Der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech will Impfstoff in Afrika produzieren - in vorgefertigten Fabriken. Die voll ausgestatteten Container dafür lässt Biontech in seinem Werk in Marburg bauen. Es gibt aber auch Kritik an den Plänen.

Videobeitrag

Video

Marburg: Biontech baut Impfstofffabriken für Afrika

hs
Ende des Videobeitrags

Hochrangiger Besuch in den Marburger Behringwerken - dort, wo Biontech seit fast einem Jahr Corona-Impfstoff produziert, fuhren am Mittwochvormittag die Präsidenten mehrerer afrikanischer Staaten vor. Außerdem kamen der Präsident der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, und die Bundesentwicklungshilfeministerin Svenja Schulze (SPD). Biontech-Chef Ugur Sahin präsentierte ihnen graue Stahlcontainer mit ganz viel Hightech darin - sogenannte Biontainer, in denen das Mainzer Unternehmen demnächst in Afrika Impfstoff herstellen will.

Je zwölf Überseecontainer bilden einen "Biontainer" und damit das Herzstück einer vorgefertigten Impfstofffabrik. Dort lasse sich, so Sahin, in absolut keim- und staubfreier Umgebung der mRNA-Impfstoff herstellen, den Biontech mit seinem US-Partner Pfizer entwickelt hat.

Geht es nach Sahin, dann könnte Biontech noch in diesem Jahr die erste Produktionsanlage in Afrika aufbauen und rund ein Jahr später, also Ende 2023, mit der Produktion starten. Aber es gibt noch viele offene Fragen.

Mit einigen Staaten im Gespräch

Noch ist nicht klar, wo die erste Anlage entstehen soll. Man sei mit Ruanda, Senegal und Südafrika im Gespräch, berichtete das Unternehmen. Ruandas Staatspräsident Paul Kagame und Senegals Staatschef Macky Sall bekundeten in Marburg ihr Interesse. Kagame wurde in einer Presseerklärung von Biontech mit den Worten zitiert, er freue sich darauf, in naher Zukunft zusammen mit Biontech und anderen Partnern mRNA-Impfstoff herzustellen.

Audiobeitrag

Audio

Biontech will Impfstoffproduktion in Afrika aufbauen

Ein weißer Container mit der Aufschrift "Biontech" steht in einer Gewerbehalle.
Ende des Audiobeitrags

Aber es sind noch technische Hürden zu überspringen. Die Produktionscontainer lassen sich zwar in Marburg vorfertigen. Auch will Biontech zunächst das gesamte Produktionsteam nach Afrika schicken. Aber auch die Partnerländer dort müssen viel vorbereiten: Sie müssen zunächst Produktionshallen mit Strom- und Wasserversorgung errichten. In diesen Hallen sollen dann die Container-Anlagen aufgestellt werden.

Zudem müssen die Behörden vor Ort in der Lage sein, eine solche Impfstoffproduktion zu genehmigen und zu überwachen - eine Voraussetzung, die laut Biontech derzeit wohl am ehesten in Senegal gegeben ist. Schließlich muss das Vakzin abgefüllt und vertrieben werden. Das könnte ein Partnerunternehmen in Afrika übernehmen. Feste Vertragspartner gibt es laut Biontech aber noch nicht.

Aktuell importiert Afrika 99 Prozent seiner Impfstoffe

Mit der ruandischen Regierung und dem Institut Pasteur de Dakar aus dem Senegal unterzeichnete Biontech im Oktober eine Absichtserklärung. Noch importiert Afrika 99 Prozent seiner Impfstoffe. Rund 11,5 Prozent der Menschen auf dem Kontinent sind laut dem Portal Our World in Data vollständig gegen Covid-19 geimpft.

Am Mittwoch kam auch John Nkengasong nach Marburg, der Direktor der afrikanischen Gesundheitsorganisation Africa CDC. Biontech will in einer weiteren Kooperation in Ghana die Herstellung mit Kapazitäten zur Abfüllung und Verarbeitung unterstützen.

Biontech gab an, dass in einem seiner "Biontainer" zunächst bis zu 50 Millionen Impfdosen im Jahr hergestellt werden könnten. Das Unternehmen will die Containeranlagen bei Bedarf auch für die Malaria- und Tuberkuloseimpfstoffe verwenden, an denen es noch arbeitet.

Betrieb in Marburg könnte wachsen

Für seinen Covid-19-Impfstoff hatte das Unternehmen im vergangenen Sommer mit der südafrikanischen Biovac einen ersten Produktionspartner in Afrika gewonnen. Dieses wird aber nur den letzten Schritt übernehmen, also das Abfüllen und Verpacken. Die Wirkstoffsubstanz kommt in dieser Kooperation noch aus Europa.

Für den Biontech-Standort Marburg sind diese Pläne in jedem Fall eine gute Nachricht, denn dort sollen neben dem Corona-Impfstoff dann auch die "Biontainer" gefertigt werden. Derzeit arbeiten laut Biontech rund 500 Beschäftigte in der mittelhessischen Stadt. Es könnten mittelfristig noch einmal 100 bis 200 mehr werden, sagt Biontech-Vorstand Sierk Pötting im Gespräch mit der ARD.

Kritik von NGOs und Linken

Kritik an den Biontech-Plänen gibt es dennoch. Mehrere Nicht-Regierungsorganisationen, darunter One und Amnesty International, kritisieren, dass Biontech nicht seine Patente und Lizenzen freigebe. In diesem Fall könnten nämlich afrikanische Unternehmen in Eigenregie den Impfstoff produzieren - wie es etwa in einem Technologie-Zentrum in Südafrika geplant ist. Dann bräuchte Biontech nicht eigene Fabriken in Afrika zu errichten.

Auch die Linke im Landtag übte Kritik an den Plänen: Es hätte längst einen Technologietransfer vom Norden in den globalen Süden geben müssen, sagte Frationsvorsitzender Jan Schalauske. Beim Kampf gegen die Pandemie sei es ein Hindernis, wenn ein Unternehmen allein auf seine Profitraten schaue. "Mit einer Patentfreigabe hätten sich schon im vergangenen Jahr viele Länder auf den Weg machen können, um eigene Produktionslinien auf den Weg zu bringen", so Schalauske. Impfstoffe müssten ein allen zugängliches Allgemeingut sein.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen