Kaiserlei Baustelle Offenbach

Das Großprojekt Vitopia Kampus in Offenbach soll Maßstäbe im Wohnungsbau setzen. Derzeit tut es dies nur in Sachen Langsamkeit. Einblick in ein undurchsichtiges Geflecht.

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Audioseite Viele Fragezeichen am Offenbacher Kaiserlei

Offenbach Baustelle am Kaiserlei
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An einem Werktag sollte eigentlich jede Menge los sein auf einer Großbaustelle. Aber wer zuletzt mal bei den beiden Beton-Gerippen vorbeigeschaut hat, die in Offenbach als KWU-Türme bekannt sind - weil dort früher die Siemens-Tochter Kraftwerk-Union residiert hat - konnte feststellen: Dort tut sich gerade so gut wie nichts.

Dabei sollte 2022 alles fertig sein. In zwei inzwischen entkernten Hochhäusern an der A661 und auf dem angrenzenden Areal sind 840 Apartments und Wohnungen vorgesehen; außerdem Büros, Läden, Restaurants, sogar ein Schwimmbad und eine Kita. Aber der Baufortschritt lässt zu wünschen übrig.

Wer baut da eigentlich?

Glanz verströmt das Vitopia-Projekt fürs Erste nur auf diversen Internet-Seiten. Dort heißt es zum Beispiel vollmundig: "Mit dem Kampus Kaiserlei entsteht ein zukunftsweisendes urbanes Quartier, das Arbeiten, Wohnen und Freizeit perfekt miteinander vereint."

Klingt gut. Aber derzeit ist nicht mal klar, wer da überhaupt baut. Das Projekt geht auf die CG Gruppe zurück, die später in einer anderen Firma aufging: der Consus Real Estate AG. Diese gab im Mai den Verkauf von acht Entwicklungsprojekten bekannt, darunter der Vitopia-Kampus Kaiserlei.

Im Offenbacher Rathaus sieht man aber keinen Grund zur Beunruhigung. Der Sprecher der Stadt, Fabian El-Cheikh, sagt: "Wir haben aktuell überhaupt keinen Anlass daran zu zweifeln, dass ein großes Interesse an der Entwicklung dieses Geländes besteht. Wir gehen davon aus, dass auch mit den unterschiedlichen Eigentümerwechseln, die dort im Hintergrund stattfinden, das Projekt weiter vorangetrieben wird."

Verkauf in die Steueroase – an eine zwei Wochen alte Firma

Auffällig ist, an wen Consus im Mai die acht Projekte verkauft hat. Es handelt sich um eine Offshore-Firma auf der Kanalinsel Guernsey. Die Gesellschaft namens Partners Immobilien Capital Management war in der Steueroase erst zwei Wochen zuvor ins Handelsregister eingetragen worden.

"Für die Stadt hat sich der Ansprechpartner, der Zuständige, nicht geändert in den letzten zwei Jahren", betont Fabian El-Cheikh. Es sei "immer ein Ansprechpartner für uns da, der auch im Rahmen des Baurechts, das ja für alle einzelnen Abschnitte auf dem Gelände erst noch geschaffen werden muss, die Dinge klärt mit der Stadt und die jeweiligen Eigentümer vertritt".

Nachfragen im Steuerparadies sind nutzlos

Ist der neue Player von der Kanalinsel also Teil des alten Projektentwicklers Consus Real Estate, eine Tochterfirma vielleicht? Nein, erklärt Matteo Twerenbold. Der Kommunikationsdirektor bei Consus teilt schriftlich mit: "Zwischen unserem Unternehmen und der Partners Immobilien Capital Management GP Ltd gibt es keinerlei gesellschaftsrechtliche oder personelle Verbindungen. Es handelt sich bei letzterer allein um die Käuferin und damit Vertragspartnerin im Rahmen einer Immobilientransaktion."

Wem die Gesellschaft auf Guernsey gehört, sagt Twerenbold nicht. Und im verschwiegenen Steuerparadies sind Nachfragen nutzlos.

Eine "Bad Bank" für Immobilien?

Da drängt sich eine Frage auf: Wozu dient diese Konstruktion eigentlich? Die Wochenzeitung Die Zeit ist dieser Frage nachgegangen; bei einem Projekt in Hamburg-Harburg, das im Paket mit dem Offenbacher Vorhaben im Mai an Partners Immobilien Capital Management ging.

Der Zeit-Autor mutmaßt, die Firma auf Guernsey sei eine Art "Bad Bank" für wenig aussichtsreiche Immobilienprojekte. Er schreibt von einer "Briefkastenfirma im Steuerparadies als Immobilienschrottplatz".

Rechte für Apartmenthäuser liegen in Bayern

Aufs Offenbacher Vorhaben passt das aber nur bedingt. Wohnungsbau ist dort höchst lukrativ, die Nachfrage riesig. Und der Kern des Projekts ging offenbar gar nicht an die Offshore-Firma: Die künftigen Apartmenthäuser in den beiden Türme, die unter dem Begriff Vertical Village (Senkrechtes Dorf) vermarktet werden, hat sich schon vor ein paar Jahren die Bayerische Versorgungskammer gesichert. In einem so genannten Forward Deal. Und die Behörde, die sich im Freistaat um die Altersversorgung von Beamten kümmert, lässt wissen, sie sei vom Guernsey-Deal gar nicht betroffen.

Was genau aber wurde dann eigentlich nach Guernsey verkauft? Tatsächlich umfasst das große Bauvorhaben am Kaiserlei nach Angaben aus dem Offenbacher Rathaus mehrere Projektabschnitte. Damit der Stadt dort nichts entgleitet, sollen für die Entwicklung der Teilflächen jeweils einzelne Bebauungspläne aufgestellt werden. Auch dabei wäre es aber sicher hilfreich zu wissen, mit wem man es auf der anderen Seite des Verhandlungstischs eigentlich zu tun hat.

Stadt Offenbach erläutert (neuen) Zeitplan

Vielleicht bringen die Verantwortlichen der Stadt Offenbach am Mittwoch ein wenig Licht ins Dunkel. Sie wollen in einer Pressekonferenz sagen, wie es beim Großprojekt am Kaiserlei weitergeht. Klar ist: Der Vitopia Kampus wird 2022 nicht fertig.

Einen großen Partner hat das schon gekostet. Die Nassauische Heimstätte ist aus einem Kaufvertrag über mehr als 200 neue Wohnungen ausgestiegen, die zu Füßen der beiden Betontürme entstehen sollen. Als Grund gab die Wohnungsgesellschaft, die mehrheitlich dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt gehört, an: Beim Bauen sei es nicht annährend so schnell vorangegangen wie vertraglich vereinbart.

Sendung: hr-iNFO, 24.11.2020, 6.40 Uhr