Eine Aufnahme von der Außenansicht des Hanauer Kunstkaufhauses. Davor Menschen, die vorbeilaufen.

Viele Innenstädte drohen nicht erst seit Corona zu veröden. Hanau hat ein deutschlandweit beachtetes Konzept zur Belebung seiner City entwickelt. Davon profitieren auch junge Unternehmer.

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Audioseite Hanaus Innenstadtkonzept geht bislang auf

"Forum Hanau" in der Hanauer Innenstadt
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"Ich glaube, wir stehen vor einem Schicksalsjahrzehnt für unsere Innenstädte", sagt Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky mit Blick auf leerstehende Geschäfte neben Ein-Euro-Shops, Handy-Läden, Nagelstudios oder Barber Shops. Dieses Bild prägt viele Innenstädte des Landes. Auch Hanau kämpft gegen eine solche Verödung. Der SPD-Politiker Kaminsky sagt: "Das wollten wir einfach nicht akzeptieren."

Der große Innenstadtumbau von 2011 bis 2015, der mit rund 600 Millionen Euro als der teuerste Innenstadtumbau einer westdeutschen Kommune nach dem Zweiten Weltkrieg gilt, sollte Hanaus Zentrum nach Vorstellung der Stadtspitze beflügeln. Die City ist zwar moderner, offener und freundlicher geworden - doch die Probleme mit leerstehenden Geschäften und Billigläden blieben.

Stadt kauft und vermietet Immobilien selbst

Die Stadtverordnetenversammlung beschloss 2019 deshalb eine Vorkaufsrechtssatzung, vor allem um zu verhindern, dass profitorientierte Immobilienhändler weitere Billigläden ansiedeln. Seitdem kauft die Stadt verwaiste Immobilien lieber selbst und vermietet sie günstig weiter an Geschäftsleute mit Ideen.

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Einer von ihnen ist Noah Naber. Der 19-Jährige verkauft Vintage-Kleidung online, bewirbt sie vor allem via Instagram: Pullover mit riesigen Logos auf dem Bauch, Jacken in knalligen Farben oder Jeans mit weit geschnittenen Beinen. Die Klamotten sind älter als er selbst, das meiste stammt aus den 1970er bis 1990er Jahren.

Sich für einen kurzen Zeitraum ausprobieren

Im Internet läuft Nabers Geschäft gut, wie er sagt. Anfang November hat er seinen eigenen Laden in der Hanauer Fußgängerzone eröffnet, dank der Unterstützung der Stadt. Die hat Naber einen dreimonatigen Mietvertrag angeboten. Naber zahlt nur die Nebenkosten und gibt einen Anteil seines Gewinns ab.

"Das ist eine richtig tolle Möglichkeit, mich für diesen kurzen Zeitraum hier auszuprobieren", findet der junge Einzelhändler. Am Ende der Mietdauer können beide Seiten entscheiden, ob das Geschäft weitergehen oder aufgegeben werden soll. Eine Win-Win-Situation.

Anna-Luisa Lamm in ihrem Taschenladen in der Hanauer Innenstadt

In den vergangenen Monaten haben mehrere solcher Pop-up-Stores eröffnet: Schmuckgeschäfte, Gastronomiebetriebe, das Kunstkaufhaus Tacheles. Dort können Künstlerinnen und Künstler aus Hanau und Umgebung ihre Werke ausstellen und verkaufen. "Dass die Stadt so ein Projekt unterstützt, ist wirklich lobenswert", findet nicht nur Tacheles-Storemanager Engin Dogan: Das Konzept hat mittlerweile bundesweit Schlagzeilen gemacht.

Neue Ideen für eine neue Innenstadt

Seit zwei Jahren verfolgt Hanau sein Innenstadt-Konzept. Als während der Corona-Pandemie die Nöte der Geschäftsleute größer wurden, fuhr die Stadt das Programm hoch: Sie unterstützte Geschäftsleute mit Zuschüssen für Mietkosten, half mit Fördermitteln für Werbung oder startete Gutscheinaktionen. Plätze in der Innenstadt wurden aufgehübscht, Parkplätze in Flächen für die Außengastronomie umgewandelt und mit Musikern und Bands Verträge geschlossen, damit sie an belebten Tagen in der Fußgängerzone musizieren.

Kunstkaufhaus Tacheles in der Hanauer Innenstadt

"HANAU aufLADEN" nennt die Stadt ihr Konzept. "Das kostet alles Geld, es bindet Ressourcen, es ist unglaublich viel Arbeit", räumt Hanaus Stadtentwickler Martin Bieberle ein. Doch der Aufwand lohne sich, findet er. Dass dabei nicht jeder Plan aufgeht, nicht jede Geschäftsidee funktioniert, sei einkalkuliert, ergänzt Oberbürgermeister Kaminsky: "Es gibt keinen Ordner im Rathaus, wo wir mal gucken können: 'Wie haben wir denn beim letzten Mal den Untergang der Innenstadt verhindert?' Sondern wir müssen neue Ideen finden."

Gewächshäuser und Bierbänke in einem Gastronomiebetrieb im Fronhof in der Hanauer Innenstadt

Zumindest bislang scheint das Konzept aufzugehen. Deutschlandweit gilt Hanau als Vorbild. Immer wieder erkundigen sich Vertreter anderer Kommunen nach dem Konzept.

Hanau, seit kurzem offiziell Großstadt mit über 100.000 Einwohnern, ist außerdem als einzige hessische Stadt Teil der "Stadtlabore". Bei diesem Projekt, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird, basteln Städte unterschiedlicher Größe an der zukunftsfähigen Stadt. Ob das Hanauer Innenstadt-Konzept tatsächlich eines für die Zukunft ist, wird dann eben diese Zukunft zeigen.

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