Das "Atomdorf Hanau" war berühmt-berüchtigtes Kerngebiet von Nukem, Alkem, Siemens und Co. Im Kampf gegen die Wiederbelebung als Atommüll-Standort verbucht die Stadt einen juristischen Erfolg.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Vorläufig kein weiterer radioaktiver Abfall in Hanau

Atommüll-Container
Ende des Audiobeitrags

Im Streit um ein neues atomares Zwischenlager im Hanauer Stadtteil Wolfgang hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel der Stadt Recht gegeben. Er hat dem seit vielen Jahren laufenden Versuch des Unternehmens Daher Nuclear Technologies (DNT) eine Absage erteilt, ein neues Zwischenlager für schwach radioaktives Material einzurichten.

"Das ist eine der besten Nachrichten, die es in diesem Jahr für Hanau geben kann", schrieb Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Mittwoch jubelnd in einer Mitteilung. Vor fast genau zwei Jahren, Anfang 2018, hatte das DNT-Vorgängerunternehmen Nuclear Cargo Services in erster Instanz beim Verwaltungsgericht in Frankfurt noch Erfolg gehabt: Das Gericht gab der Klage gegen die Stadt wegen einer versagten Baugenehmigung statt. Es ließ wegen der grundsätzlichen Bedeutung aber eine Berufung zu.

Ziel des Unternehmens ist es, im Technologiepark Wolfgang eine weitere, dritte Halle mit Containern zu belegen, die mit strahlendem Material befüllt wird. Der VGH hat die Revision beim Bundesverwaltungsgericht Leipzig zugelassen. Es bleibt abzuwarten, ob das Unternehmen Rechtsmittel gegen die Entscheidung der Kasseler Richter einlegt.

Bundesweite Bedeutung

Gedacht für die zusätzliche Lagerung von Atommüll war Halle 15 des Unternehmens. In den Hallen 6 und 12 war das schon der Fall. Allein in einer dieser Hallen standen 2018 den damaligen Angaben des hessischen Umweltministeriums zufolge 1.130 Container. Die Stadt Hanau fand: In einem Gebiet, in dem nicht störende Betriebe, Büros und Dienstleister gewünscht sind, scheiden solche Erweiterungspläne aus.

OB Kaminsky sieht die Rechtsauffassung der Stadt nun "im vollen Umfang bestätigt". Die Stadt hatte eigens den Bebauungsplan geändert, um eine Ausweitung des Atom-Zwischenlagers zu verhindern. Das Urteil aus Kassel habe generelle Bedeutung für alle Kommunen in Deutschland. Es stelle klar, dass auch ihre Gewerbegebiete geschützt sind. Das sei zunehmend wichtig. Aufgrund des Atomausstiegs und der Stilllegung von Kraftwerken würden in Zukunft "in erheblichem Umfang radioaktive Abfälle anfallen".

Einfach ins Meer gekippt

Bereits vor zwei Jahren hatte Kaminsky bekräftigt, die bestehenden Zwischenlager zu akzeptieren. Politisch und juristisch werde Hanau aber eine Wiederbelebung des "Atomdorfs Hanau" verhindern. Unter diesem Namen war der Stadtteil als zentraler und höchst umstrittener Ort der deutschen Atomwirtschaft in den 80er Jahren bekannt. Nirgendwo sonst in Europa waren so viele große Nuklearfirmen tätig.

Unternehmen wie Alkem und Nukem hatten hier ihren Sitz. Siemens machte in Hanau Plutonium zu Brennelementen. Sicherheitsmängel, Schmiergeldzahlungen und illegale Atommülltransporte brachten das weitgehende Ende mit dem sukzessiven Abbau des Atomdorfes. Leitende Angestellte des Unternehmens Transnuklear wurden später verurteilt: Laut Zeugen war unter anderem Atommüll aus Hanau einfach ins Meer gekippt worden.

Sendung: hr-iNFO, 12.02.2020, 16 Uhr