Beschäftigte eines Schuhgeschäfts protestieren gegen den Corona-Lockdown

Bei den Einzelhändlern wächst der Unmut über die Corona-Zwangspause. In Fulda machen Händler mit Protesten auf ihre Probleme aufmerksam. Andere drohen mit Klagen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Fuldaer Einzelhändler verhängen aus Protest gegen Corona-Lockdown ihre Schaufenster

Schaufenster-Schild von Einzelhändler mit Protest gegen den Corona-Lockdown
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Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Etliche Einzelhändler in Hessen senden in der Corona-Krise Hilferufe an Politik und Öffentlichkeit. Bei einer Protestaktion haben Geschäftsinhaber in Fulda ihre Schaufenster verhängt. Statt Mode oder Schuhe in den verglasten Auslagen blicken Passanten auf schwarze oder weiße Folien und sonstige Abdeckungen.

Mehr als 30 Geschäfte beteiligen sich mittlerweile allein in der osthessischen Domstadt an den Lockdown-Protesten. "Wir wollen demonstrieren, wie die Innenstadt wirkt, wenn sie durch den Handel nicht belebt wird", sagt Modehändlerin Marlies Piechotka. Die Stimmung sei auf dem Tiefpunkt angelangt: Vorrätige Ware sei noch nicht verkauft, da müsse schon wieder neue Saisonware geordert oder abgenommen werden. Doch dafür fehlen die Einnahmen.

"Wie ein Fisch ohne Wasser"

Von der Schließung massiv bedroht ist zum Beispiel das Schuhhaus Zentgraf aus Eiterfeld-Arzell (Fulda). Um auf die missliche Lage und das Schicksal der rund 100 Mitarbeiter aufmerksam zu machen, beteiligt sich der Händler mit verhängten Auslagen und Transparenten an der Protestaktion. "Wir zappeln wie ein Fisch ohne Wasser", beklagen die Angestellten und fordern: "Lasst uns wieder arbeiten."

Doch der Politik ist eine breitangelegte Öffnung des Einzelhandels bisher zu riskant. Zuletzt wurden die geltenden Corona-Maßnahmen bis vorerst 7. März verlängert. Mögliche Lockerungen beim nächsten Bund-Länder-Treffen sind noch ungewiss.

"Von der Politik im Stich gelassen"

Auf die Regelungen angesprochen, verfinstert sich die Miene der Fuldaer Stoffhändlerin Sabine Wehner: "Ich finde es einfach nicht mehr verhältnismäßig." Sie vermisst Konzepte, wie zumindest einzelne Kunden im Laden bedient werden könnten - "meinetwegen auch mit vorherigem Corona-Schnelltest", sagt sie. Man fühle sich von der Politik maßlos im Stich gelassen.

Auch die Modehändlerin Nicola Drüschler kritisiert: "Uns fehlt einfach die Laufkundschaft." Die Einkaufsstraßen in Fuldas Innenstadt wirken zuweilen wie ausgestorben, selbst bei gutem Wetter ist hier nicht viel los.

Verhängte Schaufenster von Einzelhändlern in Fulda

Für Schuhhhändler Tim Ulmer spitzt sich die Situation deshalb immer weiter zu. "Das größte Problem ist, dass die Frühjahrsware kommt", sagt er. Um die absetzen zu können, wüsste er nur allzu gern, wann er perspektivisch wieder öffnen darf. Finanziell sei die Lage angespannt: "Auch die Frühjahrsware muss erstmal bezahlt werden."

IHK: Arbeitsplätze akut bedroht

Mal eben Bestellungen zu stoppen, ist für viele Einzelhändler auch keine Option. Denn dann fallen hohe Gebühren für Stornierungen an. Die Lage werde von Tag zu Tag dramatischer, erklärte der Hauptgeschäftsführer der örtlichen Industrie- und Handelskammer, Michel Konnow, der Fuldaer Zeitung. Es fehlten wirtschaftliche Perspektiven. Unternehmer-Existenzen und Arbeitsplätze seien akut bedroht.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) forderte daher erste Öffnungsschritte für den Einzelhandel auch bei Inzidenzwerten über 35 und 50. Die Branche habe gezeigt, dass sie kein Treiber der Pandemie sei. Deshalb gebe es "keinen sachlichen Grund, die Geschäfte weiterhin ohne verlässliche Öffnungsperspektive geschlossen zu halten", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Neben Händlern klagen auch Gastronomie und Hotelbranche. Die Betriebsbeschränkungen in der Corona-Krise und vorsichtige Kunden haben Hoteliers und Wirte im vergangenen Jahr mehr als ein Drittel ihrer Umsätze gekostet, wie das Statistische Bundesamt am Freitag berichtet.

Proteste auch in Frankfurt

Eine ähnliche Protestaktion wie in Fulda gibt es auch in Frankfurt. Händler starten dort am 22. Februar eine Aktionswoche unter dem Motto und Hashtag #wirschließen_unszusammen. Händler können mit speziellen Plakaten ihre Schaufenster verkleben.

Zudem wollen sie nun juristisch Druck machen: "Wir verklagen die Regierung, stellen Eilanträge auf Wiedereröffnung und klagen auf Schadenersatz beziehungsweise Entschädigung", kündigt die Frankfurter Händlerin und Mitstreiterin Sophia Dümmig an, die sich bereits mit Rechtsanwälten vernetzt hat.

Taten sprechen lassen wollte vor kurzem auch eine Modehändlerin in Wiesbaden, die aus Frust über die schleppenden Corona-Hilfen ihre komplette Kollektion vor den Landtag warf. Sie nannte es eine "Verzweiflungstat".

In Fulda kündigte Modeverkäuferin Piechotka für die nahe Zukunft weitere Aktionen an, wenn dem Handel nicht in Kürze eine Öffnungsperspektive aufgezeigt werde.

Sendung: hr4, 19.02.2021, 15.30 Uhr