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Audioseite Ein Gorillas-Kurierfahrer berichtet von seiner Arbeit

Gorillas-Fahrer Berlin Symbolbild

In der Corona-Zeit hat der Online-Handel mit Lebensmitteln deutlich zugenommen. Start-Ups werben für Lieferungen in kürzester Zeit. Kritiker halten die Arbeitsbedingungen vieler Kuriere für prekär. Ein Lieferdienstfahrer berichtet hier, warum er trotzdem fährt.

Für jede Bestellung hat Lupin (richtiger Name der Redaktion bekannt) zehn Minuten Zeit. Dann muss er die Einkäufe bei der Kundin oder dem Kunden abgeliefert haben. Sobald er das Warenlager in Frankfurt mit seinem E-Bike verlässt, läuft der Countdown auf seinem Smartphone. Lupin tritt in die Pedale, der Adrenalin-Pegel steigt. Er beschleunigt sein E-Bike auf bis zu 30 Stundenkilometer. Auf dem Rücken trägt der Mittzwanziger einen großen, quadratischen, schwarzen Rucksack, auf dem in Weiß steht: "Gorillas". Der Name seines Arbeitgebers.

Supermarkteinkauf per App

Gorillas ist ein Berliner Start-up, das vor allem damit wirbt, online bestellte Lebensmittel in maximal zehn Minuten auszuliefern. Damit konkurriert es seit einem Jahr mit weiteren Lebensmittellieferanten wie Flink, Ubereats und Getir.

Die Anbieter haben eines gemeinsam: Sie wollen den klassischen Supermarkteinkauf revolutionieren. Wer bei ihnen einkaufen will, lädt sich eine App aufs Handy, schon kann sie oder er aus einem Sortiment von über 1.000 verschiedenen Produkten auswählen, darunter auch Obst, Gemüse und Getränke. Bei Gorillas kostet die Lieferung 1,70 Euro. Bezahlt wird per App, auch Trinkgeld.

In Frankfurt und Offenbach

Bislang bieten die Start-ups ihren Lieferservice in großen und dicht besiedelten Städten an. In Hessen liefert Gorillas bislang in Frankfurt und Offenbach. In Frankfurt sind Gorillas-Fahrer in drei zentralen Stadtteilen unterwegs. Dort steht jeweils ein Warenhaus.

Nach Aussage von Fahrer Lupin deckt jedes Gorillas-Warenhaus einen Umkreis von ungefähr drei Kilometern ab. Nur so sei das Versprechen von einer Lieferung binnen zehn Minuten überhaupt realistisch.

Mit Countdown

Sobald Kunden ihre Bestellung abgeschickt haben, erhalten Lupins Kollegen im Warenhaus eine Nachricht und packen in Windeseile die Bestellung in Papiertüten. Bei Gorillas nennt man sie "Packers".

Als nächstes ruft der Teamleiter einen Fahrer, der los muss. Wenn Lupin zur Fahrt ansetzt, aktiviert er den Timer auf seinem Smartphone. Kunden erhalten die Benachrichtigung, dass ihre Lieferung unterwegs ist, und sehen in Echtzeit, wo sich ihr Fahrer befindet.

Für 1.600 Euro netto

Lupin sagt, er arbeite gern für Gorillas. Er ist seit wenigen Wochen dabei, wie er erzählt. Er habe keinen Schulabschluss und vorher in einem Niedriglohnsektor gearbeitet. Bei Gorillas werde er deutlich besser bezahlt. Zuletzt habe er 1.600 Euro netto verdient, mehr als ein Viertel davon sei Trinkgeld gewesen. Er habe einen auf ein Jahr befristeten Vertrag.

Lupin mag den Nervenkitzel und die Stimmung im Team, wie er sagt: "Abends gehen wir auch öfter mal was trinken." In seinem Frankfurter Warenhaus arbeiten mehr als 20 Kolleginnen und Kollegen. Das Team ist international. Man spricht Englisch.

Abends in den Park

Trotzdem will Lupin seinen richtigen Namen in diesem Text nicht lesen. Er weiß nicht, wie das bei der Firmenleitung ankäme. Als Grund nennt er die Auseinandersetzungen bei Gorillas in Berlin, wo es nach der Kündigung eines Fahrers, der zu spät zur Schicht kam, zu Protesten unter den Kollegen kam. Lupin will seinen Job nicht verlieren. Er wisse, unter welchem Leistungsdruck die Fahrer in Berlin stünden: "Die haben häufig nicht mal Zeit zum Pinkeln." Davon spüre er in Frankfurt aber nichts.

An stressigen Tagen schaffe er fünf Lieferungen stündlich, sagt Lupin. Sein Rekord seien 38 Lieferungen während einer Acht-Stunden-Schicht gewesen. Die Kunden seien eher jüngere Menschen, sagt er: "Abends beliefere ich auch mal Jugendliche im Park, die Biernachschub wollen, oder junge Kerle, die Bier und Chips bestellen."

Manchmal seien auch junge Familien dabei, die sich ihren Wocheneinkauf liefern ließen. "Dann wird's richtig schwer", sagt Lupin. Ohne E-Bike käme er nicht vorwärts.

Kritik an Arbeitsbedingungen

Fuhr selbst mal Essen aus. Orry Mittenmayer kritisert Arbeitsbedingungen der Lieferbranche


Mit der Anfangseuphorie von Lupin kann sich Orry Mittenmayer gut identifizieren. Der 29-jährige Politikwissenschaftsstudent aus Marburg fuhr vor vier Jahren noch Essen für Foodora und Deliveroo aus. Jetzt engagiert er sich in der Initiative "Liefern am Limit", die er mit anderen Fahrern gegründet hat, und macht auf die Arbeitsbedingungen in der Lieferdienstbranche aufmerksam.

Im Grunde funktionierten viele Lieferdienste ähnlich, sagt der Aktivist: "Die Arbeitsbedingungen sind befristet, ohne dass die Beschäftigten wissen, ob der Vertrag verlängert wird." Außerdem sei damit harte körperlich Arbeit verbunden, die viel abverlange: der Termindruck, die schweren Rucksäcke. "Den Arbeitgebern ist das häufig egal, weil ihnen Statistiken wichtiger sind", sagt Mittenmayer.

Kein Job für immer

Lupin weiß um die Unfallgefahr bei jeder Lieferung. Aber er nimmt es sportlich. Er will gegen den Countdown gewinnen. In den vergangenen Wochen habe er schon vier bis fünf Beinahe-Unfälle gehabt, sagt er: "Beim letzten Mal habe ich an einer großen Kreuzung die Straßenbahn nicht gehört. Die Motoren der Autos waren zu laut. Die Straßenbahn hat zum Glück noch geklingelt." Kleinere Schrammen und Unfälle seien normal, beschwichtigt er. Kritisch werde es bei Regen. "Da wird es extrem gefährlich, weil man nicht ordentlich bremsen kann."

Für immer will Lupin nicht als Lieferfahrer arbeiten. Spätestens wenn sich die Kundenzahl erhöhe, werde auch der Leistungsdruck in Frankfurt zunehmen, vermutet er. Er wisse, wie hart Start-ups wie Gorillas darum kämpfen, anderen Anbieter zu verdrängen.

Für jetzt sei der Job ideal für ihn, findet Lupin. Als Schulabbrecher ohne Ausbildung finde er nichts Besseres mit dieser Bezahlung. Arbeiten will er so lange, bis er auf der Abendschule sein Abi nachgeholt hat. Danach will er studieren.

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Online-Handel mit Lebensmitteln

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