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Immer öfter, immer länger, immer extremer: Das Niedrigwasser des Rheins bereitet zunehmend Probleme. Nun wird über die Vertiefung der Fahrrinne nachgedacht.

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Fährmann Michael Schnaas macht sich große Sorgen. Seit 35 Jahren bringt er Autos und Menschen vom hessischen Lorch über den Rhein nach Niederheimbach und zurück. "Ich arbeite in vierter Generation. Nie hätte ich gedacht, dass es mit dem Wasser hier so prekär werden könnte“, sagt der 53-Jährige in seinem Fahrerhäuschen.

Über Jahrzehnte lag der Pegelstand in Lorch bei etwa 2,70 Meter. An diesem regnerischen Freitag im tiefsten Herbst sind es gerade mal 1,65 Meter - rund ein Meter unter Normal. Der Rhein verliert Wasser, bedingt durch den Klimawandel: Aus den Alpengletschern fehlt der gewohnte Wassernachschub. Und Regen kann nur wenig davon ausgleichen. Es sei denn, es würde einmal mehrere Monate ohne Pause durchregnen.

Wochenlanges Niedrigwasser

"Die letzten Jahre werden immer anstrengender, was man mit Wasserstand und Wetterkapriolen so alles mitmacht“, sagt Fährmann Schnaas. Sein Opa habe ihn vor Eisgang und Sturm gewarnt, als er übernahm. "Einen fast zugefrorenen Fluss hier habe ich das letzte Mal Anfang der Sechziger gesehen. Von den Folgen von Trockenheit ahnte niemand von uns. Das Niedrigwasser kommt immer länger, immer extremer und immer häufiger.“

20 bis 30 Zentimeter Pegel braucht er, um schadlos fahren zu können. Sonst muss er die Schifffahrt komplett einstellen. Wie im Sommer 2018: "Von Juli an sind wir wegen Niedrigwassers sechs Wochen nur mit halber Kraft gefahren.“  21 Autos passen auf seine Fähre, damals konnte er nur 14 mitnehmen. Auch die Binnenschiffer transportierten zum Teil nur noch ein Drittel ihrer Ladung. Im August 2018 ging dann bei Fährmann Schnaas gar nichts mehr – er musste 44 Tage schließen. Er hatte einen massiven Verdienstausfall und musste erstmals Personal entlassen. Dabei hatte er schon in den Jahren zuvor seine Fahrrinne leicht ausbaggern lassen. Aber das reichte nicht.

Fahrrinne 20 Zentimeter tiefer

Mit der Wiederholung von Dürrephasen in den vergangenen fünf Jahren kam die Idee von der Rheinvertiefung. An sechs Stellen sollen unter Wasser Steine weggesprengt und Untiefen durch ausbaggern beseitigt werden, damit die Fahrrinne auf einem langen Teilstück etwa 20 Zentimeter tiefer wird. Kosten: 60 Millionen Euro.

Aber was macht die Rheinvertiefung mit dem besonderen Ökosystem Fluss? Nichts Gutes, meint Jörg Nitsch vom BUND Hessen. "Da muss man ganz genau prüfen, was man tut“, mahnt er. "Wir verlieren unter Wasser die Mikro-Habitate, die strömungsarmen Stellen. Die Lebensräume von Fischen, die noch in kleinen Verstecken und Wasserverwirbelungen leben und überleben können, dürfen nicht zerstört werden.“

"Nutzen viel höher als die Kosten"

Es sei zwar gut, dass der Wassertransport als "grundsätzlich umweltverträglichere Alternative“ gefördert werden solle, "aber man darf da nichts kaputt machen, was nur über Jahrhunderte entstehen konnte.“

So dramatisch werde es nicht, meint der grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. "Der Rhein ist eine wichtige Wasserstrasse für die Wirtschaft und die muss umweltverträglich ausgebaut werden.“ Es sei eine schonende Form des Rheinausbaus anvisiert, mit Aufstaumaßnahmen und dem Anheben des Wasserspiegels. Das Projekt zahle sich auch volkswirtschaftlich aus: "Der Nutzen ist dreißig Mal höher als die Kosten – und deswegen sollten wir das machen.“

Schiffsverkehr umweltfreundlicher

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Binnenschiffe gelten trotz Dieselmotoren als eher umweltfreundlich. Weil sie pro Tonne Transportgut weniger als die Hälfte der Energie eines Lkw brauchen. Dieser Wert soll sich durch die Vertiefung noch verbessern.

In Hessen macht sich eine große Mehrheit der Landtagsabgeordneten für eine schnellere Rheinvertiefung weit vor 2030 stark. CDU, Grüne und FDP fordern den  Verkehrsminister auf, sich dafür in Berlin einzusetzen. Eine weitere Verlagerung des Gütertransports auf den Fluss könne die Region von LKW-Verkehr und Bahnlärm entlasten. Grundsätzlich zieht auch die SPD mit; sie will aber mehr über mögliche Folgen der Maßnahmen erfahren.

Fährmann Schnaas in Lorch plagen indes Existenzsorgen. "Ich mache mir schon Gedanken, wie es mit dem Klimawandel weiter geht. Kann ich in zehn Jahren noch weitermachen. Was wird aus meinem Personal?“ Er hofft auf eine rasche Rheinvertiefung.

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 06.11.2019, 19.30 Uhr