Hier werden Sonnenkollektoren produziert: Die Wagner Solar in Kirchhain.

Beim hr-Tatort am Sonntagabend im Ersten hat die vor dem Ruin stehende Chefin einer Solarfima aus Verzweiflung ein wahres Blutbad angerichtet. Klar, das war Fiktion. Aber wie sieht die Realität für die hessische Solarindustrie aus? Auch sie kämpft in gewisser Weise ums Überleben.

Die Firma Lohmann Solar Technology ist pleite, die Eigentümer wissen nicht weiter, die Mitarbeiter stehen vor der Entlassung - so startet der neue Frankfurt-Tatort, der am Sonntagabend im Ersten gezeigt wurde. Gedreht wurden die Eingangsszenen des Krimis bei der Wagner Solar GmbH in Kirchhain, einem Unternehmen, das tatsächlich vor einigen Jahren vor dem Aus stand. Fiktion und Realität scheinen hier nah beieinander zu liegen.

Auch andernorts hört man von Schwierigkeiten. Beim Niestetaler Solartechnikhersteller SMA etwa, der Millionenverluste meldet und im März ankündigte, 425 Vollzeitstellen abzubauen. Ist die Solarbranche in Hessen tot - so tot wie so viele im hr-Tatort, die an ein Riesen-Geschäft glaubten?

Gekappte Förderung bremste Solarbranche aus

"In den Anfangsjahren der Solarbranche sind viele Solarfirmen sehr schnell gewachsen. Als dann die staatliche Förderung beschnitten wurde, erwischte es uns auch", sagt Andreas Knoch von der Wagner Solar GmbH. 2014 musste das Unternehmen, das zu seiner Hochzeit über 400 Mitarbeiter hatte, Insolvenz anmelden.

Hintergrund: Im Jahr 2012 beschloss die Bundesregierung eine umfassende Kürzung der Vergütung für die Photovoltaik. Hatten Anlagebetreiber zuvor bis zu 50 Cent pro eingespeister Kilowattstunde erhalten, waren es fortan weit weniger als die Hälfte. Das ließ die Branche kollabieren. Auch in Hessen. Die Zahl der neu in Betrieb genommenen Photovoltaikanlagen stürzte von 15.282 im Jahr 2010 auf 5.004 im Jahr 2014.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Und das hatte auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Die Zahl der Beschäftigten in der Solarwirtschaft schrumpfte von 10.900 im Jahr 2012 auf 4.210 im Jahr 2016.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Seitdem hat sich der Markt wieder etwas beruhigt. Gute Nachrichten gab es auch in Kirchhain. Die Wagner Solar GmbH fand einen holländischen Investor, die Sanderink Holding. "Inzwischen schreiben wir wieder schwarze Zahlen", sagt Andreas Knoch. Derzeit arbeiten im Unternehmen 70 Beschäftigte. Hessenweit hat sich die Kapazität der neu in Betrieb genommenen Photovoltaikanlagen zwischen 2015 und 2018 von 60 auf 118 Megawatt wieder fast verdoppelt.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Die Krise der Solarbranche hierzulande lag auch an den günstigen asiatischen Solarmodulen, die den Weltmarkt überschwemmten. Damit konnten die deutschen Hersteller kaum konkurrieren. Jahrelang war SMA in Niestetal Weltmarktführer bei den sogenannten Wechselrichtern. Plötzlich gab es diese Geräte, die Gleichstrom aus Solarmodulen in Wechselstrom umwandeln, bei südkoreanishen Anbietern für die Hälfte.

Die Unternehmen mussten sich umorientieren - nicht ganz erfolglos. "Die deutschen Modulhersteller haben sich inzwischen Nischen gesucht, die sie erfolgreich ausfüllen, etwa gebäudeintegrierte Anlagen oder hochwertige Komplettanlagen für den Wohnbereich", sagt Kontantin Francke vom Bundesverband Solarwirtschaft. Andere Unternehmen versuchen sich breiter aufzustellen. SMA beispielsweise ist inzwischen auch zum Energiedienstleister geworden.

Gesetz deckelt die staatliche Förderung

Und was macht die Landesregierung? "Hessen unterstützt die Nutzung der Solarenergie vor allem mit der Einrichtung und den Unterhalt des Solar-Katasters Hessen", heißt es auf Anfrage beim hessischen Wirtschaftsministerium. Mit diesem kostenlosen Online-Angebot könne sich jeder Hausbesitzer mit wenigen Klicks informieren, ob das eigene Dach für eine Photovoltaikanlage geeignet sei.

Das Problem: Derzeit sind bundesweit insgesamt 48 Gigawatt Solarleistung installiert. Nach aktueller Gesetzeslage ist bei 52 Gigawatt Schluss mit der staatlichen Förderung. Das könnte also bald geschehen. Unterstützung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) soll es danach nur noch für große Solarparks geben. Kleinanlagen auf Hausdächern bekommen dann kaum noch Fördergelder.

"Dieser Deckel muss weg", fordert Andreas Knoch von Wagner Solar in Kirchhain. Notwendig seien stabile Rahmenbedigungen, nicht aber eine Deckelung der Förderung. Dies sei für die Solarwirtschaft überlebenswichtig. Wobei wir wieder bei der Ausgangsfrage wären. Wie geht es der hessischen Solarbranche? Sie lebt - noch.

Sendung: Das Erste, 01.09.2019, 20.15 Uhr