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In Hessen brauchen wegen der Coronakrise deutlich mehr Menschen Hartz IV als zuvor. Bei den Jobcentern melden sich deshalb neuerdings auch Selbständige und Freiberufler.

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An Arbeiten ist für Evi Niessner nicht mehr zu denken. Alle ihre Shows, die sie zusammen mit ihrem Mann anbietet, fallen wegen der Corona-Krise aus. Auf die Bühne darf Niessner frühestens wieder im Herbst, berichtet die Künstlerin aus Kiedrich (Rheingau-Taunus): "Meinem Mann und mir sind deshalb plötzlich sämtliche Einnahmen weggebrochen."

Sind Selbständige und Freiberufler wie sie in Corona-Not, dürfen sie seit knapp einem Monat Grundsicherung beantragen, umgangssprachlich Hartz IV. Das Prozedere soll ihnen auch leichter gemacht werden. So müssen die Antragsteller zum Beispiel anders als bisher keine detaillierten Angaben zu ihrem Vermögen machen.

Zukunftsprognosen in Krisenzeiten schwierig

Die Künstlerin Niessner hatte mit ihrem vereinfachten Antrag immer noch zu kämpfen, sagt sie: "Ich musste über 35 Dokumente hochladen, die waren zum Teil sehr schwer zu besorgen." Probleme hatte sie auch damit, eine Prognose über die nächsten sechs Monate abzugeben – da sich derzeit fast jede Woche etwas verändert.

Trotz allem scheinen viele Selbständige und Freiberufler das neue Sicherheitsnetz zu nutzen. Auch viele Kurzarbeiter greifen offenbar darauf zurück, wenn ihr Gehalt zum Leben bisher nicht reicht. Das führt zu einer wahren Antragsflut in vielen hessischen Jobcentern.

Jobcenter-Mitarbeiter machen Überstunden

So sind beispielsweise beim Jobcenter Frankfurt seit Ende März über 4.000 Anträge auf Grundsicherung eingegangen – fünf Mal so viele wie in den Zeiten vor der Corona-Krise. Beim Jobcenter Wiesbaden und Gießen hat sich die Zahl der Anträge verdreifacht. Auch die Jobcenter in Kassel, Limburg-Weilburg und Waldeck-Frankenberg bekommen deutlich mehr Anträge als vorher.

Die Anträge landen etwa auf dem Schreibtisch von Nadine Hahn. Sie ist Sachbearbeiterin im Jobcenter Frankfurt und will Menschen in Not so schnell und unbürokratisch wie möglich helfen: "Deshalb mache ich auch Überstunden und arbeite am Wochenende."

Hunderte Anrufe bei der Hotline

Weil die Jobcenter für den Publikumsverkehr mittlerweile geschlossen sind, bekommt Hahn die Antragsteller nicht zu Gesicht. Sie beantragen die Grundsicherung telefonisch oder schicken ihre Anträge per Post oder per E-Mail. Ist dann ein Häkchen falsch gesetzt oder Dokumente fehlen, kommt die Sachbearbeiterin den Betroffenen nach eigenen Angaben oft entgegen und gibt eine vorläufige Zusage – bis alles geklärt ist.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mehr Menschen beantragen Grundsicherung

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Es gibt auch mehr Beratungsbedarf. Bei einer extra eingerichteten Hotline rufen täglich im Jobcenter Frankfurt bis zu 500 Leute an, wie die Sachbearbeitern weiter berichtet. "Meine Kollegen und ich versuchen vor allem, den Anrufern ihre Angst zu nehmen." Immer wieder versichere man, dass man die Anträge so schnell wie möglich bearbeite. Im Schnitt dauert die Bearbeitung zwischen ein zu zwei Wochen.

Reicht die Grundsicherung aus?

Die Arbeitsbelastung sei für alle rund 900 Beschäftigten im Jobcenter Frankfurt enorm, sagt die Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg: "Aber wir sind motiviert und unterstützen uns gegenseitig." Dafür habe man Mitarbeiter aus anderen Abteilungen abgezogen und ihnen eine Express-Schulung gegeben. Darüber hinaus hat das Jobcenter neue Mitarbeiter eingestellt. Denn in den nächsten Monaten dürfte die Zahl der Anträge weiter steigen, ist sich die Geschäftsführerin sicher.   

Der Antrag von Evi Niessner aus Kiedrich wurde bereits bewilligt. Zuvor hatte sie schon Soforthilfe erhalten, um die Betriebsausgaben zu decken. Nun bekommt Niessner für ihre dreiköpfige Familie gut 1.100 Euro im Monat: "Davon kann man nicht leben", meint sie.

Natürlich könne sie auf Luxus verzichten, das sei nicht das Problem, betont die Künstlerin. Aber sie hat sich mit ihrem Mann ein Haus gekauft. Das müsse abbezahlt werden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 23.04.2020, 16.45 Uhr