Audio

Audioseite Kommt das Fleisch der Zukunft aus dem Labor?

Forscher zeigt Hackfleisch in Petrischale

Fleisch aus dem Labor - für den Burger müssen keine Tiere sterben. Das könnte bald schon für jeden erhältlich sein, sagt Thomas Herget vom Darmstädter Chemiekonzern Merck im Interview.

Ein Stück Fleisch aus dem Bioreaktor statt aus dem Schlachthaus: Neben rund 80 Start-ups aus aller Welt will der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck die Idee vorantreiben. Anstatt Tiere zu mästen und zu schlachten, soll im Labor mit einer kleinen Gewebeprobe von Schweinen oder Rindern Zellmasse gezüchtet werden, die dann beispielsweise zu einem Burger-Pattie verarbeitet werden kann.

Weil konventionell produziertes Fleisch große Mengen an Treibhausgas verursache, sei die Fleischalternative aus dem Labor in Zukunft unumgänglich, sagt Thomas Herget. Er leitet die sogenannten Innovation-Teams von Merck, die in Darmstadt, China und den USA an den Technologien für künstlich gezüchtetes Fleisch tüfteln.

hessenschau.de: Fleisch aus dem Reagenzglas - das klingt ein bisschen nach Science Fiction.

Thomas Herget: Die Idee, dass man keine Tiere, sondern nur noch das Fleisch züchtet, ist eigentlich schon recht alt. Es gab sie schon im vorigen Jahrhundert - damals von holländischen Forschern. Und tatsächlich wurde im Jahr 2013 in London der erste Burger-Pattie aus dem Labor verköstigt. Dass man in der Petrischale so viele Zellen züchtet, dass man daraus mal einen Burger machen kann, hätte man sich davor nicht vorstellen können.

Thomas Herget in Merck Labor

hessenschau.de: Das heißt, die Produktion von kultiviertem Fleisch ist bereits möglich - wieso können wir es dann noch nicht im Supermarkt kaufen?

Herget: Das größte Problem ist die Herstellung in größerem Maßstab. Um in Zukunft Millionen von Tonnen zu produzieren, gibt es noch viele technische Herausforderungen zu lösen. Aber wir rechnen damit, dass Verbraucher - sofern der Fortschritt so weitergeht - in fünf bis zehn Jahren kultiviertes Fleisch im Supermarkt kaufen können. Und das zu einem mit konventionell produziertem Fleisch vergleichbaren Preis. Zehn Jahre wird es dauern, wenn wir größere technische Probleme haben als erwartet.

hessenschau.de: Wie wird Laborfleisch oder kultiviertes Fleisch genau hergestellt?

Herget: Das funktioniert so, dass man dem Tier zunächst eine Zellprobe entnimmt. Daraus gewinnt man bestimmte Stammzellen oder sogenannte Muskel-Vorläuferzellen. Diese müssen sich dann vermehren. Das geschieht zunächst in kleinen Gefäßen und später in sehr großen Bioreaktoren, die man sich wie große Tanks in einer Brauerei vorstellen kann. Darin vermehren sich die Zellen.

Wir sprechen daher auch von kultiviertem Fleisch, weil die Zellen sozusagen kultiviert werden. Und daraus kann eine Zellmasse entstehen, woraus beispielsweise Chicken Nuggets oder Burger-Patties hergestellt werden können.

Weitere Informationen

Start-ups und Investitionen

In Deutschland gibt es derzeit drei Start-ups (mit Sitz in Berlin, Rostock & Leipzig), die sich auf kultiviertes Fleisch spezialisiert haben. Weltweit sind es insgesamt 76 Start-ups. Die meisten davon sitzen in den USA.
Laut der gemeinnützigen Organisation The Good Food Institute haben Investoren im vergangenen Jahr 366 Millionen US-Dollar in Laborfleisch investiert - Tendenz steigend.
Geforscht werde derzeit an der Herstellung 16 unterschiedlicher Fleischarten, darunter Rind, Schwein, Huhn, Ente, Fisch, Lamm, Pferd, Maus und Känguru.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Welche Rolle spielt dabei Ihre Forschung in den Merck-Laboren?

Herget: Wir bei Merck arbeiten unter anderem an den sogenannten Zellkultur-Medien, die es den tierischen Stammzellen erlauben beziehungsweise erst ermöglichen, sich in den großen Bioreaktoren zu vermehren. Bei diesen Zellkultur-Medien handelt es sich um nährstoffreiche Flüssigkeiten, die im Prinzip vergleichbar mit dem Blut in unserem Körper sind. Sie versorgen die Zellen mit dem, was sie jeweils spezifisch brauchen, um sich zu teilen und sich zu vermehren.

Weitere Informationen

Nährlösung ohne Tierleid

Auch für Laborfleisch mussten bisher mitunter Tiere sterben. Denn viele Nährlösungen enthalten tierische Bestandteile, damit die Zellen gut wachsen - wie das Serum ungeborener Kälber. Merck dagegen setzt nach eigenen Angaben auf die Entwicklung tierfreier Zellkultur-Medien.

Ende der weiteren Informationen

Merck wird also selbst nicht das Fleisch herstellen, das man später auf seinem Teller liegen hat, sondern wir stellen die Nährlösungen her, die beispielsweise Start-ups nutzen können, um kultiviertes Fleisch zu züchten.

hessenschau.de: Über welche Art von Fleisch reden wir eigentlich?

Herget: In den nächsten Jahren wird man erst mal nur eine Zellmasse bekommen, mit der man beispielsweise Hähnchenfleisch in Form von Chicken Nuggets oder auch Burger-Patties herstellen kann. Der "Heilige Gral" ist für die Branche, ein Steak herzustellen - also strukturiertes Fleisch. Aber das ist wirklich ziemlich schwierig und wird auch noch ein bisschen dauern, weil man dafür eine Vorlage braucht, an die sich die Zellen anheften können. Da gibt es bisher noch keinen eindeutigen Weg. Tatsächlich testen wir aber gerade zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt in einem dreijährigen Programm die Möglichkeit, ein Siebdruckverfahren, also ein großtechnisches Verfahren zu nutzen, um strukturiertes Fleisch herzustellen.

hessenschau.de: Glauben Sie, dass der Verbraucher kultiviertes Fleisch wirklich kaufen würde, sofern es auf dem Markt wäre? Immerhin gibt es auch viele pflanzliche Fleischalternativen.

Herget: Ich denke, dass es in Zukunft konventionell produziertes Fleisch, pflanzenbasiertes Fleisch, aber eben auch kultiviertes Fleisch geben wird. Ich glaube aber nicht, dass die drei Arten im Konkurrenzkampf zueinander stehen werden.

Die große Herausforderung ist ja, dass wir in 30 Jahren zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt haben, die Nahrung brauchen. Und wenn wir uns anschauen, wie momentan die konventionelle Landwirtschaft funktioniert, stellen wir fest: Das ist kein gangbarer Weg, wir werden zu wenig Fleisch haben. Wir würden zu wenig Land dafür haben, zu viel Wasser verbrauchen und zu viel CO2 produzieren. Unter diesen Gesichtspunkten ist diese Art Landwirtschaft nicht nachhaltig. Deshalb brauchen wir Alternativen - und da ist kultiviertes Fleisch eine Möglichkeit.

Weitere Informationen

Das sagt die Ernährungsökologin

Eleonore Heil von der Universität Gießen hält kultiviertem Fleisch zugute, dass es etwa keine Antibiotika wie oft konventionelles Fleisch enthält - aber womöglich eben auch keine positiven Elemente wie zum Beispiel essenzielle Fettsäuren. Diese seien im Fleisch von Weiderind enthalten, sagt die Ernährungsökologin.
Sie zweifelt, ob Laborfleisch wegweisend für die Ernährung der Zukunft ist: Es gebe von Natur aus genügend Alternativen zu Fleisch. Niemand müsse Fleisch essen, um sich gesund zu ernähren.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Ist die Ökobilanz von kultiviertem Fleisch wirklich so viel besser als die von konventionell produziertem Fleisch?

Herget: Im Allgemeinen würde man sagen: Ja. Aber man muss natürlich schon ein bisschen genauer hinschauen, um welche Art von Fleisch es sich handelt. Beim Rind gehen alle Analysen in die Richtung, dass diese Art als kultiviertes Fleisch umweltverträglicher als konventionell produziertes Fleisch ist.

Beim Fisch hingegen ist der Vorteil für die Umwelt vermutlich nicht mehr ganz so groß. Es kommt natürlich auch darauf an, wo die Energie herkommt, mit der man das Fleisch produziert, also ob man erneuerbare Energie oder fossile Energie nutzt.

Da es noch nicht die Möglichkeit gibt, kultiviertes Fleisch in Tonnen herzustellen, kann man nur prognostizieren, wie der ökologische Fußabdruck sein wird. Alle theoretischen Berechnungen, die wir selbst anstellen oder die externe Instituten machen, zeigen aber, dass es umweltfreundlicher sein wird.

hessenschau.de: Wie sieht es denn ernährungstechnisch aus? Wie gesund kann kultiviertes Fleisch sein?

Herget: Ich würde in jedem Fall sagen, dass es gesund ist, weil es zum Beispiel frei von Antibiotika ist. Außerdem ist es frei von Hormonen oder jeglichen anderen Kontaminationen. Insofern ist es meiner Einschätzung nach gesünder als konventionelles Fleisch. Es ist auch frei von Mikroplastik - denken Sie dabei nur mal an Fisch. Man könnte sogar so weit gehen, dass man die Zellen noch ein bisschen verändert, so dass sie vielleicht mehr ungesättigte Fettsäuren oder andere gesundheitsfördernde Komponenten produzieren.

hessenschau.de: Ihrer Meinung nach ist kultiviertes Fleisch die Zukunft?

Herget: Hier bei Merck sind wir davon überzeugt. Alle Reports zeigen, dass es kommen wird. Und wir sind sogar ein bisschen überrascht, dass es schneller kommt als angenommen. In Singapur oder Israel kann man kultiviertes Fleisch in kleinem Maßstab bereits konsumieren.

2015 gab es fünf Start-ups, die daran gearbeitet haben. 2018 gab es schon zehn. Heute sind es ungefähr 70 bis 80, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben. Auch das Interesse vieler Investoren zeigt eindeutig, dass kultiviertes Fleisch in Zukunft ein Thema sein wird.

Das Interview führte Sophia Luft.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen

Ihre Kommentare Fleisch aus dem Labor: Was halten Sie davon?

23 Kommentare

  • Ich halte gar nichts davon. Klar muss der Fleischkonsum in den Industrieländern reduziert werden, auf ein moderates Maß. Wenn alle weniger Fleisch essen, können wir unser Fleisch in einer vernünftigen Tier-/Weidehaltung herstellen. Man darf nicht vergessen, dass unsere gesamte offene Kulturlandschaft, aufgrund der Weidehaltung erst entstanden ist, es ist ein extrem artenreicher Lebensraum, viele Arten sind sogar auf den Dung angewiesen, und im Boden wird Kohlenstoff sequestriert. Veganismus oder Laborfleisch retten nicht die Welt. Maßvoller Konsum, heimisch Weide und Futtermittel statt Industrieställe und Regenwaldverbrennung für Sojaanbau, und schon kann man umweltfreundlich Fleisch essen. Und Tiere werden in der Natur sekündlich milliardenfach getötet, weil Natur halt nunmal so ist, da kann der Mensch auch seine für ihn natürliche Mischkost zu sich nehmen. Ich esse entweder richtiges Fleisch oder eben 'ne Mahlzeit ohne, dann brauch ich weder Labor- noch Veggie-Fleischimitate.

  • Das gibt eine Riesen Gewinnmaximierung für den Hersteller. 100000 Tonnenweise hergestellt und wird dann Verkauft als Delikatess Gourmee Freiland Rind Steak Fleisch ....

  • @Rainer aus Francforte: Wie kommen Sie zu der Aussage, das Transport und Verarbeitung mehr CO2 verursachen, als die Aufzucht der Tiere? Das Gegenteil ist der Fall (um nur eine Meta-Quelle zu nennen: https://ourworldindata.org/environmental-impacts-of-food)
    Grundsätzlich fällt mir auf, dass hier einige Kommentare ziemlich am Thema vorbei gehen.
    Insbesondere konventionell Erzeugtes Billigfleisch hat mit Natur wenig zu tun - da würde ich Fleisch aus dem Reagenzglas vorziehen. Von der Uberdüngung der Felder durch die anfallende Gülle ganz abgesehen - fragt mal Euren Braumeister des Vertrauens, wieviele seiner Kollegen das Wasser aus ihren Brunnen noch ohne Aufbereitung verwenden können. Beim Bier hört der Spaß auf - dann lieber deutlich weniger Fleisch...

Alle Kommentare laden