

Veranstalter fordern Perspektive und einen Rettungsschirm

Einen finanziellen Rettungsschirm forderten auch die freien Veranstalter, deren Arbeit durch das Großveranstaltungsverbot komplett zum Erliegen gekommen sei. "Wir haben von der Politik momentan überhaupt keine Aussicht, wann es mit größeren Veranstaltungen wieder funktionieren könnte", sagte Schornstein, Kundgebungsorganisator und Geschäftsführer einer Veranstaltungsagentur. Wenn wir keine Perspektive geboten bekommen, dann muss es einen Rettungschirm für die freien Veranstalter geben, sodass wenigstens die Kosten ausgeglichen werden."

Menschen auf der Kundgebung "mitAbstandgehtesnicht"

Die Lockerungen für Veranstalter, die seit Beginn der Woche in Hessen gelten, seien im Endeffekt keine Lockerungen, meint Schornstein. Die aktuell für Live‐Veranstaltungen geltenden Abstandsregeln würden zudem im wirtschaftlichen Ergebnis wie ein komplettes Berufsverbot wirken. "Man kann eine Veranstaltung nicht amortisieren, wenn ich bloß eine Auslastung von 20 bis 30 Prozent habe. Dann fahre ich auf jeden Fall ein wahnsinniges Defizit ein und wir sind nicht alle subventionierte Veranstalter."

Nach Vorgaben der Landesregierung dürfen seit dieser Woche unter Einhaltung eines Hygienekonzepts wieder 250 Personen an einer Veranstaltung teilnehmen. Pro Sitzplatz müssen dem Teilnehmer fünf Quadratmeter Fläche eingeräumt werden, pro Stehplatz zehn Quadratmeter, dazu 1,5 Meter Sicherheitsabstand. Großveranstaltungen über 250 Personen sind vorerst bis Ende Oktober untersagt.

Kulturministerin Dorn wurde konfrontiert

Der Branche ging es dabei am Montag insbesondere darum, von der Politik gehört zu werden. "Wir haben den Eindruck, dass die Veranstaltungsbranche nicht mehr wahrgenommen wird. Darum ging es uns heute", sagte Schornstein nach der Kundgebung.

Hessens Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) wurde vor Ort mit den Vorwürfen konfrontiert. "Ich verstehe, dass die Veranstaltungsbranche die besonders gebeutelte Branche ist", sagte Dorn. "Wir haben uns als Land Hessen enorm angestrengt, um Kunst und Kultur in diesen Zeiten zu helfen. Auch im Bundesrat haben wir uns enorm bemüht, dass es echte Hilfen vom Bund gibt, aber leider leider hat die Bundesregierung dies nicht ermöglicht." Mitte Mai hatte die Landesregierung ein 50 Millionen-Hilfspaket für die Kunst- und Kulturbranche auf den Weg gebracht.

"Night of Light": Branche sieht rot

Altstadt angeleuchtet

Am Montagabend protestierte die Branche weiter - mit der deutschlandweiten "Night of Light". Ab 22 Uhr erstrahlten in der Nacht von Montag auf Dienstag drei Stunden lang verschiedene Eventlocations, Kinos, Theater, Museen und Konzerthallen in leuchtendem Rot. Die Licht-Mahnmale sollten ebenfalls auf die Existenznot der Veranstalter und Dienstleister in der Coronakrise hinweisen.

"Die Veranstaltungswirtschaft steht auf der Roten Liste der akut vom Aussterben bedrohten Branchen", schrieben die Veranstalter auf der Homepage. Sie forderten einen Dialog mit der Politik darüber, wie eine Insolvenzwelle verhindert und die Arbeitsplätze gesichert werden können. Auch viele hessische Unternehmen aus der Branche beteiligten sich an der Aktion.

Die Kongresshalle in Gießen, das Wissenschafts- und Kongresszentrum und das Landesmuseum in Darmstadt, das Marburger Erwin-Piscator-Haus und die Waggonhalle, die Stadthalle Offenbach, der Schlachthof, das Kurhaus und das Staatstheater in Wiesbaden, die Grimmwelt in Kassel, die Festhalle und die Städtischen Bühnen in Frankfurt - sie alle leuchteten am Abend rot.

Rund 7.300 Gebäude wurden bundesweit angestrahlt, an die 6.800 Firmen beteiligten sich an der Aktion. Auch die Frankfurter Jahrhunderthalle, an der am Mittag noch die Kundgebung stattfand, wurde in der Nacht zum zweiten Mal Schauplatz der Existenznot.

Sendung: hr-iNFO, 22.06.2020, 17.00 Uhr; hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 23.06.2020, 16.45 Uhr