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Initiative in Lampertheim sauer auf Stadt wegen Ultranet

In Lampertheim gibt es Widerstand gegen die geplante Ultranet-Stromtrasse. Anwohner befürchten gesundheitliche Risiken. Von der Stadt fühlt man sich im Stich gelassen, der Bürgermeister weist den Vorwurf zurück.

Dr. med. Karl-Wilhelm Klingler sorgt sich um seine Patienten. "Ich bin präventiver Kardiologe", sagt er, "ich kenne die Mechanismen, wie Herzinfarkte entstehen. Und ich sehe hier die gleichen Mechanismen auf uns zukommen."

"Unkalkulierbare Risiken"

Der Arzt betreibt eine Praxis in Lampertheim (Bergstraße), unweit einer Hochspannungsleitung. Was seinen Unmut hervorruft, ist der Plan des Netzbetreibers Amprion, an gleicher Stelle die neue Gleichstromleitung Ultranet zusammen mit Wechselstromkabeln über die gleichen Masten zu führen.

Klingler befürchtet dadurch unkalkulierbare gesundheitliche Risiken, etwa durch sogenannte Korona-Entladungen, Luftionisation, Partikelverdriftung. Der Effekt wäre ähnlich wie beim Feinstaub, sagt Klingler. "Das Risiko ist äquivalent zum Wohnen neben einer Autobahn. Da weiß man auch: je geringer der Abstand, desto größer die Gefahr."

Interessengemeinschaft spricht von Feldversuch

Mit seiner Interessengemeinschaft (IG) "Wir stehen unter Strom" fordert der Arzt eine Verlegung der Trasse. Vorgeschrieben sei gemäß dem Landesentwicklungsplan ein Abstand zu Wohngebieten von rund 400 Metern - bei Neubauten. Diese Vorgabe müsse auch eingehalten werden, fordert Klingler, denn schließlich handele es sich ja bei der Ultranet-Trasse um eine Neuerrichtung.

Insbesondere die Auswirkungen des Zusammenwirkens von Wechsel- und Gleichstromleitungen, die auf ein und demselben Mast verlaufen, seien nicht hinreichend untersucht, argumentiert der Arzt. Denn solche Hybridleitungen gibt es bislang nicht. Klingler und seine Mitstreiter sehen sich daher als Versuchsobjekte in einem breit angelegten Feldversuch.

Amprion schließt Gesundheitsgefährdung aus

Der Netzbetreiber Amprion widerspricht. Die Datenlage sei so gut, dass man eine Gesundheitsgefährdung ausschließen könne, erklärt Projektsprecherin Joelle Bouillon. Sowohl bei den elektrischen als auch den magnetischen Feldern, die nahe der Masten entstehen können, liege man weit unter den Grenzwerten.

Auch gemeinsam von Gleich- und Wechselstrom erzeugte Felder seien nichts Neues, so Bouillon. Denn die bisherigen Wechselstromleitungen führten ja durch das Magnetfeld der Erde, ein sogenanntes Gleichfeld. "Das ist genau dasselbe wie bei den Gleichstromleitungen", meint Bouillon. Von einem Feldversuch könne also keine Rede sein. Einen Neubau im Sinne der Richtlinie stelle die geplante Trasse nicht dar, es würden lediglich alte Masten durch höhere ersetzt.

Aufruf zu Einwendungen im Anhörungsverfahren

Nichtsdestotrotz will die IG jetzt möglichst viele Lampertheimer mobilisieren, sich im Rahmen des Anhörungsverfahrens gegen die geplante Führung der Leitung auszusprechen. Dazu will sie in dieser Woche noch einmal die Öffentlichkeit über ihre Sicht informieren. Die Einwendungsfrist läuft noch bis zum 16. März.

Schützenhilfe bekommt die IG dabei von der Lampertheimer SPD. Diese hatte unlängst in Briefkästen Flyer verteilt, die zum Widerspruch aufrufen. Ein QR-Code auf den Zetteln führt direkt zu der entsprechenden Seite der Bundesnetzagentur.

SPD fürchtet um Neubaugebiet

Auch auf den Flyern ist von einer "unklaren Sachlage" über mögliche langfristige Gesundheitsschäden zu lesen. Insbesondere sieht die SPD aber auch die Realisierung eines Neubaugebiets in der Nähe, das sogenannte Gleisdreieck, wegen des fehlenden Mindestabstands durch die jetzige Planung in Gefahr.

Amprion findet diese Darstellung unlauter. Denn die bestehenden Leitungen führten schon jetzt dort vorbei, wo die neue Siedlung entstehen soll. Das Problem existiere also bereits und entstehe nicht erst durch die Ultranet-Pläne, sagt Bouillon.

Initiative fühlt sich von Stadt im Stich gelassen

Kommunikationsbedarf gibt es offenbar auch noch zwischen der Interessengemeinschaft und der Stadt. Die IG fühlt sich von der Stadt im Stich gelassen, weil diese von ihrer bisherigen Linie abgewichen sei, eine weiträumigere Verlegung der Trasse vorbei an dem Wohngebiet zu fordern. Stattdessen befürworte sie nun eine womöglich leichter durchzusetzende kleine Verschwenkung, um das geplante Neubaugebiet realisieren zu können.

Die IG bezieht sich dabei auf eine durchgesickerte, nicht öffentliche Beschlussvorlage. Klingler beklagt, dass man den Schutz von Anwohnern, die es noch gar nicht gebe, über den von Bürgerinnen und Bürgern stelle, die schon lange in Lampertheim anwesend seien.

Bürgermeister weist Darstellung zurück

Das sei aber "totaler Quatsch", versichert Bürgermeister Gottfried Störmer (parteilos). Lampertheim verfolge weiterhin das Ziel einer größräumigen Verlegung der Leitungen. Ein entsprechender Beschluss der Stadtverordnetenversammlung habe selbstverständlich weiterhin Gültigkeit. Die in dem von der IG angesprochenen Papier behandelte kleine Verschwenkung sei lediglich Teil dieses übergeordeneten Ziels.

Man nehme Impulse aus der Bevölkerung gerne auf und bringe sie in die Stellungnahmen mit ein, so Störmer. Als Verwaltung sei man aber den Interessen der Stadt verpflichtet und müsse das Verfahren sachlich begleiten. Die Stadtverwaltung sei nicht die Ausführungsgehilfin der Interessengemeinschaft.

Am Freitag steht eine Stadtverordnetenversammlung an. Hierzu sind auch Fachanwälte eingeladen, die über die rechtliche Situation informieren sollen.

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