Das Chemie-Unternehmen Solvadis am Gernsheimer Hafen.
Das Chemie-Unternehmen Solvadis am Gernsheimer Hafen. Bild © Bürger in Acht

Schon länger kämpfen Bürger gegen die Ausbaupläne des Chemie-Lieferanten Solvadis in Gernsheim. Der jüngste Gefahrgut-Unfall ruft nun auch die Politik auf den Plan – schließlich hätte der Vorfall weitaus schlimmer enden können.

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"Es roch fürchterlich", sagte Anwohner Bernd Schellhaas nach dem Gefahrgut-Unfall in Gernsheim (Groß-Gerau). Dort hatte ein Lkw am Montagabend im örtlichen Chemieunternehmen Solvadis das Lösungsmittel m-Xylol geladen und kurze Zeit später verloren. Das Mittel war über ein Leck ausgetreten, Bürger mussten daraufhin ihre Fenster und Türen geschlossen halten. Doch der Gestank des giftigen Stoffs war nicht das eigentliche Problem.

M-Xylol hat einen Flammpunkt von etwa 28 Grad. Bei dieser Temperatur kann schon ein Funke etwa von einer Zigarette ausreichen, um das Lösungsmittel zu entzünden. Bürgermeister Peter Burger (CDU) zeigte sich entsprechend erleichtert über die derzeit deutlich kühleren Außentemperaturen. "Im Übrigen ist dieser Stoff hautreizend, hautentfettend und narkotisierend", warnte der Rathauschef.

Bürgerinitiative erinnert an Tankbrand

Glücklicherweise kam es nach Angaben der Polizei zu keinen weiteren Zwischenfällen. Lediglich der Fahrer des Gefahrgut-Lkw sei vorsorglich zur Untersuchung in ein Krankenhaus gekommen. Das Lösungsmittel wurde von der Feuerwehr mit Bindemitteln aufgenommen, damit es nicht in die Kanalisation lief. Auch die Sperrung der Mainzer Straße zwischen Biebesheim und Bensheim konnte nach mehreren Stunden aufgehoben werden.

Dass die Stadt einer Katastrophe entgangen ist, kann die Bürgerinitiative "Bürger in Acht", der auch Anwohner Bernd Schellhaas angehört, nicht mit dem Chemikalien-Lieferanten Solvadis versöhnen. Zu oft sei es in der Vergangenheit zu Unfällen auf dem Gelände im Gernsheimer Hafen gekommen, sagte Schellhaas und erinnerte etwa ans Jahr 1994, als ein Tank nach Blitzeinschlag in Flammen stand.

Solvadis will Gelände noch deutlich aufstocken

Auf die Gefahren für die Bevölkerung wies die Bürgerinitiative bereits in zwei Anhörungen mit dem Regierungspräsidium (RP) Darmstadt hin. Eine dritte soll folgen, denn das RP muss über eine geplante Erweiterung des Tanklagers in direkter Nähe zum Wohngebiet entscheiden.

Solvadis plant eine Aufstockung um 73 Prozent - für Schellhaas und die Bürgerinitiative ein Unding: Derzeit würden eine Million Tonnen Gefahrenstoffe jährlich durch den Ort transportiert. "Eine Million Tonnen - das reicht für das kleine Gernsheim." Die Sicherheit der Anwohner könne so nicht garantiert werden.

Stadt fordert Transparenz von Solvadis

Solvadis bemüht sich stets, die Sorgen der Gernsheimer zu zerstreuen. Dennoch muss der Chemikalien-Händler seinen Sicherheitsbericht zur geplanten Erweiterung des Geländes auf Anordnung des Regierungspräsidiums überarbeiten.

Bürgermeister Burger forderte im Gespräch mit dem hr bereits im August eine Umweltverträglichkeitsprüfung im laufenden Genehmigungsverfahren. "Wir hätten gern gesehen, dass eine Stoffliste beigefügt wird, um überhaupt mal Transparenz zu schaffen, was die Firma hier einlagern möchte."

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Linken-Abgeordnete fordert Stopp der Ausbaupläne

Derweil forderte nach dem jüngsten Gefahrgut-Unfall die Linken-Landtagsabgeordnete Christiane Böhm aus Trebur (Groß-Gerau) eine Absage an die Erweiterungspläne des Unternehmens. "Es ist unverantwortlich, die Bevölkerung einer solchen Gefahr auszusetzen", teilte Böhm mit. "Die Erweiterung darf auf keinen Fall kommen. Im Gegenteil, eigentlich müsste der bisherige Betrieb geprüft werden, ob er mit der angrenzenden Wohnbebauung verträglich ist."

Wie es zu dem jetzigen Zwischenfall kommen konnte, ist derweil ein Fall für die Behörden: Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermitteln.