Freddy Santermans zeigt auf einen Setzriss an seinem Haus in Offenbach-Kaiserlei.
Freddy Santermans zeigt auf einen Setzriss an seinem Haus in Offenbach-Kaiserlei. Bild © hessenschau.de

Anwohner mehrerer Großbaustellen in Offenbach-Kaiserlei sind zunehmend verzweifelt: Risse durchziehen ihre Hauswände, ein andauernder Brummton bringt sie um den Schlaf. Von der Stadt sehen sie sich im Stich gelassen, die Baufirmen fühlen sich nicht verantwortlich.

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An einem Sonntagabend war das Brummen für Freddy Santermans schier nicht mehr auszuhalten. "Es fühlte sich an, als bekäme ich Risse im Gehirn." Santermans ging auf die Terrasse seines Hauses im Offenbacher Stadtteil Kaiserlei. Er verspürte einen starken Druck auf den Ohren, ihm wurde übel - dann kam die Panikattacke. Eine ganze Stunde verstrich, bevor Santermans sich wieder etwas besser fühlte.

Störender Brummton, Risse im Gebäude

Freddy Santermans wohnt in der Straße Auf der Reiswiese in Offenbach-Kaiserlei. Schon seit Monaten lässt der Brummton ihm keine Ruhe. Er beschreibt ihn als einen durchgängigen, tiefen Ton. Nachts sei die Belastung besonders groß - auch seine Frau leide sehr.

Und als sei das nicht schon schlimm genug, ziehen sich seit Mitte vergangenen Jahres mehr und mehr Risse durch die Hauswände der Santermans - sogenannte Setzrisse, die etwa auftreten, wenn das Fundament stellenweise absackt. Santermans macht für Brummen und Setzrisse die vielen benachbarten Baustellen verantwortlich.

Lebensqualität stark beeinträchtigt

Neben dem Haus der Santermans sind noch fünf weitere Häuser Auf der Reiswiese von den neu auftretenden Setzrissen betroffen, dazu vier Gebäude in der Willemer Straße und eines in der Wolframstraße. Von dem "Brummton" belästigt fühlen sich mindestens fünf Anwohner in dem Gebiet.

Die Karte zeigt die Baustellen rund um den Kaierlei-Kreisel und das von Gebäuderissen betroffene Gebiet.
Rot markiert ist das betroffene Viertel in Offenbach. Bild © hessenschau.de

Eine davon ist Tina Habel. Das Brummen beschreibt sie als "starke Einschränkung der Lebensqualität“. Sie und ihr 15 Jahre alter Sohn leiden deswegen seit Monaten unter Schlafstörungen, Schlappheit und Kopfschmerzen. Wenn Habel zu Hause arbeitet, kann sie sich schlecht konzentrieren. Und: In und an ihrem Haus hat sie mittlerweile knapp 60 Setzrisse entdeckt.

Baustellen als Verursacher?

Als Ursache für die Setzrisse und Quelle des Brummtons vermutet der Wirtschaftsingenieur Santermans eine der vier Baustellen in dem Gebiet. In einem Umkreis von nur etwa 500 Metern entstehen derzeit auf drei Grundstücken insgesamt fast 1.200 neue Wohnungen, Parkhäuser mit zusammen knapp 840 Stellplätzen, Einzelhandels- und Gewerbeflächen, ein neues Verwaltungsgebäude für das Versicherungsunternehmen AXA, ein Hotel und ein Schwimmbad. Außerdem wird noch der Kaiserlei-Kreisel neu gestaltet.

Um gegen den Brummton vorzugehen und um zu verhindern, dass die Schäden an ihren Häusern sich weiter verschlimmern, haben die Anwohner sich in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Deren Wortführer ist neben Freddy Santermans auch Frank Präder.

Beide bitten seit Monaten bei der Stadt Offenbach um Unterstützung und Informationen. Zum ersten Mal fragte Santermans Mitte November vergangenen Jahres bei der Bauaufsicht nach, ob der "Brummton" eventuell von nächtlichen Arbeiten auf einer der Baustellen kommen könnte.

Langes Warten auf Antwort der Stadt

Anschließend schrieben Präder und er im Abstand von etwa einem Monat an die Stadt - ohne eine Antwort auf ihre Fragen zu bekommen. Auch ihre Fragen aus einer Bürgerfragestunde vom 24. Januar seien bis Freitag unbeantwortet gewesen.

Kerstin Holzheimer, eine Sprecherin der Stadt, weiß auch nicht genau, warum das so ist. Für die Antworten auf die verschiedenen Fragen seien verschiedene Fachämter zuständig. Holzheimer verstehe, dass die Anwohner in dem Gebiet sich durch die vielen Baustellen belästigt fühlten. Einschreiten könne die Stadt aber nur, wenn erwiesenermaßen "ein Verstoß gegen Vorschriften vorliegt". Das sei nicht der Fall.

"Verdacht, dass hier etwas verheimlicht werden soll"

"Hier wird auf Zeit gespielt. Und mehr und mehr verfestigt sich bei mir der Verdacht, dass es etwas zu verheimlichen gibt", sagt Santermans. "Während wir Anwohner auf eine Antwort der Stadt warten, wird es den Bauträgern einfach gemacht, weiterzuarbeiten - ohne einen eventuellen Baustopp zu befürchten."

Doch welche genauen Ursachen kommen für die Probleme der Anwohner infrage? Dabei gehen die Meinungen von Betroffenen auf der einen und von Stadt und Bauträgern auf der anderen Seite weit auseinander.

Woher kommt das Brummen?

Die Anwohnerinitiative vermutet hinter dem Brummen einen sogenannten Infraschall, einen besonders tieffrequentierten Schall, der für Menschen eigentlich kaum hörbar ist. Einer Studie der Universität Mainz zufolge ist Infraschall gesundheitsschädlich. Die Anwohner in Offenbach-Kaiserlei glauben, dass entweder Baumaschinen auf den Baustellen oder eine Wärmepumpe, welche für eine Erdwärmeanlage unter dem Wohnquartier "VITOPIA" errichtet wird, den Infraschall verbreiten.

Bernd Bolius von der verantwortlichen Projektentwicklerin CG-Gruppe sagt: "Nachts ist der Baubetrieb gänzlich eingestellt." Zudem werde die Erdwärmeanlage zurzeit noch gar nicht betrieben. Und auch im späteren Betrieb könnten "Schall- oder Geräuschentwicklungen für die Nachbarschaft vollumfänglich ausgeschlossen werden".

Die Stadt Offenbach ist beim Thema Brummton ratlos. "Wir können nicht sagen, woher das Geräusch kommt", sagt Sprecherin Holzheimer. Mögliche Quellen für Infraschall seien Kühlschrankkompressoren, Heizungen, Klimaanlagen, Stromkabel, der Schiffs- oder Bahnverkehr.

Der Schall könne sich kilometerweit ausbreiten. Die Stadt habe eine nächtliche Messung durchgeführt, dabei sei das Ergebnis unauffällig gewesen. Für die Feststellung der genauen Lärmquelle sei ohnehin eine "differenzierte Messung" notwendig. Diese sei sehr kostspielig.

Woher kommen die Setzrisse?

Auch über die Ursache der Setzrisse gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Anwohner machen dafür die Grundwasserabsenkungen in den verschiedenen Baugruben verantwortlich. Der Offenbacher Diplom-Ingenieur Detlev Keilhold, seit 30 Jahren Bausachverständiger, sieht das genauso. Er hat aus der Offenbach Post von dem Problem erfahren und interessiert sich seitdem für die Ursachen.

Wenn Grundwasser an einer Stelle etwa für den Bau von Gebäudefundamenten abgepumpt werde, müsse es eigentlich an anderer Stelle dem Boden wieder zugeführt werden, um den Pegel konstant zu halten, sagt Keilhold. Er vermutet, dass die vier Baustellen die Bodenbeschaffenheit in dem Gebiet "gehörig durcheinandergebracht haben". Der Boden sei weicher geworden und teilweise abgesackt, daher die Setzrisse.

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Auf der Baustelle für das neue AXA-Gebäude wurde das abgepumpte Grundwasser nicht zurück in den Untergrund geführt, sondern in die Kanalisation geleitet. "Durch die industrielle Vorbelastung war eine Versickerung nicht möglich", sagt Holzheimer, die Sprecherin der Stadt. Die CG-Gruppe hat ihrem Sprecher zufolge das Grundwasser aus ihren Baugruben für das Wohnquartier ebenfalls in die Kanalisation geleitet. Auswirkungen auf Häuser in der Umgebung seien "wegen der geringen Wassermengen" aber auszuschließen. Ähnlich argumentiert die Wohnkompanie, die das Goethequartier baut.

Die Stadt hält es für "wenig wahrscheinlich", dass die Grundwasserabsenkungen in den Baugruben im Kaiserlei die Setzrisse verursacht haben. Die Absenkung liege laut Unterer Wasserbehörde innerhalb der normalen Schwankungsbreite. Sprecherin Holzheimer hält es für wahrscheinlicher, dass der außergewöhnlich trockene Sommer 2018 den Boden schrumpfen lassen hat. Nachweisen kann sie das nicht. "Dummes Zeug", sagt der Sachverständige Keilhold.

Schwierige Ursachen-Suche

Um eine Baustelle als Verursacher von Schäden an Gebäuden zu belasten oder zu entlasten, können sogenannte Beweissicherungsverfahren durchgeführt werden. Diese können entweder von Anwohnern oder von Bauträgern in Auftrag gegeben werden. Ein Gutachter nimmt den Ist-Zustand eines Hauses vor Baubeginn auf und hält fest, inwieweit und wodurch während oder nach den Arbeiten Veränderungen aufgetreten sind. Die CG-Gruppe hat das bei den unmittelbaren Nachbarn getan und bis heute eigenen Angaben keine Veränderungen festgestellt.

Becken Development, Projektentwickler des neuen AXA-Gebäudes, hat zwei Beweissicherungsverfahren in der Willemerstraße und Auf der Reiswiese durchgeführt. Der Gutachter habe dort an der Terrassenwand zwar neu auftretende Fugenabrisse festgestellt. Die Grundwasserabsenkung auf der eigenen Baustelle sei jedoch nicht schadensverursachend.

Hohes Prozessrisiko für Anwohner

Der Sachverständige Keilhold weiß, dass auf die Anwohner eine schwierige Zeit zukommt. Nur ein aufwändiges wie teures Gutachten könne den Verursacher ihrer Probleme ausfindig machen. Dieser würde wahrscheinlich mit einem Gegengutachten aufwarten.

Dann müssten die besorgten Anwohner vor Gericht ziehen, welches aufgrund eines eigenen Gutachtens feststelle, wer recht habe. Wird ein Bauträger als Verursacher beschuldigt, muss er für die entstandenen Schäden und die Kosten für Prozess und Gutachten aufkommen. Wenn nicht, müssen die Anwohner selbst alles bezahlen. Ein hohes Risiko.

Die betroffenen Menschen in Offenbach Kaiserlei sind verzweifelt und überlastet. Präder und Santermans verbringen täglich vier bis fünf Stunden für ihren "Kampf" - neben dem Beruf. "Wir sind am Anschlag", sagen sie. Die Gewerbekauffrau Tina Habel schätzt die Wertminderung an ihrem Haus auf um die 100.000 Euro. Umziehen, um dem stark belastenden Brummton zu entfliehen, kann sie nicht. "Wer kauft denn ein Haus mit so vielen Rissen?" In der Einwohnerinitiative überlegen sie, einen Gutachter zu engagieren, der die Ursachen klären soll. Notfalls werden sie vor Gericht ziehen.