Hochspannungsmast

Ohne Vorwarnung haben gleich zwei Energieanbieter ihren Kunden gekündigt - trotz länger vereinbarter Lieferverträge. Schuld sind offenbar die gestiegenen Gas- und Strompreise.

Bis Ende des Jahres sollte sein Stromvertrag laufen, doch am 7. Oktober erhält Frank J. aus dem Rheingau-Taunus-Kreis ein Schreiben seines Versorgers Immergrün. Darin kündigt die Rheinische Elektrizitäts- und Gasversorgungsgesellschaft überraschend an, die Stromversorgung am 19. Oktober einzustellen.

Frank J. ist nicht der Einzige, dem Immergrün den Vertrag so kurzfristig gekündigt hat. Im Versorgungsgebiet der Stadtwerke Gießen könnten nach Angaben eines Sprechers bis zu 300 Kunden betroffen sein. Das Handelsblatt berichtete von hunderten Kundinnen und Kunden in Hessen und Bremen, die Immergrün nicht länger mit Energie beliefere.

Verbraucherzentrale: Kündigungen sind vertragswidrig

Aus Sicht der Verbraucherzentrale Hessen sind die Kündigungen vertragswidrig. Rechtsanwalt Peter Lassek sagte, eine außerordentliche Kündigung sei bei Energielieferverträgen nur im Ausnahmefall möglich, und wirtschaftliche Gründe zählten nicht dazu. Andere Gründe könne die Verbraucherzentrale derzeit nicht erkennen. Immergrün ließ eine hr-Anfrage bisher unbeantwortet.

Die Verbraucherzentrale rät betroffenen Kunden wie Frank J. zu prüfen, ob sie Anspruch auf Schadenersatz erheben können. Das sei dann der Fall, wenn der Vertrag vor dem vereinbarten Laufzeitende gekündigt wurde und die Verbraucher in die teurere Grundversorgung rutschen. Die Preisdifferenz müsse Immergrün dann übernehmen. Vereinbarte Boni müssen demnach auch vor Ablauf der Vertragsdauer gezahlt werden.

Von hohem Grundpreis profitiert?

Stefan Henkel aus Oestrich-Winkel (Rheingau-Taunus) ist über das Verhalten seines ehemaligen Gaslieferanten ebenfalls verärgert. Die Deutsche Energiepool GmbH hatte ihm am 18. September kurzfristig mitgeteilt, dass sein Vertrag zum 1. Oktober gekündigt werde. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen räumen beiden Seiten zwar ein Kündigungsrecht zu jedem Zeitpunkt ein, eine Mindestvertragslaufzeit gab es in seinem Fall nicht.

Aber Henkel war bei Vertragsbeginn im Mai trotzdem davon ausgegangen, mindestens zwölf Monate lang bei demselben Anbieter bleiben zu können. Zumal er mit 78 Euro im Monat einen hohen Grundpreis zahlte, der sich erst in der Heizperiode durch den vergleichsweise günstigen Strompreis von einem Cent pro Kilowattstunde gerechnet hätte. Nun dränge sich die Vermutung auf, dass das Unternehmen die Verträge absichtlich vor der kalten Jahreszeit gekündigt habe, um von den bis dato hohen Einnahmen zu profitieren, sagt Henkel.

"Nie dagewesene Preiserhöhung"

Die Deutsche Energiepool GmbH begründet die Massenkündigungen in einer Mail an Henkel dagegen mit den hohen Energiepreisen. In den vergangenen Monaten hätten sich die Beschaffungspreise für Erdgas und Strom am Terminmarkt verdreifacht, die Preise für kurzfristige Beschaffung sogar verfünffacht. Mit einer solch "rasanten und nie dagewesenen" Entwicklung habe des Unternehmen nicht gerechnet.

Laut der Mail ist die Deutsche Energiepool GmbH zum Teil auf kurzfristige Gas- und Stromzukäufe angewiesen, die den starken Preisschwankungen am Markt unterlägen. Um keine Arbeitsplätze zu gefährden, habe das Unternehmen beschlossen, die bundesweite Belieferung mit Erdgas vollständig einzustellen. Stattdessen konzentriere man sich künftig auf Dienstleistungen im Energiesektor.

Weitere Anbieter könnten folgen

Tobias Frederico vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool in Berlin geht davon aus, dass weitere Strom- und Gasanbieter dem Beispiel von Immergrün und der Deutschen Energiepool GmbH folgen könnten: "Es sind auffällig viele, die jetzt kündigen. Ich rechne vor dem Hintergrund der steigenden Energiepreise mit weiteren Zwischenhändlern, die den Vertrag mit Kunden plötzlich kündigen oder auch insolvent gehen."

Bei den betroffenen Unternehmen handele es sich oft um Zwischenhändler, die auf Onlinevergleichsportalen als besonders günstig gelistet würden, sagt Frederico. Sie kauften wie die Deutsche Energiepool GmbH selbst nur kurzfristig ein und seien daher stärker von den steigenden Preisen betroffen.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat Immergrün inzwischen abgemahnt. Dem Belieferungsstopp fehle die juristische Grundlage, eine Kündigung der Verträge sei dem Unternehmen erst zum Laufzeitende möglich.