Junger Mann auf einem E-Bike
Am schnellsten durch die Stadt geht es oft auf dem Fahrrad, noch schneller mit einem E-Bike. Bild © picture-alliance/dpa

Innerhalb von zwei Jahren verdoppelt der E-Bike-Hersteller Riese & Müller seinen Absatz und spiegelt damit den Trend im Großstadtverkehr hin zum Hightech-Fahrrad. Auch andere südhessische Radmanufakturen wachsen.

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hsk

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Die Verantwortlichen in den hessischen Großstädten tun sich schwer damit, Fahrradfahrern mehr Platz auf den Straßen und damit mehr Schutz einzuräumen. Dabei wächst der Anteil der Radfahrer am Straßenverkehr allerorten. Gerade der Boom der E-Bikes, also mit Elektromotor ausgestatteten Modellen, hält an.

Nach Angaben des in Bad Soden (Main-Taunus) ansässigen Zweirad-Industrie-Verbands (ZVI) setzten die deutschen Fahrradhersteller im vergangenen Jahr 4,18 Millionen Stück ab und damit 8,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Noch deutlicher fällt das Plus beim Umsatz der deutschen Manufakturen aus: Er stieg laut ZVI um 16,3 Prozent auf 3,16 Milliarden Euro. Rechnet man die Geschäfte der Zulieferer mit ein, stehen rund sechs Milliarden Euro zu Buche.

E-Bikes wurden 2018 in Deutschland 980.000 Mal verkauft, ein gutes Drittel mehr als im Vorjahr und mehr als doppelt so viel wie fünf Jahre zuvor. Daraus ergibt sich ein Marktanteil von 23,5 Prozent am Gesamtfahrradmarkt. Auf Hessen heruntergebrochene Zahlen gibt es nicht. Das ZVI teilt mit, Angaben für einzelne Bundesländer ließen sich nicht ermitteln.

Neue Riese & Müller-Zentrale

Marktführer in Hessen bei E-Bikes ist die Firma Riese & Müller, die zu Jahresbeginn ihre neue Zentrale mit einer 20.000 Quadratmeter großen Produktionshalle in Mühltal (Darmstadt-Dieburg) bezogen hat und diese am Donnerstag im Beisein des hessischen Verkehrsministers Tarek Al-Wazir (Grüne) offiziell eröffnet.

Die Ingenieure Markus Riese und Heiko Müller gründeten die Firma 1993 in einer Garage in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) - inzwischen ist sie ein Global Player, der nach Australien, in die USA und nach halb Europa exportiert. Dabei kostet ein E-Bike von Riese & Müller zwischen 3.000 und 10.000 Euro.

Monteur baut ein Riese & Müller-E-Bike zusammen
Jedes Riese & Müller-Fahrrad und die Modelle der anderen Manufakturen entstehen komplett in Handarbeit. Bild © Riese & Müller

Qualität habe nun mal ihren Preis, sagt Mitgeschäftsführerin Sandra Wolf zu hessenschau.de: "Ja, unsere Räder sind teuer, aber sie haben auch viele Features, die man braucht, wenn man viel fährt und sich dabei sicher fühlen will." Wolf zählt auf: Abblendlicht, Scheibenbremsen, ABS zur Unterstützung der Bremsen, dazu langlebige Akkus mit Reichweiten von um die 70 Kilometer nach jedem Aufladen.

Belegschaft in zehn Jahren verneunfacht

Die Wachstumsraten bei dem Premiumhersteller sind enorm: 2017 verkauften sie rund 30.000 Räder, im Jahr darauf waren es bereits 45.000 (plus 50 Prozent), im laufenden Jahr peilen sie 60.000 Stück an (plus 33 Prozent). Die neue Produktionshalle habe eine Kapazität von 100.000 Rädern, sagt Sandra Wolf, die entsprechend derzeit jeden Monat bis zu 20 neue Mitarbeiter einstellt. Riese & Müller hatte vor zehn Jahren 50 Mitarbeiter, aktuell sind es um die 450.

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Kargon

In Deutschland gibt es etwa 160 E-Bike-Hersteller, in Hessen außer den beiden hier vorgestellten noch Kargon: Das Start-up-Unternehmen verkauft erst seit Juli 2018 seine Modelle für rund 4.800 Euro. Es ist ebenfalls in Südhessen, in Weiterstadt, ansässig. Trotz mehrfacher Anfrage gab es von den Geschäftsführern keine Angaben zu Absatz und Perspektiven.

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Qualifizierte Leute zu finden sei nicht leicht, aber leichter als in anderen Branchen, sagt sie: "Das E-Bike ist ein Sympathieträger. Die Leute wechseln gern zu uns, weil sie das Gefühl haben, sie tun hier etwas Sinnvolles."

E-Bike statt Auto

Der Boom der Elektroräder spiegelt sich schließlich auch im Kundenstamm von Riese & Müller. Früher kauften vornehmlich Rentner die Räder mit Motorunterstützung, heutzutage schon Jugendliche, Berufspendler, junge Familien, berichtet Sandra Wolf: "Viele von ihnen kaufen sich dafür kein Auto oder ersetzen ihr Auto durch ein E-Bike."

Sie fahren dem grünen Zeitgeist hinterher oder erhöhen umgekehrt den Druck auf die Stadtplaner, dass sie im Sinne einer zeitgemäßen Urbanität den Autofahrern Platz wegnehmen zugunsten des abgasfreien Verkehrs. So sieht es Dirk Merz, der seit 2002 in Darmstadt hochwertige Rennräder und Mountain-Bikes unter dem Namen Cucuma baut - und seit drei Jahren auch E-Bikes. 500 davon hat seine Firma im vergangenen Jahr verkauft, wie er zu hessenschau.de sagt: "Für dieses Jahr rechne ich mit zehnmal mehr."

Cucuma-Chef: "Die Leute wollen Qualität"

Auch die Trekkingbikes mit Elektromotor aus dem Haus Cucuma sind nicht günstig: Sie kosten zwischen 4.500 und 6.000 Euro, "weil man für 2.000 Euro einfach kein gutes E-Bike bekommt und die Leute Qualität wollen", sagt Merz. So kämen etwa Motor und Akku aus Deutschland, nach Möglichkeit auch alle übrigen Komponenten.

Ältere Frau auf einem E-Bike
Nicht mehr länger nur ein Fahrzeug für Senioren: das E-Bike. Bild © picture-alliance/dpa

"Viele unserer Kunden kaufen ein E-Bike statt einem Auto, weil sie nicht mehr nach einem Parkplatz in der Stadt suchen wollen und auf einem Radschnellweg wie zwischen Darmstadt und Frankfurt gut vorankommen", sagt Merz. Zu seiner Jugend sei es nicht vorgekommen, dass eine Familie kein Auto besitze - heutzutage keine Seltenheit mehr. Entsprechend möchte Cucuma ab Ende des Jahres auch Lastenräder verkaufen.

Der 50-Jährige ist sich sicher, dass in fünf Jahren schon zwei Millionen E-Bikes in Deutschland verkauft werden und die Straßen sich ändern werden: "Der Druck der Radfahrer wird zu groß werden."

Sendung: hessenschau kompakt, hr-fernsehen, 09.05.2019, 22.30 Uhr