hrpendler: Teil 1 Pünktlichkeit

Unpünktliche Bahnen sind der Albtraum eines Pendlers und rauben Hunderttausenden in Hessen täglich die Nerven. Doch woran liegt es, dass Bahnen zu spät kommen? Und wie soll das in Zukunft verbessert werden? Wir haben Ihre Fragen Verantwortlichen und Experten gestellt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Diese App bringt RMV-Kunden ihr Geld zurück

Fahrgäste an einer Haltestelle für Busse und Straßenbahnen an der Konstablerwache in Frankfurt
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Volle Züge, verspätete Bahnen und unzureichende Informationsmöglichkeiten: Wer mit dem öffentlichen Personennahverkehr in Hessen unterwegs ist, kennt diese Probleme. In den vergangenen Wochen hat hessenschau.de seine Nutzer gefragt: Was nervt Sie besonders? Wo gibt es dringend Änderungsbedarf? Über 500 Anliegen haben uns erreicht.

Wir haben die spannendsten Fragen an die Verantwortlichen und einen Experten weitergereicht: an den Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), Knut Ringat, an den Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für das Land Hessen, Klaus Vornhusen, und an Carsten Sommer, Professor für Verkehrsplanung an der Universität Kassel.

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Wer ist für was zuständig?

In Hessen sind drei Verkehrsverbünde für den öffentlichen Personennahverkehr zuständig: der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV), der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN). Innerhalb dieser drei Verbünde gibt es verschiedene Verkehrsunternehmen, die sich um den Betrieb kümmern. Dazu zählen Stadtwerke und Busbetriebe sowie Betreiber auf der Schiene wie die Hessische Landesbahn (HLB) und die Deutsche Bahn, die unter anderem den S-Bahn-Verkehr unterhält.

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Was sind die Gründe für Verspätungen?

Bahnkundin Verena Jaster: "Ich glaube wir können an einer Hand abzählen, wie oft die S5 seit Ende September pünktlich unterwegs war. Teilweise fallen mittags drei Bahnen hintereinander aus. Ständig ist irgendein Defekt oder eine Störung im Tunnel gemeldet."

Das sagt der RMV

Unpünktlichkeiten entstünden durch eine Vielzahl von Fehlern: zum Beispiel Probleme bei Signalen, Weichen oder Menschen im Gleis. "In so einem dichten Netz haben kleine Störungen eine große Auswirkung auf das gesamte Netz", sagt RMV-Chef Ringat. Er sehe vor allem die Deutsche Bahn, den Betreiber der S-Bahnen und vieler Regionalbahnen in Hessen, in der Pflicht.

Viele Störungen seien auf Stellwerksausfälle der Bahn zurückzuführen. "Wenn die Bahn nicht in der Lage ist, Stellwerksausfälle zu verhindern, kann der RMV nichts dagegen tun. Das sind Themen, die liegen nicht nur bei uns", sagt Ringat.

Auch die Abfahrtreihenfolge an Bahnhöfen führe zu vielen Verspätungen. Denn eine Regelung besage, dass der Nahverkehr dem Fernverkehr Vorrang gewähren muss. "Wenn die Fernbahnen nicht pünktlich fahren, dann können wir mit den Regionalbahnen, die hinterherfahren, nicht pünktlicher sein."

Das sagt die Deutsche Bahn

Aus Vornhusens Sicht funktioniert die Zusammenarbeit mit dem RMV sehr gut. An den unpünktlichen Bahnen sei vor allem das begrenzte Netz schuld.

Die häufigste Störung im Nahverkehr sei die Zugabfolge. "Wenn zwei Züge vor derselben Weiche stehen, kann nur einer durch. Das ist perfekt geplant im Fahrplan, im echten Leben kann es auch mal so sein, dass ein Zug ein bisschen später kommt und der verdrängt dann den anderen."

Das sagt der Verkehrsplaner

Sommer ist der Meinung, dass Hessen im bundesweiten Vergleich gar nicht so schlecht dasteht: "Der Weg ist richtig. Aber da muss mehr kommen", sagt der Wissenschaftler. Eine Idee sei die Umstellung der Ampelschaltung, sodass öffentliche Verkehrsmittel vor Autos fahren dürften.

Was sind die grundlegenden Probleme?

Pendler Walter Krüger (Marburg): "Meine Einschätzung: Es wurde in der Zeit alles schlimmer. Okay: Verspätungen gab es immer, aber in letzter Zeit ist es teilweise unerträglich, gerade bei der S-Bahn. Eine Fahrt mit der S-Bahn ist schlichtweg nicht mehr einigermaßen verlässlich planbar in jüngster Zeit."

Das sagt der RMV

"Wir haben im Moment eine Pünktlichkeit im S-Bahn-Bereich von etwa 92 Prozent. Das heißt, dass neun von zehn S-Bahnen pünktlich sind. Ziel wäre es, ungefähr 96 Prozent zu haben", sagt RMV-Chef Ringat. Das größte Problem sehe er in der vorhandenen Infrastruktur.

"Das Netz ist so marode, dass uns das heute um die Ohren fliegt." Man habe es schlichtweg verschlafen, Maßnahmen durchzuführen, damit das Netz immer in Takt sei.

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Wann ist eine Bahn pünktlich?

Als pünktlich gelten S- und Regionalbahnen mit einer Verspätung bis maximal 5:59 Minuten. Laut Verkehrsministerium sind Busse mit einer maximalen Verspätung von 2:59 Minuten noch pünktlich.

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Das sagt die Deutsche Bahn

Viele Projekte hätten eher angepackt werden müssen, sagt Vornhusen. "Nehmen wir mal die nordmainische S-Bahn, die wir uns schon sehr lange wünschen oder auch den Ausbau der S6." Ein großes Problem stelle die Planungsdauer dar. Bauprojekte, die jetzt geplant werden, brauchen zum Teil 10 bis 20 Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung. Bis dahin brauche der ÖPNV Alternativen, um die Probleme zu bekämpfen.

Das sagt der Verkehrsplaner

Auch Wissenschaftler Sommer beklagt die Situation. "Ein System kann nicht hochfahren, wenn man jahrelang nichts getan hat. Die Investitionen müssen kommen", sagt er. Der Verkehrsexperte fordert einen konsequenteren Ausbau des ÖPNV, so wie es in Wien der Fall sei.

Dabei sei es nicht hilfreich, in einzelne Strecken, sondern in ein ganzes System zu investieren. Sommer ist der Meinung, dass Land und Kommunen mehr tun könnten. Anschluss- und Überholgleise oder das Einbauen von Weichen seien Möglichkeiten.

Was tut die Politik?

Bahnfahrer Ralf Gunkel: "Die Politik hat auf ganzer Linie seit Jahrzehnten versagt, aber warum soll sie auch was unternehmen? Die Leute sind schließlich ruhig. Und da VIAS, RMV Dialog und Co. genau wissen, dass die Politik nichts unternimmt, (...) machen sie einfach weiter."

Das sagt der RMV

Gelder für die Infrastruktur stehen laut RMV bereit. "Wir haben vom Bund für weitere Infrastrukturmaßnahmen Gelder freigeschaltet bekommen, inklusive der Diskussion eines weiteren Fernbahntunnels", sagt Ringat. Er hofft, dass sich die angespannte Situation, besonders im Rhein-Main-Gebiet, dadurch verbessern wird. "Wir brauchen große Baumaßnahmen, die jetzt kommen, aber vor zehn Jahren hätten fertig sein müssen."

Vor allem brauche es mehr Gleise, einen S-Bahn-Ring und die Wallauer-Spange (Soll die Lücke zwischen Wiesbaden und der Schnellfahrstrecke Köln-Frankfurt schließen, d. Red.). Außerdem steckt sich der RMV ein Ziel: "Ich möchte, dass in naher Zukunft die S-Bahn durchgängig im 15-Minuten-Takt fährt". Dieser Takt sei möglich, bringe das Netz aber an seine Leistungsgrenze.

Das sagt die Deutsche Bahn

Kleine Maßnahmen würden längst umgesetzt. Als Beispiel nennt Vornhusen das neue Stellwerk im Frankfurter S-Bahn-Tunnel. Dort sei nicht nur die Stellwerktechnik erneuert, sondern auch die Geschwindigkeit verbessert worden. "Das sind kleine Maßnahmen, die natürlich nicht bei jedermann dazu führen, dass er erleichtert aufatmet. Aber es ist ein Teil eines Puzzles."

Das sagt der Verkehrsplaner

"Das ist auch immer eine Frage der Bereitschaft: Was ist der Politik ein guter ÖPNV wert?", fragt Sommer. Er wolle, dass die Politik mehr in die Schiene und weniger in den Neubau von Straßen investiere. Anders sei eine Verkehrswende nicht umzusetzen.

Als Vorbild nennt er den ÖPNV in Wien. Dort würden Unternehmen, deren Arbeitnehmer gut an den ÖPNV angeschlossen seien, einen Beitrag für den ÖPNV zahlen und sich so an den Kosten beteiligen. Ein ähnliches Finanzierungssystem sei auch in Deutschland möglich.

#hrpendler - So geht es weiter

Dieser Beitrag gehört zum multimedialen Projekt “#hrpendler”, mit dem der Hessische Rundfunk untersuchen will, wie es den Pendlern in Hessen geht.

Während in der ersten Runde vor allem beschrieben wird, wie die Lage bei den ÖPNV-Pendlern ist, wird es Anfang 2019 auch um Autofahrer sowie um mögliche Verkehrskonzepte für die Zukunft gehen.

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137 Kommentare

  • Auf meiner Strecke gibt es derzeit leider keine Alternative zum Auto: 24km einfach. Mit dem Auto (wenn alles frei ist): 17 Minuten. Mit Öffis (2 mal Laufen, 2 mal Umsteigen): 59 Minuten. Selbst mit Staus auf der Autostrecke verbrauche ich mit dem Auto immer noch weniger Zeit...

    Das liegt aber fast ausschließlich an der Bus/Bahn Streckenführung...

  • Ich dachte immer Bahnfahrer dürfen Ihr Fahrrad nur mitnehmen, wenn ausreichend Platz ist und es während der Stoßzeiten verboten ist ein Fahrrad mitzunehmen. Mich würde es nicht wundern, wenn die Fahrradfahrer so frech sind, ( wie oben erwähnt ) und sich nicht um das Verbot kümmern. Die meisten Radfahrer sind ja auch farbenblind - Rote Ampeln kennen die überhaupt nicht - und von einer intakten vernünftigen Beleuchtung am Fahrrad haben die meisten auch noch nichts gehört. Hier sollte mehr kontrolliert werden und härtere Strafen ( Geldstrafen und Punkte für den Führerschein ) eingeführt werden
    Außerdem müsste das Bahnpersonal einschreiten und den Radfahrer der S-Bahn verweisen.Aber welches Bahnpersonal - an den meisten S-Bahnhöfen gibt es ja schon lange kein Personal mehr. Und die Fahrradbesitzer, die auch noch frech werden, gehören wahrscheinlich den unteren Schichten an - Manche Mitmenschen sind halt Proleten und haben keine gute Erziehung genossen.

  • Die Radfahrer blockieren gerne in S-Bahnen (S6) oder Stockheimer Lieschen mit Ihrern Rädern Sitze und Bänke, das Ein-und Aussteigen der Reisenden mit und ohne Rad wird dann bei sich füllender S-Bahn zur Chaos-Veranstaltung. Spricht man die Radfahrer darauf an, werden die auch noch frech.

    Merke: Ein Fahrrad ist zum Fahren auf der Strasse da und nicht um die S-Bahn zu verstopfen!

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