Bildkombination: links, eine Frau sitzt am Wohnzimmertisch mit einem Laptop und hat ein Headset auf dem Kopf, rechts Ausschnitt aus den Ergebnissen der Befragung.

Viele Hessen sitzen seit Wochen im Homeoffice. Einige Firmen planen, auch nach Corona so weiterzumachen. Doch Zahlen belegen: Die Mehrzahl der Beschäftigten will das nicht. Auch Gewerkschafter sind skeptisch.

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zum Video Die Mehrzahl der Hessen mag das Homeoffice nicht

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Marie Biehl führt eine Kundin durch ein Bad, zeigt ihr die Wanne, Ablagemöglichkeiten, die Dusche. Allerdings sitzt die Interessentin zu Hause am Computer. Und Badberaterin Biehl sitzt in ihrer eigenen Wohnung am Laptop. Der Rundgang durch das neue Bad findet virtuell statt. Bis Mitte März hat Marie Biehl im Geschäft von Eisen-Fischer in Limburg Kunden beraten. "Digitale Badberatung gab es überhaupt nicht." Seit rund acht Wochen arbeitet sie coronabedingt von zu Hause. Anfangs sei sie skeptisch gewesen, mittlerweile laufe es gut und sie könne sich vorstellen, auch nach Corona im Homeoffice zu arbeiten – zumindest tageweise.

Die Mehrheit lehnt Homeoffice nach Corona ab

Damit gehört Marie Biehl zu den 43 Prozent, die mit den Erfahrungen der vergangenen Wochen sagen, für sie käme es auch in Zukunft in Frage, von zu Hause aus zu arbeiten – auch nach Corona. Das hat eine repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag des Hessischen Rundfunks (hr) ergeben. Das bedeutet aber auch, dass 54 Prozent nach Corona nicht im Homeoffice arbeiten wollen. Für sie dürften die Nachteile überwiegen.

Ergebnisse der Umfrage: Würden Sie im homeoffice nach der Corona Krise weiterarbeiten wollen?
Diagramm zu den Ergebnissen der Umfrage zum Thema: Würden Sie im Homeoffice nach der Corona-Krise weiterarbeiten wollen?

Vor Corona war Homeoffice oder mobiles Arbeiten die absolute Ausnahme. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums haben zuletzt rund zwölf Prozent der Beschäftigten ganz oder zumindest an einzelnen Tagen von zu Hause aus gearbeitet. Das hat sich mit Corona und den damit verbundenen Einschränkungen für viele Betriebe schlagartig geändert – nun sind es rund dreimal so viele: nämlich gut 35 Prozent. Das hat eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben. In Hessen arbeiten demnach über 1,2 Millionen Erwerbstätige derzeit ein bis fünf Tage pro Woche nicht im Büro oder in ihrer Firma, sondern am Küchentisch, auf dem Sofa oder in ihrem privaten Arbeitszimmer.

Gewerkschafter: "Homeoffice ist große Falle"

Ohne Homeoffice könnte zurzeit in vielen Betrieben gar nicht gearbeitet werden. Jürgen Bothner ist Landeschef der Gewerkschaft Verdi Hessen und er weiß, wie wichtig die Möglichkeit von Heimarbeit gegenwärtig ist. An seinem Küchentisch erzählt er, dass er derzeit selbst zu Hause arbeitet, aber nach so einem Arbeitstag geschaffter ist als sonst. Die Besprechungen und Konferenzen seien intensiver, es fehlten die kleinen Entspannungsmomente beim Kontakt mit anderen, beispielsweise in der Kaffeeküche im Gewerkschaftshaus.

Weitere Informationen

HR-Umfrage

Für die Umfrage hat das Institut infratest dimap am 11. und 12. Mai dieses Jahres 584 erwerbstätige Wahlberechtigte in Hessen telefonisch befragt. Die Fehlertoleranz liegt zwischen 1,4 und 3,1 Prozentpunkten. Die Umfrage ist repräsentativ. Fragen und Antworten zum Thema Meinungsumfragen finden Sie hier.

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Bothner warnt davor, das Homeoffice nach der Krise unverändert beizubehalten. "Unter dem Strich ist das eine große Falle, weil man eine gehörige Portion Selbstdisziplin und Selbstkontrolle braucht, damit man eben nicht weit mehr arbeitet, als man dem Arbeitgeber schuldet." Arbeits- und Pausenzeiten würden auch im Homeoffice gelten. Doch zurzeit sind die strengen Arbeitszeitregeln vorübergehend aufgehoben. Somit kann in der Corona-Krise länger gearbeitet werden als die üblichen acht Stunden oder ausnahmsweise bis zu zehn Stunden pro Tag. Ein Punkt, den Gewerkschafter wie Jürgen Bothner besonders kritisch sehen.

Viele Anforderungen müssen erfüllt sein

Für ein Homeoffice, das diesen Namen auch verdient, müssen nach Angaben des Verdi-Landeschefs einige Anforderungen erfüllt sein: Der Arbeitsplatz müsse, genau wie im Betrieb, allen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften entsprechen, der Arbeitgeber müsse auch sicherstellen, dass beispielsweise sichere Internetverbindungen und Computer genutzt werden.

Anforderungen, die in der Hektik der aktuellen Krise oft nicht erfüllt worden seien. Deshalb spricht Bothner in diesen Fällen auch nicht von Homeoffice, sondern von mobilem Arbeiten. Viele Beschäftigte arbeiteten im eigenen W-Lan-Netz mit privaten Computern oder Smartphones, einige hätten Computer aus ihren Betrieben mitgenommen. Alles Dinge, die eigentlich im Homeoffice nicht vorgesehen sind.

Post und Opel wollen dabei bleiben

Erste, vor allem große Konzerne, haben bereits Konsequenzen aus den Erfahrungen in der Corona-Krise gezogen. Die Post etwa will nach eigenen Angaben, dass auch in Zukunft ein Teil der Angestellten von zu Hause aus arbeitet. Und die französische Opel Mutter PSA plant für alle Bereiche außerhalb der Produktion, das Homeoffice zum Regelarbeitsplatz zu machen. Was das konkret für die Tochter Opel am Stammsitz in Rüsselsheim bedeutet, ist noch nicht klar. Hier heißt es nur, das müsse zunächst mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft ausgehandelt werden.

Und auch die Politik hat bereits reagiert. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angekündigt, er wolle ein gesetzliches "Recht auf Homeoffice" festschreiben. Eberhard Flammer wird hellhörig, wenn er das hört. Er ist Chef des Autozulieferers Elkamet im mittelhessischen Biedenkopf und Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages. In normalen Zeiten seien rund 20 Beschäftigte im Homeoffice. Zurzeit seien das bis zu 160 pro Tag. Die Erfahrungen damit seien so gut, dass die Möglichkeiten fürs Homeoffice nach Corona ausgeweitet werden sollen. Einen gesetzlichen Anspruch aber hält Flammer für falsch, denn das sei ein Eingriff in die unternehmerische Entscheidungsfreiheit.

Individuelle Angebote machen

Auch bei Eisen-Fischer in Limburg will man in Zukunft flexibler mit dem Thema Homeoffice umgehen und individuell entscheiden. Coronabedingt waren oder sind bis zu 80 der insgesamt 300 Beschäftigten im Homeoffice – mehr als doppelt so viele wie sonst. Auch Julia Häuser, die geschäftsführende Gesellschafterin, hat ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Ihr persönliches Fazit: Als Mutter von drei Kindern funktioniere Homeoffice nur "so lala". Sie will in Zukunft genau schauen, für wen ihrer Belegschaft sich das Arbeiten im Homeoffice anbietet – und für wen es eben nicht passt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.05.2020, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Zukunftsmodell Homeoffice? Wie läuft es derzeit bei Ihnen?

42 Kommentare

  • Ich glaube das muss alles nicht sein! Wir haben jedes Jahr eine Krankheitswelle und da hat es keinen interessiert! Ich als Busfahrer bin jeden Tag den Leuten ausgesetzt schon seit etwa 18 Jahren, also so schlimm kann es nicht sein! Wir werden alle nur vorgeführt! Was wäre denn wenn der Öpnv eingestellt würde? Dann würden alle schreien, warum, warum! Maskenpflicht müsste dann jedes Jahr sein

  • Homeoffice ist ein Zukunftsmodell. Wäre es nicht zur Corona Pandemie gekommen, dann wäre das Homeoffice nie so schnell eingeführt worden. Ich finde eine Mischung zwischen Homeoffice und arbeiten in den Firmen, ist die Zukunft. Homeoffice erspart die Wege zur Arbeitsstelle und schont die Umwelt. Durch Skype for Business ist auch der Kontakt und die Kommunikation auf moderne Art gegeben.

  • Liebe Leute, den Begriff gibt es doch gar nicht. Wir arbeiten von zuhause, we do teleworking or work remotely. Kein Ami und kein Engländer versteht diesen komischen Begriff. Erfindet doch nicht dauernd solche Fehler... Mein Favorit, "public viewing" - die öffentliche Aufbahrung von Toten... Pauken haben die Deutschen definitiv verlernt. "Äs giept kain Kartofln mer" - es ist wirklich so gekommen.

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