Fotografische Portraits der drei Protagonistinnen.

Um sich selbstständig zu machen, braucht man Mut, Geld und eine gute Idee. Die Zahl der Gründungen ist seit einigen Jahren rückläufig, doch gegen den Trend wagen immer mehr Frauen den Sprung ins eigene Business. Wir haben drei von ihnen getroffen.

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Die Zahlen, die der kfw-Gründungsmonitor liefert, sprechen eine deutliche Sprache: Es gibt immer weniger Neugründungen. Schuld daran sind unter anderem die gute Konjunktur und die Rekordbeschäftigung, erklärt kfw-Chefvolkswirtin Friederike Köhler-Geib. Arbeitsplätze sind also relativ sicher, damit sinkt die Zahl so genannter Notgründungen.

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kfw-Gründungsmonitor

Der kfw-Gründungsmonitor erfasst jährlich ein umfassendes Bild der Gründungstätigkeit und basiert auf Angaben von 50.000 zufällig ausgewählten Daten.

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Wenn man allerdings die Neugründungen nach Geschlechtern getrennt betrachtet, fällt auf, dass sich seit 2002 bundesweit immer mehr Frauen selbstständig machen. Diese Entwicklung ist auch in Hessen zu beobachten. Wir haben drei Gründerinnen getroffen, die uns ihre Geschichten erzählen.

Die Infografik zeigt, wie sich die Selbständigkeit von Frauen und Männern in den Jahren 2005 bis 2018 entwickelt hat.

Frauke Kuhn: Aus der Bank auf die Yoga-Matte

Frauke Kuhn ist 36 Jahre alt und promovierte Politikwissenschaftlerin. Vor rund einem Jahr hat sie sich als Yoga-Lehrerin und Coach selbstständig gemacht.

Frauke Kuhn ist Coach und Yoga-Lehrerin

"Ich habe zuletzt als Referentin von Führungskräften in einer mittelständischen Bank gearbeitet. Irgendwann hatte ich die Idee, mich selbstständig zu machen, weil ich selbstbestimmt arbeiten wollte. Ich wollte nur noch das machen, was ich für sinnvoll erachte. Privat habe ich schon immer Freunde gecoached. Irgendwann hatte ich den Wunsch, das auf ein Fundament zu stellen und habe eine Ausbildung zur Systemischen Beraterin gemacht. Danach habe ich noch eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht.

Mit Hilfe der Arbeitsagentur habe ich ein Gründungscoaching erhalten, einen Business-Plan erstellt und einen Gründungszuschuss bekommen. Mein Arbeitsalltag hat sich inzwischen total geändert. Früher war ich nach der Arbeit häufig gestresst, weil ich Deadlines einhalten musste oder Druck von oben kam. Das fällt jetzt völlig weg. Die einzige, die sich jetzt Druck macht, bin ich. Heute berate ich weibliche Führungskräfte und profitiere von meiner Berufserfahrung in der Bank."  

Christine Matthies: Auf der Asienreise reift der Entschluss

Christine Matthies ist 32 Jahre alt und Kommunikationsdesignerin. Ihren Job bei einem Modelabel hat sie an den Nagel gehängt. Vor zwei Jahren hat sie sich als Grafik- und Textildesignerin selbstständig gemacht.

Christine Matthies ist seit 2018 als Grafik-und Textildesignerin selbständig

"Ich war mit meiner Arbeit bei George Gina und Lucy irgendwann nicht mehr glücklich. An manchen Tagen saß ich bis spät abends im Büro. Auch die Wertschätzung im Unternehmen hat mir gefehlt, positives Feedback wurde fast nie vermittelt. Rückmeldung gab es nur wenn etwas 'schlecht lief'. Dabei habe ich mir sehr viel Mühe gegeben, Lebenszeit und Energie in meine Arbeit investiert.  

Die Entscheidung mich selbstständig zu machen, fiel mir nicht leicht. Meine Eltern haben mir beigebracht, aufs Geld zu achten und für die Rente oder ein Haus zu sparen. Während einer fünfmonatigen Südostasienreise habe ich dann den Mut gefasst. Im ersten Jahr habe ich einen Gründungszuschuss über die Arbeitsagentur erhalten. Inzwischen kann ich von meinem Einkommen leben."

Lisa Zimmermann: Aus der Klinik zur Kursleiterin

Lisa Zimmermann ist 33 Jahre alt und ausgebildete Kinderkrankenschwester. Sie hat sich 2018 selbstständig gemacht und bietet verschiedene Eltern-Kind-Kurse an.

Lisa Zimmermann ist seit 2018 selbständig

"Ich habe mich 2018 selbstständig gemacht weil meine Schichtdienste als Kinderkrankenschwester irgendwann unvereinbar wurden mit meiner Familie - vor allem seit ich zweifache Mutter bin. Anfangs habe ich meine Selbständigkeit nebenberuflich aufgebaut und weiter gearbeitet. Das war eine besonders anstrengend Zeit, auch weil ich keine Ahnung hatte von Buchhaltung, Marketing und Bürokratie.

Damals habe ich abgenommen und die Nächte durchgearbeitet. Seit einem halben Jahr kann ich von meiner Selbstständigkeit leben. Ohne mein Einkommen würde meine Familie nicht über die Runden kommen, mein Mann ist Berufskraftfahrer. Inzwischen bin ich sehr glücklich und berate Freundinnen und Bekannte, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen."

Besonderheiten im Gründungsverhalten von Frauen

Christiane Stapp-Osterod, Geschäftsführerin Jumpp e.V.

In Frankfurt begleitet der Verein Jumpp e.V. Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Gründungsexpertin Christiane Stapp-Osterod beobachtet bei Frauen und Migrantinnen einen starken Zuwachs an Gründungen. Die Gründe, aus denen Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, haben sich in den vergangenen Jahren allerdings gewandelt.

"In den 90er Jahren wollten sich viele Frauen selbst verwirklichen, kreativ sein und Cafés eröffnen. Die Frauen, die wir heute beraten sind oftmals hoch qualifiziert, ehrgeizig, haben Führungserfahrung und wollen sich nicht 'die Butter vom Brot' nehmen lassen." In Anstellung sei das in Unternehmen oft nicht einfach. In mittleren Führungsebenen seien viele Frauen vertreten, nach oben hin werde die Beteiligung von Frauen aber immer geringer.

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Jumpp e.V.

Jumpp Frauenbetriebe e.V. ist ein gemeinnütziger Verein aus Frankfurt, der seit 1984 Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet.  Der Verein bietet Beratung, Kurse und Netzwerk-Arbeit an. Der Verein berät nach eigenen Angaben jährlich rund 1.200 Frauen, die sich selbständig machen wollen.    

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Die Top-Berufsfelder für Gründerinnen

Dr.Fritzi Köhler-Geib ist seit 2010 Chefsvolkswirtin der kfw

"Frauen machen sich am häufigsten in Dienstleistungsberufen selbständig", erklärt kfw-Chefvolkswirtin Friederike Köhler-Geib. Kindertagespflege, Ernährungsberatung, Coaching, das seien typische Tätigkeitsfelder. Hinzu kommen Angebote aus den Bereichen Gesundheit, Körperpflege aber auch Journalismus. "Dagegen sind Projekte im produzierenden Gewerbe bei der Gründungstätigkeit von Frauen deutlich seltener als bei Männern."

Langfristig zeigen die Daten aus dem kfw-Gründungsmonitor, dass sich immer mehr Frauen selbständig machen. Dennoch sind in Hessen fast doppelt so viele Männer wie Frauen ihr eigener Chef. 2018 gab es in Hessen 66.700 selbständige Männer, dem stehen 33.300 Frauen gegenüber.

Die Infografik zeigt, wieviele Frauen und Männer 2018 in Hessen selbständig waren: 33.300 und 66.700.

Dass die Zahl der Gründungen insgesamt eher rückläufig ist, liegt auch daran, dass Arbeitsplätze in Anstellung relativ sicher sind. Im Falle einer Arbeitslosigkeit greife das soziale Sicherungssystem, erläutert Köhler-Geib. Außerdem fehle in Deutschland eine frühe Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten, die man als Unternehmer braucht.

"Zwar gibt es an Hochschulen mittlerweile über 200 Entrepreneurship-Lehrstühle, in der schulischen Bildung fehlt eine solche Bildung aber meist." Wer den Sprung in die Selbständigkeit wagt, müsse sich notwendige Kenntnisse, wie Buchhaltung, Finanzplanung und Marketing also von Grund auf erarbeiten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 13.02.2020, 19.30 Uhr