Trasse für ein Glasfaserkabel zwischen den Butzbacher Stadtteilen Wiesental und Münster.

Schnelles Internet ist in vielen Dörfern noch Neuland. Damit es in Zukunft mit Homeschooling und Homeoffice besser klappt, hebt eine Bürgerinitiative in Butzbach-Wiesental eine Trasse für Glasfaserkabel aus.

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Stück für Stück gräbt sich die Bodenfräse in die Erde. Mit jedem Meter kommen die Wiesentaler dem ersehnten Anschluss ans Glasfasernetz näher. Mehr als die Hälfte der 71 Haushalte im Ort wollen die schnelle, moderne Leitung. Aber kein Unternehmen legte ihnen eine Leitung. "Das wurde als zu unwirtschaftlich betrachtet", berichtet Olaf Badstübner, MItglied des Ortsbeirats von Wiesental.

Das Dorf mit seinen 160 Einwohnern zählt zu Butzbach (Wetterau), ist aber der mit Abstand kleinste Stadtteil. Abgehängt, damit wollen sich die Wiesentalerinnen und Wiesentaler nicht länger abfinden. Besonders im Ortskern ist die Internetverbindung schwach, hier liegen noch alte Kupferleitungen.

Ein Angebot, das die Netzfirma nicht ablehnte

Eine Bürgerinitiative um Olaf Badstübner nahm die Mission Anschluss ans 21. Jahrhundert schließlich selbst in die Hand - und das buchstäblich. Vergangenes Jahr wurde bekannt, dass der benachbarte Stadtteil Münster einen Anschluss von der Deutschen Glasfaser bekommen soll. Die beiden Orte liegen einen Kilometer auseinander, und so machte Badstübner der Netzfirma einen Vorschlag: Die Wiesentaler schaffen die Trasse nach Münster, erledigen die Tiefbauarbeiten also in Eigenregie, die Deutsche Glasfaser legt dann die Leitungen in Wiesental so, als würde es zu Münster gehören. Darauf ging die Firma ein, wie Badstübner erzählt.

An zwei Wochenenden heben sie die Trasse aus

An zwei Wochenenden graben sich die Wiesentaler nun nach Münster, am Freitag legten sie mit einer Bodenfräse los. 1,20 Meter soll die Trasse werden. Die Deutsche Glasfaser verlegt das nötige leere Rohr und natürlich auch die Leitung. Danach schütten die Bürgerinnen und Bürger den Graben an einem Feldweg entlang wieder zu.

Bürgerinnen und Bürger aus Butzbach-Wiesental bereiten die Trasse für ein Glasfaserkabel vor.

Hubertus Schremser ist vom Fach, er kennt sich mit Bagger, Fräse und Tiefbauarbeiten aus. Auch er sitzt im Wiesentaler Ortsbeirat. Er führte vorab Gespräche mit der Stadtverwaltung und den Versorgern, studierte Karten, lud zu Ortsterminen. Im Boden liegen bereits allerlei Leitungen, Abwasserkanäle, Wasserrohre.

Auf sie sollte die Fräse besser nicht treffen. Am Freitag haben sie deswegen eine Vorhut gebildet, die mit Spitzhacke, Spaten und Bagger vorsichtig nach einer Wasserleitung sucht. Im kleinen Bagger sitzt Susanne Bölker. Sie räumt ein, dass ein Profi sicher schneller vorankäme, aber mit ihrer Leistung am ersten Tag ist sie durchaus zufrieden. Die Trasse nach Münster wird länger und länger. 20 Wiesentalerinnen und Wiesentaler haben sich gemeldet, um den Ausbau in die eigenen Hände zu nehmen.

Mindestens 40 Prozent müssen Verbindung wollen

Dass sie mithilft bei dem Gemeinschaftsprojekt, ist für Susanne Bölker nach eigener Aussage selbstverständlich. Schließlich profitiere sie dann auch von einer schnellen Internetverbindung.

Ganz am Anfang erhob die Bürgerinitiative, wie viele Haushalte in Wiesental Interesse hätten an einer Glasfaserverbindung. Immer wieder scheitert der Anschluss von Dörfern und etwas abgelegeneren Stadtteilen daran, dass es zu wenig Nachfrage gibt. Netzfirmen und Versorger werden tätig, wenn mindestens 40 Prozent der Haushalte sich verbinden lassen wollen. In anderen Ortsteilen von Butzbach wurde diese Marke nicht erreicht.

Mehr als die Hälfte der hessischen Haushalte mit 1.000 Mbit

Allgemein wächst der Breitbandausbau in Hessen aber. Mitte 2020 hatten nach Auskunft des Digitalministeriums 51,5 Prozent aller Haushalte einen Anschluss mit einer Übertragungsrate von 1.000 Mbit und mehr. Der ländliche Raum hinkt vielerorts hinterher. Doch Orte, die dann wie Wiesental selbst die Initiative ergreifen, sind selten. Einzelfälle, sagt ein Ministeriumssprecher.

In der Butzbacher Stadtverwaltung kommt die Wiesentaler Initiative gut an. So sehr, dass Bürgermeister Michael Merle (SPD) sich am Samstag mit einem Mittagessen persönlich bei den Helferinnen und Helfern bedanken will. Und wer weiß, womöglich eifern dem Wiesentaler Beispiel weitere Pioniere nach, um das Neuland Internet auch an ihren Wohnorten zu erschließen.

Sendung: hr-fernsehen, 17.04.2021, 19.30 Uhr