Windräder in Wolfhagen-Istha (Archivbild)

An Windrädern kommt es immer wieder zu Kollisionen mit bedrohten Vogelarten. Erneuerbare Energien und Artenschutz sind zwei "grüne Themen" im Konflikt. Hier könnte die Regierung nun neue Wege gehen.

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Süchtig durch Corona | hessenschau vom 21.05.2021
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Es ist ein Dilemma: Der Klimawandel gefährdet die Artenvielfalt, deshalb ist der Ausbau von erneuerbaren Energien für den Erhalt bedrohter Tierarten unabdingbar. Gleichzeitig wird der Lebensraum von bedrohten Vögeln wie dem Schwarzstorch oder Rotmilan und einigen Fledermausarten durch Windkraftanlagen potenziell gefährdet: Die Tiere können mit Rotorblättern kollidieren oder werden von den Anlagen vertrieben.

Der Ausbau der Windenergie in Hessen stockt derweilen seit Jahren. Von Januar bis Mai wurden in Hessen gerade einmal drei neue Windräder in Betrieb genommen, 2020 waren es insgesamt 27. Im Jahr 2019 hatte der Ausbau mit lediglich vier Windrädern einen absoluten Tiefpunkt erreicht.

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Der Platz für die Räder ist rar und damit auch der Rahmen für konfliktfreie Bauvorhaben. Planungen müssen deshalb auf Eis gelegt werden, oder Anlagen werden im Bau noch gestoppt. Denn: Das Bundesnaturschutzgesetz sieht ein Tötungsverbot vor. Das heißt: Es darf keine Anlage gebaut worden, wenn dadurch Tiere wissentlich gefährdet werden - und das kann auch in ausgewiesenen Windvorrangflächen der Fall sein.

"Windenergie und Artenschutz schließen sich nicht aus"

Dem Dilemma von Windkraft und Artenschutz will sich nun die Landesregierung annehmen. Sie kündigte am Freitag in Wiesbaden an, dass man den Lebensraum von windenergiesensiblen Vogel- und Fledermausarten stärker schützen wolle. Mit einem Gutachten werde das Land Schutzräume festlegen, die sich in ausreichend großem Abstand zu Windparks befinden, kündigten Umweltministerin Priska Hinz und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (beide Grüne) an.

"Windenergie und Artenschutz schließen sich nicht aus", sagte Hinz. Die Windenergie sei ein zentraler Baustein der Energiewende und damit der Bekämpfung der Klimakrise. Das Land Hessen sieht zwei Prozent aller Landesflächen für Windenergievorranggebiete vor. Außerhalb dieser Gebiete sollen die Schutzflächen für Schwarzstorch, Rotmilan und Fledermäuse nun doppelt so groß sein, also etwa 80.000 Hektar.

In den Regierungsbezirken Kassel, Gießen und Darmstadt sollen dazu je drei große Schutzgebiete entstehen. "Und zwar dort, wo es bereits viele von ihrer Art gibt", so Al-Wazir. Die Schutzgebiete sehen zum Beispiel vor, dass die Nistbäume von Störchen mit Manschetten versehen werden, die Waschbären abhalten sollen.

Darf man den Tod einzelner Tiere in Kauf nehmen?

Die Schutzmaßnahmen beziehen sich jedoch auf Bereiche außerhalb der Windvorranggebiete. Doch was passiert mit den Tieren, die genau dort nisten, wo gebaut werden soll? Erst Anfang des Jahres kündigte die Landesregierung an, den Mindestabstand der Windräder zu Rotmilan-Horsten von den bundesweit empfohlenen 1.500 auf 1.000 Meter verringern zu wollen. Die große Frage, die dabei im Raum steht: Darf man den Tod eines einzelnen Rotmilans oder Schwarzstorchs durch ein Windrad wissentlich in Kauf nehmen, um die Energiewende voranzutreiben?

Al-Wazir und Hinz erklärten: Statt auf jedes Tier zu schauen, gehe es der Landresregierung darum, die Lebensbedingungen der Population insgesamt zu verbessern. Bei der Vorstellung des Landesprogramms sprach auch der Nabu-Landesvorsitzende Gerhard Eppler davon, dass unter bestimmten Vorraussetzungen Ausnahmen vom Tötungsverbot möglich seien. "In extrem seltenen Fällen." Voraussetzung sei etwa, dass durch den Klimawandel ein übergeordnetes öffentliche Interesse an erneuerbaren Energien bestehe und dass es für den Erhalt der Art Ausgleichsmaßnahmen gebe, wie etwa dieses Programm.

Hier zeigt sich ein Paradigmenwechsel: Naturschutzverbände wie der Nabu hatten in der Vergangenheit bei dieser Frage immer wieder das absolute Tötungsverbot von bedrohten Tierarten eingefordert und selbst oft gegen Windkraftanlagen geklagt.

Gerichte stoppen Anlagenbau

Wie sich das in der Praxis umsetzen lässt und mit der bundesweiten Rechtssprechung und EU-Richtlinien vertragen wird, muss sich noch zeigen. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, die weiterhin für das absolute Tötungsverbot ist, klagte erst im Januar mit Erfolg. Der VGH in Kassel stoppte den Bau von Windrädern bei Trendelburg (Kassel), weil das Gericht den bundesweiten Mindestabstand von 1.500 Meter zum Rotmilanhorst für notwendig hielt.

Auch das Verwaltungsgericht Gießen verhängte vor wenigen Tagen einen vorläufigen Baustopp für zwei Anlagen bei Blasbach (Lahn-Dill). Das Revier eines Wespenbussard-Paares sei nur 950 Meter entfernt, die Begründungen für die Ausnahme vom vorgeschriebenen Mindestabstand ließ das Gericht nicht gelten.

Weitere Informationen

Wie gefährlich sind Windräder für Vögel?

Rotmilan im Flug

Der Rotmilan hat sein Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland und gilt als besonders windradsensibel. Es ist unklar, wie viele Vögel tatsächlich jährlich getötet werden, die Zahlen werden nicht einheitlich erfasst. Die Forschungsgruppe Rotmilan der Uni Marburg geht etwa von einem Bestand von 20.000 bis 25.000 Brutpaaren aus. Er sei das häufigste Kollisionsopfer in Relation zu den Bestandszahlen. Der Nabu wies 2019 auf eine Analyse hin, nach der in Landkreisen mit hoher Windrad-Dichte die Population zurückging. Das zeige sich besonders im Nordosten Deutschlands, aber auch in Mittelhessen.

Ende der weiteren Informationen

2019 nur vier neue Windräder

Die Gründe für den langsam voranschreitenden Ausbau der Windenergie sind vielfältig. Neben den Artenschutz-Konflikten wehren sich auch immer wieder Anwohnerinnen und Anwohner gegen geplante Projekte. Auch Bürgerinnen und Bürger aus Trendelburg hatten Unterschriften gesammelt, um den Windpark Reinhardswald mit bis zu 20 geplanten Windrädern zu verhindern. Auch im Rheingau, Odenwald und Waldeck-Frankenberg regt sich immer wieder Widerstand.

Außerdem seien die finanziellen Anreize für die Betreiber von Windkraftanlagen gesunken, bemängeln beispielsweise die Deutsche Umwelthilfe und die Bundes-Grünen. Seit einer Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) aus dem Jahr 2017 werden Windanlagen ab einer Leistung von 750 Kilowatt bundesweit ausgeschrieben. Den Zuschlag erhält das niedrigste Gebot. Kleinere Anbieter werden dadurch verdrängt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 21.05.2021, 16.45 Uhr