Wald bei Heidenrod-Wisper

Die kleine Rheingau-Taunus-Gemeinde erhofft sich von der Holzkohlefabrik Arbeitsplätze und eine sinnvolle Nutzung ihres Wirtschaftswalds. Bürgerinitiativen fürchten um das Klima und die Gesundheit der Heidenroder. Am Sonntag steht ein Bügerentscheid an.

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hessenschau vom 27.10.2020
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Heidenrod im Rheingau-Taunus-Kreis hat den größten Gemeindewald in Hessen mit 4.600 Hektar Fläche. Die Menschen hier leben wirklich im Grünen. Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD) horchte deshalb auf, als ihm Ende vorigen Jahres ein Brief der Firma Carbonex auf den Schreibtisch flatterte. Der französische Mittelständler will in Deutschland Holzkohle herstellen und sucht einen waldreichen Standort.

80 neue Arbeitsplätze, Gewerbesteuern und eine aus Diefenbachs Sicht sinnvolle Holzvermarktung: "Wir haben es als Landgemeinde sehr schwer, Gewerbe anzusiedeln. Hier haben wir jetzt ein Unternehmen, das den Rohstoff Holz gleich vor Ort verarbeitet. Zudem entstehen Arbeitsplätze am Wohnort." Für den Bürgermeister passt das Unternehmen richtig gut zu Heidenrod. Eine Mehrheit im Gemeinderat und selbst die Grünen sind dafür.

"Da wird kein Rauch aufsteigen"

Experten bescheinigen Carbonex höchste ökologische und ethische Standards, anders als dies etwa bei der Holzkohleproduktion in Paraguay, Nigeria, Polen oder der Ukraine der Fall sei. Von dort stammt ein Großteil der Grillkohle, die in Deutschland importiert wird. Volker Diefenbach sagt zu den Carbonex-Plänen: "Das wird eine hochmoderne Anlage. Da muss man sich freimachen von der Vorstellung, dass da etwas verschwelt wird oder dass da Rauch aufsteigt."

Deutschland verbrauche 280.000 Tonnen Grillkohle im Jahr, produziere aber nur 40.000 Tonnen selbst, argumentiert der Bürgermeister: "Wir haben hier die Chance, Grillkohle aus sehr zweifelhaften Quellen zu ersetzen." 4.000 Lastwagenladungen mit Holz sollen pro Jahr verarbeitet werden. Diefenbach versichert, die Produktion der heimischen Holzkohle erfolge umweltfreundlich, weil nicht mehr Holz aus dem Wald entnommen werde, als dort nachwachse. Zudem werde sozusagen als Nebenprodukt der Fertigung auch noch Strom erzeugt.

"Brauchen Bäume im Wald, nicht auf dem Grill"

Dennoch regt sich Widerstand. Gleich drei Bürgerinitiativen kämpfen gegen die Ansiedlung der Holzkohlefabrik im Ortsteil Huppert, für die 17 Hektar Wald gerodet werden müssen. Diese Bäume dürfe man nicht opfern, sagt Stefan Husch von der Initiative Kein Wald für Grillkohle: "Diese Anlage schützt das Klima nicht, sondern schadet ihm im Gegenteil." Husch verweist auf die Klimakrise: "Wir brauchen die Bäume im Wald und nicht als Grillkohle auf dem Grill."

Auch Eckhard Jost von der Bürgerinitiative Schönes Heidenrod sieht in den Argumenten von Carbonex und des Bürgermeisters lediglich Greenwashing: "Hier soll nur Geld verdient werden auf Kosten von Natur und Bürgern, die auch unter dem Verkehr zur Fabrik leiden würden."

Gemeinde brachte Bürgerentscheid auf den Weg

Die Bürgerinitiativen rechnen für den Fall, dass die Fabrik kommt, mit einer Verkehrszunahme von 15 Prozent in Heidenrod und damit, dass die Holzlaster die ohnehin schon stark befahrene B260 verstopfen. Manche Anwohner befürchten Lärm und auch, dass von der Fabrik eine Brandgefahr ausgehen könnte.

Unterstützung erhalten die Gegner des Projekts von der Naturschutzorganisation Robin Wood in einem offenen Brief: Der in Heidenrod geplante industrielle Holzverbrauch verschärfe den Klimawandel und schwäche die Wälder, heißt es darin.

Obwohl die Gemeindevertreter mehrheitlich für die Ansiedlung des Betriebs sind, wollten sie das Projekt angesichts der Kritik daran nicht an den Bürgern vorbei beschließen. Sie stießen daher ein sogenanntes Vertreterbegehren an. Am Sonntag steht der Bürgerentscheid über die Frage an, ob im Wald von Heidenrod eine Holzkohlefabrik entstehen soll.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.10.2020, 19.30 Uhr