Gemüse im Vorgarten, Obst im Park, Kräuter auf dem Dach, Hühner am Uni-Campus - das wollen die Frankfurter Urban-Farming-Initiatorinnen Juliane Ranck und Laura Setzer. Die selbst ernannten Gemüseheldinnen holen die Landwirtschaft mitten in die Stadt.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Gemüseheldinnen Juliane Ranck und Laura Setzer: "Wir wollen die Stadt essbar machen"

Die Gemüseheldinnen Juliane Ranck und Laura Setzer
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Die hüfthohen Pflanzen sehen aus wie kleine Palmen, was dem Palmkohl seinen Namen gibt. Die dicken dunkelgrünen Blätter lassen sich - mit Knoblauch und Zwiebeln in der Pfanne geschmort und mit Sahne abgelöscht - zu einer würzigen Pasta-Sauce verarbeiten. Sie wachsen in einem Beet in einem Kleingarten im Frankfurter Nordend - gleich neben Ananaskirschen, die ihre aromatischen Früchte auf den Boden werfen.

Es sind solche eher unbekannten Obst- und Gemüsesorten, die Juliane Ranck und Laura Setzer besonders lieben. In dem Gemüsegarten mitten in der Großstadt bauen sie aber auch Auberginen, Paprika und Tomaten an, dazwischen lassen sie viele bunte Blumen sprießen.

"Gemüse für alle"

Gemüseheldinnen nennen sich Ranck und Setzer, seit sie Anfang 2019 ihren ersten Garten in der "Grünen Lunge" gleich oberhalb des trubeligen Günthersburgparks angelegt haben. So haben die Pächterinnen und Pächter das von zum Teil verwilderten Kleingärten geprägte Areal getauft, als die Frankfurter Stadtregierung vor Jahren auf die Idee kam, ausgerechnet hier im großen Stil Wohnungen zu bauen.

Nicht nur über den Klimawandel jammern, sondern konkret etwas dagegen tun, das ist das Ziel von Juliane Ranck und Laura Setzer. Ein Bericht über ein Projekt im britischen Todmorden - "Die essbare Stadt" - brachte sie auf die Idee, so etwas auch in Frankfurt zu versuchen. "Wir wollen, dass unser Gemüse für alle da ist", sagt Setzer: "So kann man sich nach Feierabend seinen erntefrischen Salat pflücken."

"Wir wollen ein soziales Projekt sein"

Inzwischen haben die Gemüseheldinnen 19 Gartenflächen in Frankfurt zum lokalen Eigenanbau von Gurken, Tomaten & Co. zugänglich gemacht. Etwa 250 Teilselbstversorger sind derzeit in den Gärten aktiv und können sich nach getaner Arbeit Obst und Gemüse mit nach Hause nehmen. Die Kosten für die Gartenpacht (etwa 150 Euro im Jahr) teilen sich die Beteiligten. Pflanzen, Saatgut und Material werden aus Fördermitteln bezahlt. "Wir wollen ein soziales Projekt sein", sagt Laura: "Auch für die, die sich teures Gemüse im Bioladen gar nicht leisten können."

Die Großstadtgärtner bestellen ihre Parzellen nach den Prinzipien der sogenannten Permakultur, bei der die Strukturen natürlicher Ökosysteme im Beet möglichst genau nachgeahmt werden sollen. Solche Permakultur-Inseln können sich Juliane und Laura überall in der Stadt vorstellen, auch in Vorgärten und sogar auf Flachdächern. In Parks solle man Sträucher mit Beeren und Obstbäume pflanzen, fordern sie: "Wir wollen Frankfurt essbar machen!"

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zum hr-fernsehen.de Video "Leben mit Grün" | Urban Farming – Landwirtschaft in der Stadt (1/5)

Protagonist*innen graben gemeinsam in Gartenbeeten.
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Längst sind die Gemüseheldinnen nicht mehr nur in klassischen Kleingärten aktiv. Auch auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität haben sie Gemüsebeete angelegt. Demnächst könnten hier sogar Hühner gehalten werden.

"Ein Akt der Selbstermächtigung"

Für Laura Setzer und Juliane Ranck gibt es inzwischen so viel zu organisieren, dass die beiden mehr Zeit im Büro verbringen als zwischen den Beeten. Über den Verein Bionales - Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung tauschen sie sich mit anderen Projekten aus oder beantragen Fördergeld.

Ernährungssouveränität - das ist ihr erklärtes Ziel. "Für uns ist das ein Akt der Selbstermächtigung", sagt Ranck: "Wir sind ja generell sehr abhängig in unserer Lebensweise. Wir haben keinen Bezug dazu, wie die Dinge, die wir verbrauchen, produziert wurden."

Daher sollen ihrer Meinung nach möglichst viele Menschen in der Region - unabhängig von Lebensmittelindustrie und Supermärkten - ihre Ernährung in die eigenen Hände nehmen können. Dafür bieten die Gemüseheldinnen auch Kurse an und planen den Aufbau einer Akademie. Im Buch "Urban Farming" (erschienen im Löwenzahn Verlag) haben sie ihre Erfahrungen aufgeschrieben.

"Wir sind Genussmenschen"

Die beiden Frankfurterinnen verfolgen ihre Mission mit viel Engagement, aber nicht verbissen. Smartphones und ein Auto erlauben sie sich - wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie sie sagen. Aber: "Wir sind Genussmenschen, und wenn wir glücklich sind, können wir auch viel mehr erreichen."

Als sie vor knapp drei Jahren als Gemüseheldinnen loslegten, war die "Grüne Lunge" in Frankfurt noch bedroht durch ein Neubauviertel, das hier unter dem Namen "Günthersburghöfe" entstehen sollte, vorher war von einem "Innovationsquartier" die Rede. Trotz einer immer wieder angepassten Planung mit viel Grün zwischen den Wohnhäusern lehnen Ranck und Setzer das Projekt ab.

"Eine Riesenchance für ein innovatives Viertel"

Einen Ort wie diesen gebe es in keiner anderen deutschen Großstadt, meinen sie. "Ein über hundert Jahre gewachsenes Ökosystem mit ganz vielen alten Bäumen und seltenen Tier- und Pflanzenarten" - das dürfe nicht zerstört werden. In ihrem Protest waren die beiden nicht allein. Er richtete sich auch gegen eine mögliche Verbauung einer wichtigen Frischluftschneise in die Innenstadt.

Eingang zu einem Gemüsegarten oberhalb des Frankfurter Günthersburgparks, Tor mit Aufschrift "Market Garden"

Inzwischen haben sich die Frankfurter Grünen dieser Position angeschlossen, obwohl es mit Olaf Cunitz der ehemalige Planungsdezernent aus ihren eigenen Reihen war, der das Bauprojekt auf den Weg bringen wollte. Seit der Kommunalwahl im Frühjahr ist es erst einmal vom Tisch. Vorstellbar ist noch, dass auf den bereits versiegelten Flächen des Areals Wohnungen entstehen.

Damit könnte sich auch Juliane Ranck arrangieren: "Da sehen wir eine riesige Chance für ein total innovatives Viertel, wo energieautarke Häuser in Holz- oder Lehmbauweise entstehen könnten." Die Bewohnerinnen und Bewohner des künftigen Viertels könnten sich dann aus den Gärten direkt vor ihrer Haustür ernähren.

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