Über eine Internetplattform können Kunden Hilfsgutscheine bei Marburger Geschäften kaufen, die sie erst nach der Krise einlösen. Mit Einnahmen von 100.000 Euro in nur zehn Tagen gilt die Seite schon jetzt als voller Erfolg.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gutscheinplattform ein großer Erfolg

Ein Bild des Marburger Schlosses mit dem Schriftzug "Marburg Liebe - hilf deinem Liebslingsladen"
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Damit haben sogar die Organisatoren vom Marburger Stadtmarketing nicht gerechnet: Kunden haben bei Marburger Unternehmen bereits Hilfsgutscheine im Wert von über 100.000 Euro gekauft - und das in nur zehn Tagen. Das Konzept ist einfach: Auf der Plattform Marburg-Liebe können sich Läden, Lokale, Dienstleister und Kulturbetriebe registrieren. Kunden können so bequem Wertgutscheine kaufen und online bezahlen. Kosten fallen für die Unternehmen keine an, bis auf die Transaktionsgebühr des Bezahldienstleisters.

"Am Anfang ging es uns auch darum, den Unternehmen zu signalisieren, dass sie in dieser Situation nicht allein sind", so Jan-Bernd Röllmann vom Marburger Stadtmarketing, das die Idee ins Leben gerufen hat. Aber inzwischen habe sich herausgestellt: "Das ist mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein - das ist ein substantieller finanzieller Baustein für die Unternehmen, um jetzt über die Runden zu kommen."

"Rette deinen Lieblingsladen"

Er sei positiv überrascht von der großen Anteilnahme der Kunden: "Wir haben schon ganz rührende Mitteilungen bekommen", erzählt Röllmann. Die Kunden hätten ein großes Interesse daran, dass ihre Lieblingsläden erhalten bleiben. "Die fragen sich ja auch: Wie sieht die Stadt aus, wenn es nach der Krise den Einzelhandel nicht mehr gibt?"

Rund 240 Unternehmen haben sich inzwischen registriert: Vom Hipster-Café, über das traditionsreiche Möbelhaus bis hin zum Friseursalon. Zunächst war die Aktion nur auf das Stadtgebiet begrenzt, inzwischen können auch Unternehmen aus dem ganzen Landkreis Marburg-Biedenkopf mitmachen. 2.700 Gutscheine sind laut Stadtmarketing inzwischen verkauft worden.

"Gigantische Unterstützung"

Sven Hoffmann betreibt in Marburg ein Spezialgeschäft für Laufsport. "Gigantisch", sei die Unterstützung, sagt er. Er habe bereits Gutscheine im dreistelligen Bereich verkauft. "Manche kaufen 10-Euro-Gutscheine, die sie dann verschenken, aber eine Kundin hat auch schon Gutscheine im Wert von 500 Euro gekauft."

Viele der Käufer kenne er vom Namen her. Er freue sich besonders darüber, dass die Kunden ihm so zeigen, wie wichtig ihnen der lokale Einzelhandel ist. "Ein paar Stammkunden schreiben ganz nette E-Mails oder rufen sogar persönlich an und fragen, wie es bei uns im Laden läuft."

Über Wasser hält sich der Laufshop momentan, weil Sven Hoffmann zusätzlich noch einen regionalen Lieferservice aus dem Boden gestampft hat: Nach einer telefonischen Beratung kommt Hoffmann mit einer Auswahl an Laufschuhen angefahren. Die Schuhkartons stellt er draußen ab und wartet am Auto, während die Kunden die Ware direkt an der frischen Luft anprobieren können. "Es melden sich jetzt auch viele, die ganz neu mit dem Laufen anfangen wollen - denen fällt offensichtlich die Decke auf den Kopf."

Café-Betreiber: Große Solidarität in Marburg

Auch das traditionsreiche Café Vetter war von Anfang an auf "Marburg Liebe" registriert: Axel Vetter führt den Konditorei-Familienbetrieb in der Marburger Oberstadt. "Es ist schon sehr schwierig gerade, eigentlich fast schon katastrophal", sagt Vetter. Auch Vetter baut nun seinen Lieferservice aus, außerdem kann er seinen Ladenverkauf noch weiter offen haben, weil dort auch Brot und Brötchen verkauft werden. "Aber Ostern ist normalerweise das Hauptgeschäft für uns, weil wir uns auf personalisierte Ostereier spezialisiert haben."

Durch die Hilfsgutscheine hat Axel Vetter nun schon 2.000 Euro zusätzlich eingenommen. Am Anfang habe er mit einer Teilnahme kurz gezögert, denn schließlich würden die Gutscheine später ja auch eingelöst. Aber er sei dann doch ganz schnell an Bord gewesen. Ihn beeindruckt die Solidarität in Marburg: "Nicht nur von den Kunden, sondern auch von Seiten der Stadt, die das jetzt in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat." Besonders gefreut habe ihn ganz unabhängig von der Gutscheinaktion, dass ein großes Marburger Pharmaunternehmen noch 3.500 Ostereier bei ihm bestellt habe, "offenbar auch, um uns jetzt zu unterstützen", sagt Vetter. Dadurch habe er sogar Mitarbeiter wieder aus der Kurzarbeit holen können.

Was passiert bei Insolvenzen?

Bleibt nur die Frage: Wie lange bleiben die Geschäfte noch geschlossen? Wie lange halten die Unternehmen durch? Und was passiert mit den Gutscheinen, wenn dann doch jemand Pleite gehen sollte? Das Marburger Stadtmarketing übernimmt keine Haftung im Fall von Insolvenzen, erklärt Jan-Bernd Röllmann. "Aber wir machen uns darüber natürlich Gedanken und suchen da nach Lösungen." Aber den Kunden sollte dieses Risiko natürlich bewusst sein. "Wir haben es deshalb auch ganz bewusst Hilfsgutschein genannt, damit klar ist, dass hier Unternehmen in Not sind und Hilfe brauchen."

Sendung: hr4, 3.04.2020, 14.30 Uhr